„Momente, in denen ich die Sinnhaftigkeit meiner seelsorglichen Arbeit und meine eigene Ohnmacht gleichermaßen erlebe“

Was ist Seelsorge? Pfarrerin Judith Heiter aus Ulm im Interview

Seelsorge steht im Zentrum kirchlichen Lebens. Aber was bedeutet Seelsorge eigentlich den Menschen, für die sie zum Kern ihrer Berufung und ihrer beruflichen Arbeit gehört? Wie erleben Pfarrerinnen und Pfarrer Seelsorge im Alltag? Was fordert sie besonders heraus? Wo ziehen sie Grenzen? Wie bereichert die Seelsorge ihr Leben? Darüber sprechen hier in loser Folge württembergische Pfarrerinnen und Pfarrer.

Pfarrerin Judith Heiter
Pfarrerin Judith Heiter

Was bedeutet für Sie persönlich „Seelsorge“?

Judith Heiter: Seelsorge bedeutet für mich persönlich, dass es einen Raum gibt, in dem ich loswerden kann, was mich beschäftigt oder belastet. In diesem Raum ist ein Gegenüber, das offen und ohne zu werten zuhört – und Gott ist da. 

Möglicherweise entsteht im Sprechen und Gehörtwerden ein Weg oder eine Idee. Möglicherweise hält auch jemand einfach nur mit aus. Und Gott hält mit aus.

Ich erlebe, dass ich angesehen und gehört bin und da jemand ist, der mitgeht.

Mit welchen Themen kommen Menschen zu Ihnen?

Judith Heiter: Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Themen und Gesprächsanliegen zu mir. Da gibt es den älteren Herrn, der seine Frau gepflegt hat und in mir jemand gesucht hat, mit dem er laut nachdenken kann über Alltagsprobleme, der mich als seine „moralische Instanz“ bezeichnet und der mir jetzt – nach dem Tod seiner Frau – sagt, dass er keinen Lebensmut mehr hat. Es gibt die ehemalige Konfirmandin, die von den Problemen mit ihren Eltern und in der Schule erzählt und davon, dass sie sich manchmal selbst verletzt. Das Thema „Einsamkeit“ spielt in vielen Gesprächen eine Rolle. Oft schütten Menschen ihr Herz aus nach dem Tod des Partners oder der Partnerin. Es geht aber auch in Gesprächen um Erziehungsprobleme bzw. die empfundene Überforderung vom System Familie. Menschen erzählen mir von Beziehungsproblemen und von ihrem Leben mit einem Angehörigen, der mit psychischen Belastungen umgeht. Und ich höre in der Schule Kindern zu, die von der Trennung der Eltern erzählen, vom Tod eines Geschwisterkindes, von Gewalt und wovor sie Angst haben.

Ich erlebe es aber auch immer wieder, dass Menschen mir berichten von besonderen Gottesoffenbarungen, von Wundern in ihrem Leben – Menschen, die offenbar jemanden brauchen, der das Erlebte für möglich hält.

Gab es einen Moment in Ihrer seelsorgerlichen Arbeit, der Sie besonders berührt hat?

Judith Heiter: Ja, den gab es nicht nur einmal… Ich erinnere mich sehr gut, wie die junge Frau anrief, die ich nach dem Tod ihres Mannes kennengelernt und in vielen Gesprächen begleitet habe. Sie meinte: „Stellen Sie sich vor, mir ist die Liebe noch einmal begegnet…“ – in einigen Monaten werde ich sie verheiraten. 

Am Leid und ebenso am Glück von Menschen teilhaben zu dürfen, empfinde ich als großes Privileg meiner seelsorglichen Arbeit.

Aber natürlich erinnere ich mich auch an das junge Paar, das mit fließenden Tränen bei mir im Gottesdienst saß – ich hatte sie wenige Monate zuvor verheiratet. Nach dem Gottesdienst erzählten sie mir: „Wir haben vor zwei Tagen unser ungeborenes Kind verloren.“

Oder die Bitte eines Kindergartens, in die Einrichtung zu kommen um mit den Kindern sowie den Erzieherinnen über den Unfalltod eines Kindergartenkindes zu sprechen.

Oder die Anfrage eines anderen Kindergartens, ob ich zu einem Seelsorgegespräch mit den Eltern kommen könne, nachdem ein Erzieher bei einem Autounfall seine gesamte Familie verloren hatte. Seelsorge heißt nicht, Lösungen und Antworten zu haben, sondern manchmal heißt es, das Unfassbare gemeinsam auszuhalten.

Das sind Momente, in denen ich die Sinnhaftigkeit meiner seelsorglichen Arbeit und meine eigene Ohnmacht gleichermaßen erlebe.

 

Wie gehen Sie selbst damit um, wenn Gespräche sehr belastend sind? Was gibt Ihnen Kraft in Ihrer Arbeit?

Judith Heiter: Ganz oft schließt sich für mich an ein Seelsorgegespräch ein Stilles Gebet an, in dem ich die Menschen und das Gehörte an Gott „abgeben“ kann.

Ein Spaziergang mit meinem Hund hilft mir immer, um den Kopf freizubekommen.

Was mir Menschen in der Seelsorge anvertrauen, bleibt geschützt und wird von mir nicht mit Kolleg*innen oder Freundinnen besprochen. Gleichzeitig helfen mir kollegiale und freundschaftliche Gespräche, um Belastendes zu verarbeiten und mich neu auszurichten und die Grenze zwischen Profession und Privatem zu schärfen.

Während des Lockdowns in der Corona-Pandemie war das direkte Gespräch ja nur eingeschränkt oder unter erschwerten Bedingungen möglich. Wie sah Seelsorge in diesen Zeiten aus?

Judith Heiter: In dieser Zeit gab es viele telefonische Kontakte, z.T. ganz regelmäßig, zu Menschen, deren Telefonnummern bekannt waren.

Sofern dies möglich war, gab es auch Gespräche im Freien oder gemeinsame Spaziergänge mit Einzelnen.

Unsere Welt wird immer digitaler. Verändert das auch die Formen von Seelsorge?

Judith Heiter: Obwohl ich zu den Menschen gehöre, die den direkten Kontakt suchen und schätzen, auch in der Seelsorge, stelle ich fest, dass es Menschen gibt, die digitale Formate der Seelsorge und möglicherweise gerade auch den damit einhergehenden Abstand und eine gewisse Anonymität bevorzugen. 

Insofern ist es gut und wichtig, dass es Angebote wie die Chat-Seelsorge, Messenger-Seelsorge oder auch Instagram-Nutzer, die unter dem Hashtag #ansprechbar Gesprächsbereitschaft zeigen. 

Immer wieder erzählen mir Menschen unterschiedlichen Alters, dass sie sich gerne mit KI-Bots über persönliche Fragen und Probleme „unterhalten“ und ich verstehe, dass die Verfügbarkeit dieser Kommunikationsmöglichkeit zu jeder Zeit ein Vorteil ist. Ich denke nicht, dass diese digitale Form der Seelsorge die analoge völlig obsolet werden lässt. Aber sie verändert natürlich die Seelsorge.

Wenn Sie Seelsorge in einem Satz zusammenfassen müssten – wie würde der lauten?

Judith Heiter: Seelsorge heißt, einem anderen Menschen wertfrei zuzuhören, ihm einen geschützten Raum für seine Anliegen zu schaffen, ein Stückweit mitzugehen und ihn ins Licht Gottes zu stellen.

Und manchmal ist Seelsorge das gemeinsame Aushalten von Dunkelheit und Schwere so lange, bis es wieder heller und leichter wird.

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