29.10.2025

„Kein dunkles Schicksal, keine politischen Machthaber, keine Multimilliardäre haben diese Welt in der Hand“

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl predigt am Reformationstag um 19:00 Uhr in der Stiftskirche Stuttgart

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl spricht in seiner Predigt am Abend des Reformationstags (31. Oktober) in der Stuttgarter Stiftskirche über das jüdische Glaubensbekenntnis im 6. Kapitel des 5. Buch Mose. Er setzt dieses Glaubensbekenntnis in Beziehung zum Gottesbild Martin Luthers. Der Gottesdienst in der Stiftskirche beginnt um 19:00 Uhr.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl in der Stiftskirche Stuttgart
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl in der Stuttgarter Stiftskirche (Archivbild)

Landesbischof Gohl betont dabei das historisch Neue des jüdischen Glaubensbekenntnisses. Dieses Bekenntnis sei „der Gegenentwurf zu einer bunten Götterwelt. Und das ist bis heute revolutionär. Es sagt nämlich: Kein dunkles Schicksal, keine politischen Machthaber, keine Multimilliardäre haben diese Welt in der Hand. Nur einer ist Gott. Er hat Himmel und Erde geschaffen. Jeder Mensch ist sein Geschöpf und Ebenbild. Deshalb hat jeder Mensch eine Würde, die ihm niemand nehmen kann.“ Gott höre „das Seufzen seines Volkes. Den Schwachen hilft er zum Recht. Die Gewalttätigen weist er in die Schranken.“ Der Gott der Bibel wolle, „dass die Menschen Zukunft haben“.

Gohl erklärt, die ersten Worte des Bekenntnisses (‚Schema Israel‘ – ‚Höre Israel!‘) ergäben auf Hebräisch zusammen das Wort ‚Zeugnis‘; die „Glaubenden sollen Zeuginnen und Zeuge sein“. Das heiße nicht, andere Menschen zu überreden, so Gohl, sondern: „Ich stehe zu meinem Glauben. Weil ich der Überzeugung bin, dass unsere Welt die Botschaft vom gnädigen Gott bitter nötig hat.“

Im Mittelpunkt von Martin Luthers Theologie, führt Gohl aus, stehe „die Rückbesinnung auf das biblische Gottesbild.“ Luther habe erkannt: „Wir können und müssen uns Gottes Liebe nicht durch ein frommes Leben und gute Taten verdienen. Gott versöhnt uns ohne Vorleistung. Er ist ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit.“ Dieses Gottesbild durchziehe die ganze Bibel. Gohl betont, das jüdische Glaubensbekenntnis dürfe nicht christlich vereinnahmt werden. Aber Christen könnten sich fragen: „Wo können wir zu Zeuginnen und Zeugen von Gottes Liebe werden?“ 

Gohl erklärt weiter Luthers Gedanken zur Erkennbarkeit Gottes: „Wenn wir Gott suchen, finden wir ihn nicht im Gottesbeweis oder durch eine Ableitung der Vernunft. Nein, Gott erkennen wir im Leiden dieser Welt und in den Kreuzesgestalten. Wir erkennen Gott in seinem Sohn Jesus Christus.“

Das jüdische Glaubensbekenntnis spreche „von dem einen Gott, den wir in seiner Liebe zu dieser Welt zu bezeugen haben“. Diese Zeugenschaft „zu Gott und dieser Welt sei die Brücke zwischen dem ‚Schema Israel‘ und dem gnädigen Gott Luthers.“

Gohl fordert dazu auf, sich daran zu erinnern, „was Gott uns alles im Leben schenkt. Und bezeugen wir seine Liebe in dieser Welt. Der gnädige Gott macht uns zu gnädigen Menschen.“

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