„Religionsunterricht war noch nie so wichtig wie heute“

Bildungsdezernentin Carmen Rivuzumwami im Interview 

Welche Rolle spielt der konfessionelle Religionsunterricht in einer zunehmend säkularen und multireligiösen Gesellschaft? Wie hilft er den Kindern und Jugendlichen? Wie verhält er sich zum Schulfach Ethik? Über diese und andere Fragen spricht Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami im Interview. Sie leitet das Dezernat für Schule, Bildung und Diakonat der württembergischen Landeskirche.

Interview: Bedeutung des Religionsunterrichts

Welche Bedeutung hat der Religionsunterricht heute für Kinder und Jugendliche?  

Carmen Rivuzumwami: Religionsunterricht war noch nie so wertvoll und wichtig wie heute. Kinder und Jugendliche sind heute schon früh mit Multikrisen belastet – auch in der Grundschule, sogar schon in der Kita. Hier nach Sinn und Orientierung fragen zu können und so sein zu können, wie sie sind – ausgehend auch von unserem christlichen Menschenbild, dass erst einmal jedes Kind angenommen ist, so wie es ist, geliebt, begleitet, gefordert und gefördert – das zeigt der Religionsunterricht deutlich. Alle Fragen sind willkommen und ernst genommen. 

Profitiert auch die Gesellschaft davon?  

Carmen Rivuzumwami: Ja, auch unsere Gesellschaft, die in einem großen Fragen- und Krisenmodus steckt, profitiert davon. Beginnen wir mit der Demokratie: Der Religionsunterricht fördert genau das, was darin wichtig ist: Eine Position zu entwickeln und andere Perspektiven nachzuvollziehen, mit anderen Positionen ins Gespräch zu kommen und selbst eine klare eigene Option auszubilden. Dies alles geschieht im Kontakt mit unserer christlichen, biblischen Tradition und unseren Angeboten, den biblischen Geschichten, aber auch den Beispielen von Menschen, die in der Nachfolge Jesu, in der christlichen Tradition, agiert haben. 

Es gibt auch Kritik am Religionsunterricht, wie z.B. den Vorwurf, dass Kinder im Religionsunterricht indoktriniert würden. Wie sehen Sie das? 

Carmen Rivuzumwami: Ein ganz klares Nein zum Vorwurf, dass Kinder indoktriniert werden. Kinder werden nicht überwältigt. Es gibt seit den 1970er Jahren den sogenannten Beutelsbacher Konsens. Aus religionspädagogischer Sicht ist dieser 2023 durch den sogenannten Koblenzer Konsent für die Perspektive des Religionsunterrichts erweitert worden. Es geht darum, Kinder mit biblischer Tradition und mit dem Wissen aus der christlichen Religion in Kontakt zu bringen, aber immer zugleich dazu anzuleiten, selbst eine Haltung einzunehmen. 

Es werden auch Alternativen zum Religionsunterricht gefordert und angeboten, wie der Ethikunterricht. Wie stehen Sie dazu?   

Carmen Rivuzumwami: Wir – die vier Kirchen für das Bundesland Baden-Württemberg können für den Religionsunterricht als ordentliches Schulfach nur gemeinsam sprechen – begrüßen es, wenn endlich auch Ethik in der Grundschule eingeführt wird. Darin sehen wir eine Chance. Nicht im Entweder-Oder, sondern im Miteinander, weil viele Themen in der gemeinsamen Ethik wichtig sind, auch für das interreligiöse Begegnungslernen.  

Haben Sie persönlich für den Religionsunterricht eine Vision oder ein Ideal? 

Carmen Rivuzumwami: Ich bin eine Freundin von den „drei Ks“: Erstens besteht eine konfessionelle Grundierung, in diesem Fall für uns, also evangelischer Religionsunterricht. Zweitens ist er kooperativ: Seit über zwei Jahrzehnten bieten wir ihn konfessionell kooperativ, also evangelisch und katholisch an und zwar drittens kontextuell. Wir müssen auf die Kontexte von Stadt und Land schauen, um zu entscheiden, wie die Organisationsformen aussehen können. Und wir werden das interreligiöse Begegnungslernen und die Kooperation mit dem Fach Ethik dabei nicht ausblenden. 

Es besuchen auch Kinder mit anderen religiösen Hintergründen den evangelischen Religionsunterricht. Welche Erfahrungen gibt es daraus? 

Carmen Rivuzumwami: Zunächst einmal ist dies eine große Bereicherung. Der „Religionsunterricht über andere Religionen“, wie es im Bildungsplan steht, maßt sich nicht an, über andere Religionen zu unterrichten, sondern von anderen Religionen zu hören. Also genau das, wofür wir stehen: wahrnehmen, hinhören und mit anderen darüber ins Gespräch kommen.  

Neben den Kindern mit anderen Religionen haben wir sehr viele konfessionslose Kinder im Religionsunterricht. Das bedeutet, dass viele Eltern ihre Kinder bewusst in den evangelischen Religionsunterricht schicken, auch wenn sie selbst nicht mehr Kirchenmitglied oder nicht kirchenaffin sind. Sie messen dem Unterricht eine große Bedeutung bei. Ein sehr schönes Beispiel dazu, was daraus entstehen kann, erreichte mich gerade:  Ein Schüler an einer unserer evangelischen Schulen hat sich aufgrund der Erfahrung des evangelischen Religionsunterrichts in seiner Heimatgemeinde, in der er gerade lebt, taufen lassen und ist evangelischer Christ geworden. Auch das kann der Religionsunterricht.  

Haben Sie persönlich bestimmte Erinnerungen an den Religionsunterricht? 

Carmen Rivuzumwami: Auf jeden Fall, ohne diesen würde ich heute hier nicht sitzen, ich wäre nicht Oberkirchenrätin und nicht Bildungsdezernentin. Ich bin in einem vollkommen atheistischen Elternhaus groß geworden: die Wurzeln dafür lagen in schlimmen Erfahrungen meines Vaters gegen Kriegsende. Im Gymnasium habe ich am Religionsunterricht teilgenommen. Er hat mich geprägt und in mir den Entschluss wachsen lassen, Theologie zu studieren, noch gar nicht mit dem Berufsziel, Pfarrerin zu werden. Aber ich wollte mehr wissen und wurde immer neugieriger darauf.   

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