Seit mehr als 100 Jahren wird am Internationalen Frauentag, am 8. Mai, auf Frauenrechte aufmerksam gemacht. Wir haben Landesfrauenpfarrerin Karin Pöhler gefragt, wie sie die Entwicklung der Gleichstellung sieht, was sie von stereotypen Rollenbildern in den Medien hält und wie die Gleichstellung theologisch einzuordnen ist.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Gleichstellung von Frauen aktuell in der Gesellschaft?
Pfarrerin Karin Pöhler: Insgesamt haben wir schon viel erreicht. Der Gender Pay Gap wird kleiner und Frauen sind inzwischen überall präsent, wenn auch an vielen Stellen noch unterrepräsentiert. In einigen Bereichen, wie in der Medizin, der Stadtplanung oder der Politik, wird inzwischen die Frauenperspektive immer mehr berücksichtigt. Es wird nicht mehr ausschließlich und selbstverständlich vom “Normal = Mann“ ausgegangen.
Was jetzt dringend ansteht, sind viele Dinge, die sich nicht so leicht in politische Forderungen, Vorschriften und Gesetze umsetzen lassen:
Zum Beispiel sollten mehr Männer anfangen, über ihre Rollenbilder, ihr Verständnis von Männlichkeit und „echter“ Gleichberechtigung nachzudenken. Es geht um Haltungen und Klischees, die uns geprägt haben und in unseren Köpfen immer noch weiterwirken. Diese gilt es zu erkennen und zu reflektieren. Das wird dann auch Auswirkungen auf Themen wie Care-Arbeit, Mental Load und Gewalt gegen Frauen haben.
Frauen haben sozusagen seit Jahrzehnten ihre „Hausaufgaben“ gemacht und viel erkämpft und erreicht. Jetzt ist es an den Männern, sich zu bewegen. Es ist nicht damit getan, dass Frauen für sich einen Platz in einer patriarchal geprägten Gesellschaft erkämpfen. Für eine wirkliche Gleichberechtigung muss sich die Gesellschaft ändern. Wir müssen über Werte und Haltungen reden.
Und wir müssen darauf achtgeben, dass diese Erfolge, die Frauen in den vergangenen Jahrzehnten erkämpft haben, nicht durch einen aktuell durchaus spürbaren „Roll back“ wieder zurückgenommen werden.
In den Medien sind teilweise stereotype Rollenbilder präsent, wie „Tradwives“. Ist dies aus Ihrer Sicht ein eher mediales Phänomen von Social Media, oder lassen sich Frauen und Männer davon tatsächlich beeinflussen?
Pöhler: Die Tradwives in den sozialen Medien ärgern mich. Sie stellen das Leben einer Frau als Hausfrau und Mutter nicht als eine Möglichkeit dar, als Frau zu leben, sondern als ideal und teilweise sogar als einzige richtige Lebensweise, manchmal sogar „gottgewollt“. Da läuten bei mir dann die Alarmglocken. Jede Frau sollte sich frei entscheiden können, wie sie leben möchte. Außerdem machen einige dieser Tradwives ihren Userinnen etwas vor, denn sie verdienen bestimmt meist ganz gut Geld mit ihrem Content. Und die Realität ist doch so, dass viele Mütter es sich finanziell gar nicht leisten können, dauerhaft zuhause zu bleiben.
Sicher lassen sich junge Frauen und Männer von den Tradwives beeinflussen, aber ich denke, es ist nicht so massiv, wie manchmal getan wird. In der Realität erlebe ich wenige dieser Tradewives. Die überwiegende Mehrzahl von Mädchen wächst mit berufstätigen Müttern auf. Die Prägekraft des realen Lebens sollten wir nicht unterschätzen. Ich erlebe in meinem Umfeld viele selbstbewusste und reflektierte Frauen, die das Phänomen „Tradwives“ ähnlich sehen wie ich.
Wichtig ist doch, dass wir jungen Menschen Mut machen, ihren eigenen Weg zu finden, und die gesellschaftlichen Bedingungen, wie zum Beispiel das Kinderbetreuungsangebot, verbessern, damit sie diesen Weg auch gehen können.
Wie ist das Thema Gleichstellung theologisch zu sehen?
Pöhler: Für mich ist das Anliegen der Gleichberechtigung ganz klar theologisch begründet: Am Anfang schuf Gott den Menschen als männlich und weiblich, alle Menschen sind sein Ebenbild - gleich an Würde, gleich an Rechten. Das ist für mich die Urerzählung zu diesem Thema.
Bei Jesus finden wir in der biblischen Überlieferung ein für damalige Verhältnisse sehr „gleichwertigen“ Umgang mit Männern und Frauen. Frauen spielen in den Evangelien eine prominente Rolle: die Frauen bleiben unterm Kreuz, Frauen haben den Mut, am Ostermorgen zum Grab zu gehen, und werden so die ersten Zeuginnen der Auferstehung.
Und selbst in den Briefen des Paulus lassen sich noch Spuren davon entdecken: Paulus wird gerne mit „Das Weib schweige in der Gemeinde“ aus Kapitel 14 des 1. Briefs an die Gemeinde in Korinth zitiert. Das ist ein gutes Beispiel für den problematischen Umgang mit einzelnen Bibelversen, die aus ihrem Kontext heraus zitiert und als absolut gültig dargestellt werden. Denn im selben Brief, in Kapitel 11 wird ausführlich beschrieben, dass auch Frauen im Gottesdienst beteten und prophetisch redeten.
Zudem ist aus dem Brief an die Gemeinde in Rom zu entnehmen, dass es unter den ersten Gemeinden durchaus Frauen in hervorgehobenen Positionen gab: So ist die Diakonin Phoebe die Überbringerin des Briefes an die Gemeinde. Das war viel mehr als nur eine Postbotin, sie hat vermutlich den Brief vorgetragen und der Gemeinde erläutert. In der Grußliste desselben Briefs werden Andronikus und Junia als „berühmt unter den Aposteln“ bezeichnet. Erst später wurde aus dem weiblichen Junia durch die Ergänzung des Buchstaben „s“ (das ist im Griechischen nur ein kleines Häkchen), ein Männername, der allerdings nirgends sonst belegt ist.
Über die Evangelischen Frauen in Württemberg (EFW):
Die EFW – der die Sonderpfarrstelle der Landesfrauenpfarrerin zugeordnet ist – fördert als Werk der Landeskirche die Gemeinschaft evangelischer Frauen, ihre Zusammenarbeit und ihr Verantwortungsbewusstsein. Sie vertritt Anliegen ihrer Mitglieder und nimmt zu Gegenwartsfragen Stellung. Ihr gehören 24 Frauenverbände an.
Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontakt@