
Renate Ludwig war die erste Theologin in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, die die zweite Dienstprüfung ablegte. Als „Vikarin“, als engagierte Pädagogin war sie ein Vorbild für viele.
Am 19. Juni 1905 wurde Renate Ludwig in Berlin-Schöneberg geboren. Von 1925 bis 1929 studierte sie Theologie in Berlin und Tübingen. 1929, im Jahr ihrer ersten Dienstprüfung, wurde sie Mitglied im Verband evangelischer Theologinnen Deutschlands. Von 1929 bis 1933 war sie "Pfarrgehilfin" in Stuttgart, 1932 hat sie als erste Theologin in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg die zweite Dienstprüfung abgelegt. Für Männer hätte dies die Übernahme ins Pfarramt bedeutet. Doch Frauen war das zu dieser Zeit verwehrt – für sie galt das ‚Zölibat‘, bis 1968: Waren sie im öffentlichen Dienst, mussten sie lebenslang unverheiratet, ohne Familie bleiben.
Von 1933 bis 1938 war Renate Ludwig Mitarbeiterin im „Central-Ausschuss der Inneren Mission“ der Evangelischen Kirche in Berlin. Seine „Apologetische Zentrale“, gegründet 1921 (1960 in der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ in Stuttgart, 1995 in Berlin fortgeführt),wurde 1937 von der Gestapo geschlossen: Sie stand im Widerspruch zur Ideologie des NS-"Chefideologen" Alfred Rosenberg.
Mit der Begründung ihrer "nichtarischen Herkunft“ - eine Großmutter jüdischer Herkunft war zum Protestantismus konvertiert - wurden ihr fortan Vorträge und Veröffentlichungen verboten.
Am 2. Juli 1936 war sie – gemeinsam mit acht weiteren Vikarinnen – im Auftrag des Bruderrats der Bekennenden Kirche ordiniert worden durch Präses Jacobi in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem. In Berlin arbeitslos, ohne berufliche Aussichten, nahm sie alte Verbindungen nach Württemberg auf. Von 1938 bis 1941 wurde sie "Pfarrgehilfin" in Schwenningen, im Februar 1941 trat sie ihren Dienst als Vikarin (später "Pfarrvikarin") in Esslingen an. 1944 promovierte Renate Ludwig in Tübingen über "Das christliche Erbe in der deutschen Frauenbewegung".
Von 1946 bis 1958 als Vikarin bei der Evangelischen Frauenarbeit in Württemberg vertrat sie diese seit 1949 als Mitglied im Rundfunkrat in Stuttgart. Als Vertreterin der Frauenarbeit reiste sie in die USA, schrieb Artikel in den Zeitschriften "Zeitwende" und "Evangelische Theologie" und war Dozentin an der Volkshochschule Esslingen. Von 1958 bis zu ihrer Pensionierung unterrichtete sie am Mädchengymnasium und am Theodor-Heuss-Gymnasium in Esslingen. Nach einem Unfall bei einer Studienreise in Ägypten starb Renate Ludwig in Esslingen am 27. April 1976.
[Hinweis der Redaktion: Der folgende Abschnitt enthält persönliche Erlebnisse, Erfahrungen und Interpretationen der Autorin.]
Renate Ludwig steht für jene Geschichte von Theologie und Kirche im 20.Jahrhundert, deren weibliche Seite heute weithin verborgen und vergessen ist. Denen, die durch ihre Schule gingen, war dies damals nicht bewusst. Es war keine leichte Schule. Sie forderte viel, war streng, konnte barsch sein – aus schwäbischer Sicht. Denn Renate Ludwig kam – sichtbar und hörbar – aus einer ganz anderen Welt: aus Berlin, dem 'Großen Vaterland', wie man im Schwäbischen gern sagte. Sie hatte "Schnauze", war trocken, humorig, gelegentlich ruppig. Auch als sie mit drei damals 15-jährigen Schülerinnen des Esslinger Mädchengymnasiums nach Saarbrücken und Bern reiste im Wettstreit um den "Goldenen Schulranzen": Sie hielt stets auf Distanz. Wir bewunderten ihren Umgang mit den Medien, doch Genaues war nicht bekannt. Was aber für uns zählte: Sie war anders und kritisch, sie förderte und forderte („Lutherlieder werden auswendig gelernt, da gibt es nichts!“), war oft unbequem. Sie öffnete uns die Welten von Philosophie, Geschichte, Theologie. Sie packte und motivierte, sie nahm uns ernst. Und sie war "modern", sichtbar und hörbar anders.
"Nichtarisch" im Sinne des NS, Teil der Frauenbewegung und der Bekennenden Kirche im Dritten Reich, unterworfen dem "Frauenzölibat" für Beamtinnen als nicht gleichberechtigte "Vikarin" bis in die 1960er Jahre: Von alldem hat uns damals "Fräulein Dr. Ludwig" (auf diese Anrede bestand sie) nichts erzählt. Wir sahen sie nie im Talar – und fragten nie nach dem Grund. Warum sie dazu geschwiegen hat - darüber lässt sich nur mutmaßen. Vielleicht wusste sie, dass solches Leben mehr als eine Generation Abstand braucht, um befragt und verstanden zu werden.
Demütigungen auf dem Lebensweg mögen das Schweigen befördert haben. Als Renate Ludwig 1929 zusammen mit Else Breuning in der kalten Tübinger Schlosskirche ihre Examenspredigt (nur als „Ansprache“, nicht auf der Kanzel!) halten sollten, erbarmten sich die Professoren Fezer und Faber, nahmen sie mit in die Sakristei. An der Schlosskirchentür hing ein Zettel: „Männer haben keinen Zutritt.“
1968 erst wurden Frauen als „Pfarrerinnen" gleichgestellt durch Ordination und Talar – aber noch mit dem sogenannten Frauenbeffchen und dem Frauenbarett. Eine Ordnung hatte das Talarverbot und das Zölibatsgebot für „Vikarinnen" (nach „sechs- bis acht-jähriger Bewährung als Pfarrvikarin") 1948 noch einmal festgeschrieben.
Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger