23.06.2026

„Für mich ist Seelsorge ein Herzensanliegen in meinem Beruf als Pfarrer“

Münsterpfarrer Julian Scharpf aus Ulm im Interview

Seelsorge gehört steht im Zentrum kirchlichen Lebens. Aber was bedeutet Seelsorge eigentlich den Menschen, für die sie zum Kern ihrer Berufung und ihrer beruflichen Arbeit gehört? Wie erleben Pfarrerinnen und Pfarrer Seelsorge im Alltag? Was fordert sie besonders heraus? Wo ziehen sie Grenzen? Wie bereichert die Seelsorge ihr Leben? Darüber sprechen hier in loser Folge württembergische Pfarrerinnen und Pfarrer.

Pfarrer Julian Scharpf
Pfarrer Julian Scharpf

Was bedeutet für Sie persönlich „Seelsorge“?

Julian Scharpf: Für mich ist Seelsorge ein Herzensanliegen in meinem Beruf als Pfarrer. Selbst Menschen, die nicht mehr viel mit Kirche und Glaube anfangen können, verknüpfen mit diesem Amt die Erwartung einer seelsorgerlichen Haltung. Ich meine, dass wir als Christinnen und Christen in der Seelsorge Botschafter des Evangeliums und der vorbehaltlosen Annahme jedes Menschen sind. Bei meinem Dienstbeginn wurde ich auf das Seelsorge- und Beichtgeheimnis verpflichtet. Das heißt, was mir gesagt wird, bleibt auch bei mir. Das bedingt und ermöglicht Vertrauen. Ich durfte eine zusätzliche seelsorgerliche Ausbildung absolvieren und selbst schon Ehrenamtliche in Seelsorge ausbilden. Es ist eine erfüllende Aufgabe, für andere Menschen ein Gesprächspartner und Gegenüber zu sein. Ich bin der Überzeugung, dass wir unserer Aufgabe als Kirche gerade in der Seelsorge gerecht werden können und einen Dienst leisten. Selbst wenn wir als Kirche kleiner werden, wird dieser Dienst wichtig bleiben.

Mit welchen Themen kommen Menschen zu Ihnen?

Julian Scharpf: Es ist eher eine Ausnahme, dass Menschen ganz bewusst mit einem bestimmten Thema auf mich zukommen. Seelsorge ereignet sich eher, wenn ich Menschen besuche, zum Beispiel bei Trauergesprächen. Es geht oft darum, einen geschützten Rahmen zum Erzählen zu bieten. Viele Menschen sind einsam und haben selten Gelegenheit, ausführlich mit jemanden zu reden. Ich würde nicht sagen, dass das Thema egal ist, keineswegs. Aber dass die ernsthafte Frage „Wie geht es Ihnen?“ gestellt wird, ist für nicht wenige Menschen schon etwas Besonderes. Oft entwickeln sich solche Gespräche auch aus einem Small Talk heraus, zum Beispiel vor oder nach Gottesdiensten oder auch auf dem Markt. 

Gab es einen Moment in Ihrer seelsorgerlichen Arbeit, der Sie besonders berührt hat?

Julian Scharpf: Wenn ich erlebe, wie Menschen sich gegenseitig in der Trauer stützen, hat das etwas Berührendes. Umgekehrt ist es oft traurig, wie einsam viele Menschen sind und mit ihren Probleme allein fertig werden müssen. Mich selbst erschüttern Schicksalsschläge bei Kindern und Jugendlichen. Wenn etwa Eltern ihre Kinder zu Grabe tragen oder junge Menschen zu früh Eltern verlieren. Ich suche dann nach Worten für die Trauer, die Trost spenden, aber nicht nach Erklärungen. Ich fände es unangemessen, so zu tun, als ob ich schon in allem einen Sinn entdecke.

Wie gehen Sie selbst damit um, wenn Gespräche sehr belastend sind? Was gibt Ihnen Kraft in Ihrer Arbeit?

Julian Scharpf: Mir hilft es, einen räumlichen Abstand zu gewinnen. Es kann schon etwas ausmachen, sich woanders hinzubewegen und einen bewussten Cut zu machen. Mir hilft körperliche Bewegung und Sport, um den Kopf freizukriegen. Ich telefoniere alle zwei oder drei Tage mit einem sehr guten Freund, der auch Pfarrer ist. Der Austausch mit ihm über Beruf, Familie, Kirche und aktuelles Zeitgeschehen gehört zu meiner Psychohygiene. Ich nehme auch gern den Dienst von Supervisoren in Anspruch. Das hilft mir, meine Fragen und Herausforderungen einzuordnen. 

Während des Lockdowns in der Corona-Pandemie war das direkte Gespräch ja nur eingeschränkt oder unter erschwerten Bedingungen möglich. Wie sah Seelsorge in diesen Zeiten aus?

Julian Scharpf: In dieser Zeit waren Telefongespräche, E-Mails und Messengerdienste wichtig. Auch bei Begegnungen im Freien war es oft möglich, miteinander zu sprechen. Aber ich befürchte, dass in dieser Zeit eben auch Vieles liegen blieb. Wenn ich über die Corona-Zeit nachdenke, kommt mir das schon wieder ewig lang her vor. 

Unsere Welt wird immer digitaler. Verändert das auch die Formen von Seelsorge?

Julian Scharpf: Ja. Manche seelsorgerlichen Gespräche gehen auch über Messengerdienste. Das müssen keine ellenlangen Gesprächsfäden sein. Im analogen Leben gibt es ja aber auch seelsorgerliche Kontakte, die nicht ewig dauern. Ich gehe auch davon aus, dass immer mehr Menschen ihre Probleme und Fragen ans Leben mit KI-Apps zu beantworten versuchen. Das mag in manchen Fällen ein guter Erstkontakt sein und es ist besser als diese Fragen für sich selbst zu behalten. Aber mich treibt die Sorge um, dass Menschen es weniger gewohnt sein werden, mit anderen echten Menschen tiefgründige Gespräche zu führen. Die Frage wird auch sein, was uns als Menschen, als Seelsorger unterscheidet von Künstlicher Intelligenz. Ich bin gespannt, ob wir als Kirche gute Möglichkeiten finden, in diesem Gebiet mitzuarbeiten oder ob der Weg sein wird, sich bewusst davon abzugrenzen.

Wenn Sie Seelsorge in einem Satz zusammenfassen müssten – wie würde der lauten?

Julian Scharpf: Seelsorge ist das ernsthafte Interesse daran, wie es meinem Gegenüber geht, und die Überzeugung, dass jeder Mensch durch ein Gespräch sein Leben im Licht des Evangeliums anders sehen kann.

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