06.05.2026

Mütter heute: zwischen Selbstoptimierung und Bauchgefühl

Interview mit Andrea Boyer von der Ev. Müttergenesung

Sorge um das Kind, Idealbilder auf Social Media, eigene Grenzen: Viele Mütter fühlen sich heute überfordert und einsam. Andrea Boyer, Geschäftsführerin der Evangelischen Müttergenesung in Württemberg, erklärt, wie es Müttern heute geht, schildert die Gründe dafür und zeigt auf, wie sie sich unterstützen lassen können. 

Mütter fühlen sich heute angesichts komplexer Anforderungen oft überfordert und einsam.
Mütter fühlen sich heute angesichts komplexer Anforderungen oft überfordert und einsam.

Einer US-Studie* zufolge fühlen sich vor allem junge Mütter häufig einsam und überfordert. Wie sehen Sie derzeit die Situation von Müttern?

Andrea Boyer: Wir können bestätigen, dass dies auf viele Mütter zutrifft. In unseren Kliniken der Ev. Müttergenesung in Württemberg, aus den Berichten der Kurberatungsstellen der Diakonien bekommen sowie durch die Gespräche mit den Müttern erfahren wir von einer großen Bandbreite von Themen, die die Mütter belasten: 

Sie spüren Überforderung angesichts der verschiedenen Rollen, die Mütter erfüllen müssen: Mutter sein, sich auf dem Arbeitsmarkt orientieren, eine ausgefüllte Freizeit und viele Freundschaften vorweisen sowie den Anforderungen der sozialen Medien entsprechen. Dazu toll aussehen und alles gleichzeitig meistern können. Das bringt junge Frauen, aber nicht nur diese, oft an den Rand der Erschöpfung. Viele sind verzweifelt, da sich alles nicht so makellos gestalten lässt, wie es doch von Ratgebern oder anderen digitalen Quellen vermittelt wird. Die Spirale der Selbstoptimierung hat dabei ihre Grenzen. Oft äußern sich dann die Erschöpfungssymptome in somatischen Beschwerden wie wiederholten Kopfschmerzen oder sogar Migräne, Bauchschmerzen oder Verdauungsproblemen, Rückenschmerzen oder Nackenbeschwerden und weiteren Symptomen. Auch geraten diese Frauen dann in depressive Verstimmungen oder an den Rand eines Burnouts. 

Die Beziehung zu dem „guten Bauchgefühl“ gerät dabei oft zusätzlich in Vergessenheit, da doch scheinbar alles nachlesbar ist. Zum Beispiel sind viele unsicher, ob es dem Kind gut geht, wenn es von der Norm abweichende Verhaltensweisen oder Entwicklungsschritte zeigt. Auch bei Krankheiten wird nachgelesen, was das Kind haben könnte. Nicht umsonst stehen Mütter in der Notaufnahme von Kliniken, wenn ihr Kind fiebert und möchten dringlich abgeklärt haben, ob es nichts Schlimmes ist. Kein Wunder, wenn das Internet suggeriert, dass das Kind todkrank sein könnte. Dennoch gibt es Situationen, in denen tatsächlich ein Notfall sein könnte. Dieser permanente Abwägungsmodus, bei gleichzeitiger Erfüllung aller der an sie gestellten Erwartungen, erschwert das Muttersein, auch gerade jüngerer Mütter. Es ist dann schwer, sich bei Auffälligkeiten, die man an sich selbst oder an den Kindern entdeckt, anderen zuzuwenden, z.B. eigenen Freunden, die noch keine Kinder haben. So ziehen sich Mütter teilweise eher zurück und fühlen sich mit ihrer Situation alleingelassen.

Andrea Boyer, Geschäftsführerin der Evangelischen Müttergenesung in Württemberg
Andrea Boyer, Geschäftsführerin der Evangelischen Müttergenesung in Württemberg

Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür? 

Andrea Boyer: Die Komplexität der Dinge und die Vielfältigkeit der Möglichkeiten sind einerseits eine teilweise Überforderung, andererseits bieten die vielen Möglichkeiten einen Verlust der Klarheit. Durch die Aufklärung ist heute alles recherchierbar. Aber die richtige Auswahl unter den Dingen, die helfen, überfordert viele. Mache ich das richtig? Kann ich das auch noch anders machen? Was gibt es noch für Möglichkeiten? Wenn die Peergroup dann noch keine Kinder hat, fehlt auch die Orientierung an Gleichaltrigen. Und ist der Ratschlag der eigenen Eltern gewünscht? Wird er angenommen oder wieder durch das verworfen, was im Internet nachlesbar ist? 

Was können Betroffene tun?

Andrea Boyer: Betroffene können sich einerseits durch die Anlaufstellen von sog. Kurberatungsstellen der Diakonien, aber auch anderer Träger, Hilfe und Rat holen, um zu klären, was gerade in ihrer Situation der Erschöpfung oder Einsamkeit das Richtige ist. Unter anderem finden Mütter in den lokalen Familienzentren, die über das Stadtgebiet in Stuttgart verteilt und in den Landkreisen vertreten sind, diese Unterstützung. Durch den Kontakt zu älteren Müttern und anderen Müttern baut sich gemeinsam Expertise durch einen Austausch über die aktuell vorhandenen Probleme auf. So tauschen die Frauen Hinweise zur Kindererziehung, Ernährung, Beruf und Lebenskrisen aus. Allein die Möglichkeit, sich aussprechen zu können, hilft vielen schon weiter. Keine muss sich dafür schämen, auch mal nicht zu wissen, wie es weitergeht.

Sehen Sie einen generellen Handlungsbedarf in der Gesellschaft?

Andrea Boyer: Es sollten mehr Begegnungsorte für Mütter geschaffen werden, da Mutter oder Vater zu sein nicht nur etwas Privates ist. Es ist auch Teil der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Wenn wir bei der derzeit niedrigen Geburtenrate bleiben oder diese noch weiter absenken wollen, dann brauchen wir nichts zu tun. Wenn dies aber nicht so bleiben soll, dann muss sich in den Kommunen noch mehr Familienfreundlichkeit und Unterstützung für Mütter und Väter entwickeln. Jungen Menschen sollte es bei einem Kinderwunsch nicht schwerfallen, sich für Kinder zu entscheiden. Wenn aber heute junge Frauen zögern, sich für Kinder zu entscheiden, braucht es mehr Infrastruktur und Hilfe für Eltern. Als Müttergenesung tragen wir dazu bei.

 

(* www.presse-board.de/zwischen-liebe-und-einsamkeit/)

Möchten Sie die Arbeit der Evangelischen Müttergenesung mit Ihrer Spende unterstützen? 

Evangelische Bank

Zahlungsempfänger:

Elly-Heuss-Knapp-Stiftung Deutsches Müttergenesungswerk
IBAN: DE89 5206 0410 0000 4147 27
BIC: GENODEF1EK1

Die Landeskirche in den sozialen Netzwerken

Instagram @elkwue - Newskanal der Landeskirche

Externer redaktioneller Inhalt

Hier wird Ihnen ein externer redaktioneller Inhalt bereitgestellt. Sofern Sie sich diesen anzeigen lassen, kann es sein, dass Daten von Ihnen an den Anbieter des externen Inhaltes gesendet werden.

Hinweis für Kirchengemeinden

Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontaktdontospamme@gowaway.elk-wue.de nachzufragen, ob die Nutzungsrechte für den jeweiligen Zweck vorliegen. Gerne können Sie alle Bilder nutzen, die Sie im Pressebereich unserer Webseite finden. Sie möchten in Ihrem Schaukasten auf unsere Webseite verlinken? Hier erfahren Sie, wie Sie dafür einen QR-Code erstellen können. 

Schon gewusst?

Was es mit der Kirchensteuer auf sich hat, wie sie bemessen wird und welche positiven Effekte die Kirchen mit der Kirchensteuer an vielen Stellen des gesellschaftlichen Lebens erzielen, erfahren Sie auf www.kirchensteuer-wirkt.de.

Grafik Kirchensteuer wirkt Diakonie

Weitere Meldungen, die Sie interessieren könnten

#NichtOkSeinIstOk – Kurzfilm der TelefonSeelsorge Ulm / Neu-Ulm

Im Kurzfilm einer 11. Klasse aus Ulm geht es um das Bewusstwerden, dass das Leben nicht immer nur bunt und schön ist, sondern auch dunkel und herausfordernd sein kann #NichtOkSeinIstOk. Es tut gut, mit seinen Sorgen nicht allein zu bleiben, sondern mit anderen darüber zu reden.

Weiterlesen

Camping-Kirche auf fünf Campingplätzen in Württemberg

Im Kirchenzelt wird gefeiert, gelacht und musiziert, um gemeinsam den Sommer und das Leben zu genießen. Auf fünf Campingplätzen in Württemberg bieten die Teams von Kirche Unterwegs in den Pfingst- und Sommerferien ein vielfältiges Programm für Menschen im Urlaub.

Weiterlesen

default

Lost & Found – Maislabyrinth mit Impulsen und Rätseln

Verloren im Labyrinth? Das kann im ca. 2 ha großen Maislabyrinth des CVJM Flacht nicht passieren. Unter dem Motto Lost & Found erwarten die Besucher und Besucherinnen Stationen mit Impulsen und Rätseln. Das Projekt soll Spenden für den Umbau der Friedenshöhe sammeln.

Weiterlesen

Prof. Dr. Annette Noller, Oberkirchenrätin und Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg

Brot für die Welt: Württemberg sammelt über 9 Mio. Euro

Brot für die Welt hat im vergangenen Jahr bundesweit deutlich mehr Spenden und Kollekten von Privatpersonen und Gemeinden erhalten. Aus Württemberg kamen über 9,3 Millionen Euro, das ist auf dem Niveau des Vorjahres.

Weiterlesen

Bahn-Katastrophe: Notfallseelsorge hilft vor Ort

Beim Zugunglück im Landkreis Biberach am Abend des 27. Juli waren auch 16 Mitarbeitende der ökumenischen Notfallseelsorge vor Ort. Hier finden Sie ein Interview mit Diakon Thomas Lerner von der ökumenischen Notfallseelsorge im Landkreis Biberach.

Weiterlesen

Gedenktag: Zum 100. Todestag von Lotte Merkh

Am 8. Juli 1925 starb Lotte Merkh. Über zwei Jahrzehnte war sie die dominierende Person in der Hausgenossenschaft des Reutlinger Bruderhauses gewesen. Ihr Wirken war entscheidend dafür, Gustav Werners Ideen umzusetzen und sein Vermächtnis für die Nachwelt zu erhalten.

Weiterlesen

Farbschwäche:

Benutzen Sie die Schieberegler oder die Checkboxen um Farbeinstellungen zu regulieren

Einstellungen für Farbschwäche

Schrift:

Hier können die Schriftgröße und der Zeilenabstand eingestellt werden

Einstellungen für Schrift

Schriftgröße
D
1
U

Zeilenabstand
Q
1
W

Tastenkombinationen:

Mit den aufgeführten Tastenkombinationen können Seitenbereiche direkt angesprungen werden. Verwenden Sie auch die Tabulator-Taste oder die Pfeiltasten um in der Seite zu navigieren.

Inhalt Tastenkombinationen

Hauptnavigation: M
Toolbar Menü: T
Inhalt: C
Footer: F
Barrierefreiheit: A
Hauptnavigation: M
Toolbar Menü: T
Inhalt: C
Footer: F
Schriftgröße +: U
Schriftgröße -: D
Zeilenabstand +: W
Zeilenabstand -: Q
Nachtmodus : Alt (Mac Option Key) + J
Ohne Bilder: Alt (Mac Option Key) + K
Fokus: Alt (Mac Option Key) + G
Tasten­kombinationen: Alt (Mac Option Key) + O
Tastensteuerung aktivieren: Alt (Mac Option Key) + V
Alles zurücksetzen: Alt (Mac Option Key) + Y