
„Erzieht eure Kinder ohne zuviel Strenge!“ Wer dies im 18. Jahrhundert sagte und zu „andauernder zarter Güte“ riet, konnte nicht mit spontaner Zustimmung rechnen. Johann Friedrich Oberlin, seit 1767 evangelischer Pfarrer, Pädagoge und Sozialreformer im elsässischen Steintal, hat seinen Worten Taten folgen lassen wie vor ihm Philipp Jakob Spener, einer der Väter des Pietismus. Sich nicht auf eine fromme Innerlichkeit zu beschränken, sondern eine praxis pietatis zu leben, kennzeichnet Oberlins Werk. In seiner Gemeinde Waldersbach und Umgebung hat er segensreiche Spuren hinterlassen, in der Kindererziehung und weit darüber hinaus.
Oberlin als Bildungsreformer und Wirtschaftsförderer
In den Schulen verfolgt er das Ziel, die Konzentrationsfähigkeit und das manuelle Geschick der Kinder zu fördern, etwa durch Stricken, Malen und Blätterpressen. Zudem sollen die Kinder ihre Heimat und deren Gesteine und Pflanzen kennenlernen. Dazu dienen Oberlins Sammlungen zu naturkundlichen Themen, auch gemeinsame Ausflüge in die Umgebung. Heute selbstverständliche didaktische Elemente wie Spiele, Karten und Holzbuchstaben werden eingeführt. Auf seine Initiative hin entstehen auch Kleinkinderschulen, die Vorläufer der heutigen Kindergärten. Seine Ansichten legt Oberlin in pädagogischen Schriften nieder.

Darüber hinaus nimmt er den Kampf gegen die große Armut seiner ländlichen Gemeinde auf, kümmert sich um soziale und persönliche Nöte. Die Verbesserung des Obstbaus im Steintal, der Wiesen, Bewässerungsanlagen und der Bodenqualität, ist sein Verdienst. Neue Obst-, Futter- und Gemüsesorten werden eingeführt, verbunden mit neuen Anbautechniken. Eine Brücke wird gebaut; Straßen werden befestigt, um die abgelegene Gegend zu erschließen. Zusammen mit den einheimischen Bauern legt Oberlin selbst Hand an, setzt dabei sein geringes Pfarrersgehalt ein.
Sein Wirken wird weit über das Tal hinaus bekannt. Er findet Unterstützer, um mehrere Industriebetriebe zu gründen. Mit Hilfe einer von ihm eingerichteten Leih- und Kreditanstalt kann eine Seidenbandfabrik im Steintal angesiedelt werden. Die Tuchweberei wird als Heimarbeit eingeführt, Wohnunterkünfte und hygienische Verhältnisse werden verbessert. Eine Leihbibliothek für Erwachsene wird gegründet. Im Waldersbacher Pfarrhaus richtet er eine Apotheke ein. Er vergibt Ausbildungsstipendien für Ärzte und Hebammen, die sich im Steintal niederlassen sollen. Frauen können in seiner Gemeinde mit dem Diakonenamt betraut werden; so werden sie Vorläufer für das spätere Berufsbild der Diakonisse.
In all dem versteht sich Oberlin als Lehrer und Katechet der Kinder wie der Erwachsenen. So wird er auch als Seelsorger geschätzt, als Pfarrer, für den Seelsorge und Leibsorge untrennbar verbunden sind. Predigen auf der Kanzel und Arbeit im Straßenbau, Bildung der Gemeinde und Wirtschaftsförderung sind zwei Seiten einer Münze; beide zielen auf die Verkündigung der christlichen Botschaft.

Dass der den irdischen Reformen zugewandte Pfarrer sich auch Spekulationen über das Jenseits und die „Bleibstätten der Verstorbenen“ hingegeben hat, verbindet ihn mit vielen seiner Zeit wie Johann Heinrich Jung-Stilling, Christian Gottlob Barth, Adam Karl August Eschenmayer, Justinus Kerner und Johann Christoph Blumhardt.
Bei Oberlins Ankunft im Steintal 1767 leben in Waldersbach und den umliegenden fünf Dörfern etwa 100 Familien in großer Armut. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind es bereits etwa 3.000 Personen, die von seinen Gesundheits- und Bildungsreformen profitieren, verbunden mit einem bescheidenen Wohlstand. Am 1. Juni 1826, nach 59-jähriger Wirksamkeit im Steintal, ist Oberlin in Waldersbach gestorben; auf dem Friedhof von Fouday liegt er begraben. Sein Pfarrhaus in Waldersbach beherbergt heute das Oberlin-Museum.
Nachwirkungen
Oberlins Schulreformen finden Nachahmer, etwa in Württemberg, wo der Pfarrer und Schriftsteller Christian Gottlob Barth, der Oberlin noch persönlich kennengelernt hat, 1826 in Stammheim bei Calw eine Kinderrettungsanstalt ins Leben ruft, um vernachlässigten Kindern eine Heimat zu bieten. Johann Christoph Blumhardt, Barths Nachfolger in Möttlingen, teilt die Hochschätzung Oberlins und gründet 1844 eine Kleinkinderschule. Im Hungerjahr 1847 richtet er in Möttlingen eine Leihkasse ein, die Kleinkredite zu niedrigen Zinsen vergibt und später zu einer Viehleihkasse wird. Wie Oberlin erschließt Blumhardt seiner Gemeinde neue Erwerbsquellen, hier durch Gründung einer Spinnanstalt und das Dörren von Tannenzapfen.
Auf dem Stuttgarter Kirchentag 1850 richtet Blumhardt einen Appell an die Schullehrer. Ein Lehrer müsse „mit liebender, obwohl ernst gehaltener Sanftmuth unter seinen Kindern stehn und in gewissem Sinn ihnen Alles sein können, um Alle zu gewinnen. Er muß ein Seelsorger sein, der allezeit wohl überlegt, womit er am leichtesten die Herzen gewinnen könne.“ Besser kann man Oberlins Anliegen nicht formulieren.
Dr. Dieter Ising