22.05.2026

„Übersicht über das eigene Leben zu erhalten, wer wollte das nicht?“

Zur Verleihung des Evangelischen Buchpreises 2026 an Annett Gröschner durch Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl

Die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner ist mit dem diesjährigen Evangelischen Buchpreis des Evangelischen Literatur-Portals e.V. (www.eliport.de) für ihren Roman „Schwebende Lasten“ ausgezeichnet worden. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl, der Vorsitzender des Vereins ist, würdigte in seinem Grußwort Annett Gröschners Roman. 

Annett Gröschner
Annett Gröschner

In seinem Grußwort sagte Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl: „Übersicht über das eigene Leben zu erhalten, wer wollte das nicht? Auch das habe ich durch die Lektüre gelernt. Liebe Frau Gröschner, mit Ihrem Roman haben Sie uns ein großes Geschenk gemacht.“  In ihrer Dankesrede sprach Annett Gröschner über ihre persönliche Beziehung zur Kirche und die biografischen Spuren religiöser Orte in ihrem Leben. Es sei für sie zunächst „paradox“ gewesen, den Evangelischen Buchpreis zu erhalten – ihre Romanfigur Hanna habe sich von der Kirche abgewandt, sie selbst sei nicht getauft. Zugleich erinnerte Gröschner an ihre Kindheit in Magdeburg, an die Johanniskirche und an die Erfahrungen ihrer Mutter während der Bombardierung der Stadt. Kirchen seien für sie immer auch Orte gesellschaftlicher Verantwortung gewesen – etwa beim Kirchenasyl oder während der Friedlichen Revolution in der DDR. „Die Kirche war nie ein sicherer Hafen, aber sie kann ein Hafen sein“, sagte Gröschner.

Im Folgenden finden Sie das vollständige Grußwort von Landesbischof Gohl: 

Das Evangelische Literaturportal zeichnet den Roman “Schwebende Lasten” mit dem Evangelischen Buchpreis 2026 aus. Das ist ein Grund zum Feiern! Ich freue mich auf Ihre Lesung und auf die Begegnungen mit Ihnen, liebe Frau Gröschner und allen, die heute da sind, um Sie und ihren Roman näher kennen zu lernen.

Das Evangelische Literaturportal unterstützt und koordiniert die Büchereiarbeit und Leseförderung der Evangelischen Landeskirchen in Deutschland. Insgesamt gibt es rund 700 öffentliche Büchereien in evangelischer Trägerschaft. Im ländlichen Raum sind sie oft die einzigen wohnortnahen Büchereien, viele arbeiten eng mit den jeweiligen Partnern vor Ort zusammen, um Leseförderung zu betreiben.  Jeder Leser und jede Leserin kann sich mit einem Vorschlag bei der Auswahl zum Evangelischen Buchpreis beteiligen. Eine Jury wählt aus den vorgeschlagenen Titeln eine Shortlist aus und wählt das Siegerbuch.

Ganz unerwartet kommt diese Ehrung nicht. Der Roman war auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, gewann den Preis der LiteratTour Nord 2026 und fand sehr positive Resonanz in den Besprechungen und Kritiken. Der bekannte Literaturkritiker Volker Weidermann würdigte “Schwebende Lasten” als den besten Roman des Jahres.

Annett Gröschner und Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl.
Annett Gröschner und Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl.

Vieles, was bereits in den letzten Monaten über diesen Roman geschrieben wurde, muss ich nicht noch einmal wiederholen. Vielmehr will ich das besondere Profil des Evangelischen Buchpreises zum Anlass nehmen, um dem Roman noch weitere Wertschätzung zu erweisen und alle, die ihn noch nicht gelesen haben, neugierig auf die Lektüre machen. Mit dem Evangelischen Buchpreis wird jedes Jahr ein Buch gewürdigt, dem es in besonderer Weise gelingt, dass Leserinnen und Leser über sich, ihr Miteinander und das Leben mit Gott neu nachdenken. 

Dass dieses Nachdenken in so eindrücklicher Weise gelingt, hängt mit der Lebensgeschichte zusammen, die hier erzählt wird. “Schwebende Lasten” stellt das Leben der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause aus Magdeburg in den Mittelpunkt. Ruhig und ohne jedes Pathos erzählt der Roman von den Schicksalsschlägen in Hanna Krauses Leben. Die genaue Recherche macht das Buch zu einem eindrucksvollen Stück bislang unerzählter Lokalgeschichte. Die Kriegszeit und die Bombennächte von Magdeburg, aber auch die Alltagsgeschichte Magdeburgs werden auf eindrückliche Weise in Erinnerung gerufen. 

Bei der Lektüre des Romans wurde mir bewusst, wie wenig ich über diese Stadt und ihre Menschen bislang wusste. Dabei kam mir ein besonderes Erlebnis in den Sinn. Vor vier Jahren reiste ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Magdeburg, weil dort eine Kirchenversammlung stattfand. Bevor die Veranstaltung begann, traf man sich in einem Hotel in der Stadt. Je länger die Gespräche gingen, spürte ich, dass ich viel lieber durch die Stadt streifen wollte, um in Kontakt mit Menschen aus Magdeburg zu kommen. Also brach ich Richtung Elbe auf. Nachdem ich einen ersten Eindruck von der Stadt bekommen hatte, steuerte ich den Ari-Grill in der Liebknechtstraße an, bestellte eine Portion Pommes und ein Bier und stellte mich an einen Tisch vor den Laden. Es dauerte nicht lang, bis ich mit meinen Tischnachbarn ins Gespräch kam. Kurze Zeit später hielt sogar ein Polizeiwagen und die beiden Polizisten stillten ebenfalls ihren Hunger und diskutierten mit.

Wenn ich es richtig einschätze, so steht am Beginn ihrer Romane, liebe Frau Gröschner, oft das genaue Wahrnehmen von Alltagssituationen. Sie sind eine Meisterin der Teilnehmenden Beobachtung, aber auch des Interviews. Ich habe gelesen, dass Sie 1992 im Prenzlauer Berg, dem damals ja noch eine beispiellose Gentrifizierung bevorstand, ein Erzählcafe einrichteten und den vornehmlich älteren Frauen, die Möglichkeit gaben, ihre bis dato ungehörte Lebensgeschichte zu erzählen. Ich erkenne darin einen roten Faden, der bis zu Hanna Krause aus Magdeburg reicht. Diesen Frauen gaben sie in zahlreichen Publikationen eine Stimme. 

In dieser Wertschätzung treffen wir uns. Zahlreiche diakonische Einrichtungen der Kirche haben heute auch Erzählcafes. Menschen mit ihrer oft unspektakulären Biografie zu würdigen, ist ein diakonisches Anliegen. Im Neuen Testament gibt es eine berühmte Rede, die Jesus seinen Jüngern hält. Dort sagt er: “Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.” 

Was mich beeindruckt hat, ist, wie Sie, liebe Frau Gröschner, das Kleine und Alltägliche im Großen aufleuchten lassen. In dem Prolog Ihres Romans, der kunstvoll gearbeitet ist, schreiben sie über Hanna Krause, sie habe “zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer” erlebt. In diese Großgeschichte, in der sie nicht als Akteurin auftritt, ist diese Zeit auch durch die Ehe mit ihrem Mann Karl geprägt. Über ihn lesen wir, er sei einbeinig und im Alter stumm gewesen und habe “nach der Schicht im Stahlwerk in die Kneipe gemusst, weil er kein Flaschenbier vertrug und gerne Skat spielte.” Was für eine Verbindung! Ihren einbeinigen Mann trägt Hanna Krause “auf dem Rücken durch die Welt” und kümmert sich um seine dreckige Wäsche. Zwei Weltkriege und ein einbeiniger, stummer Mann – beides muss Hanna Krause in ihrem Leben schultern. Das große und das alltägliche Leben sind im Prolog wirklich großartig miteinander verwoben.

Einmal aber prallen beide Lebenssphären unerbittlich aufeinander: in der Bombardierung Magdeburgs, in der sie mit dem Leben davonkommt, aber ihren Sohn verliert – der große Schmerz ihres Lebens. 

Das Kapitel von der Bombennacht, dass die Beschäftigung mit Alexander Kluges Erzählung “Der Luftangriff auf Halberstadt” atmet, steht im Zentrum des Romans. Es ist in diesen Tagen auch eine eindrucksvolle Mahnung für den Frieden.

Vieles, was Hanna Krauses Leben ausmacht, ist den Zeitläufen ihrer Generation geschuldet. Krieg und Tod stehen für das Sinnlose, ja, das Hässliche. Kunstvoll gelingt es der Autorin, dem entgegengesetzt ein Symbol für Schönheit und Ganzheit zu etablieren. Einmal betritt ein geheimnisvoller Fremder Hanna Krauses Blumenladen, überreicht ihr eine Kunstpostkarte eines alten Gemäldes. Es zeigt einen prächtigen Blumenstrauß. Der Fremde beauftragt Hanna, diesen Blumenstrauß wie abgebildet zu binden. Hanna weiß sofort, dass alle die Blumen, die auf dem Gemälde zu sehen sind, niemals zur gleichen Zeit blühen. Sie wird dieser Auftrag und die Kunstpostkarte ein Leben lang begleiten. Das Schöne bleibt im Hier und Jetzt Episode, die vollkommene Ganzheit ist einer anderen Welt vorbehalten. Zu dieser Welt wahrt Hanna Krause ein Leben lang Distanz. Auch das hat mich zum Nachdenken angeregt.

Ein letzter Gedanke: Jahrzehntelang arbeitet Hanna Krause in einem Stahlwerk. Sie ist Kranfahrerin. Was ihr und vielen Männern und Frauen ihrer Generation verwehrt blieb, erlebt sie, wenn sie stahlschwere Lasten mit dem Kran anhebt und sie schweben lässt und dabei das ganze Leben einmal von oben betrachtet: Übersicht über das eigene Leben zu erhalten, wer wollte das nicht? Auch das habe ich durch die Lektüre gelernt

Liebe Frau Gröschner, mit Ihrem Roman haben Sie uns ein großes Geschenk gemacht und ich wünsche dem Buch weiter viele Leserinnen und Leser. Ich hoffe, der Evangelische Buchpreis kann dazu beitragen.

(Mit Material der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern) 

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