Herausragende Dissertation zur württembergischen Kirchengeschichte mit Johannes-Brenz-Preis ausgezeichnet

„Kartenspiel statt Kanzelpredigt”

Antonia Schmidt erhält in diesem Jahr den 16. Johannes-Brenz-Preis des Vereins für württembergische Kirchengeschichte. Sie wird damit für ihre Dissertation „Kartenspiel statt Kanzelpredigt, Kneipe statt Kirche. Württembergische Pfarrer und Gemeinden vor der Sozialen Frage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts” ausgezeichnet. Sie hat insbesondere die Regionen Heilbronn und Geislingen/Steige untersucht.

Antonia Schmidt
Antonia Schmidt

Die Verleihung des Preises durch Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl findet am 8. Juli 2026 um 17:00 Uhr in der Evangelischen Johanneskirche Mössingen-Bästenhardt statt. 

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm in Württemberg der Wandel vom Agrarstaat zum Industrieland Fahrt auf. Die mit der Industrialisierung einhergehenden Veränderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen waren dabei tiefgreifend. Sie brachten auch eine Reihe von gesellschaftlichen Missständen mit sich, die unter dem Begriff der Sozialen Frage zusammengefasst werden. In ihrer an der Abteilung Landesgeschichte der Universität Stuttgart entstandenen Forschungsarbeit widmet sich Antonia Schmidt erstmals der Frage, wie die württembergische Amtskirche diese Veränderungen wahrgenommen hat und mit den daraus entstandenen Problemen umgegangen ist.

Die neueste Preisträgerin des Johannes-Brenz-Preises wählt dabei den präzisen Blick auf zwei wirtschaftliche Schwerpunktregionen in der Zeit von 1850 bis 1900, nämlich Heilbronn und Geislingen an der Steige. Während die Region Heilbronn bereits früh industriell geprägt war, erlebte die ehemals arme, ländliche Gegend um Geislingen an der Steige erst mit dem Bau der Eisenbahnverbindung Stuttgart–Ulm (1850) einen wirtschaftlichen Aufstieg. In der Folge wurden dort Unternehmen wie die Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) und die Baumwollspinnerei Kuchen prägend.

Vornehmlich auf der Basis von Pfarrberichten aus dem Bestand des Evangelischen Archivs Baden und Württemberg untersucht Antonia Schmidt, wie die landeskirchlichen Geistlichen in den beiden Schlüsselregionen den Wandel von Lebens- und Arbeitsbedingungen erlebten. Ihre Ergebnisse sind eindeutig: Die Pfarrer sahen in der Fabrikarbeit nicht nur eine wirtschaftliche Veränderung, sondern eine Herausforderung für die religiöse Praxis und Moral. Aus Sicht der Geistlichen geriet etwa der Kirchgang durch Schicht- und Sonntagsarbeit sowie den Wunsch der Arbeiter nach Freizeitvergnügungen wie Kartenspiel und Wirtshausbesuche massiv unter Druck. An vielen Orten kam es daher auch zur Gründung evangelischer Arbeitervereine, die den Zusammenhalt und die Fürsorge unter den Gläubigen fördern wollten, zugleich aber auch eine erzieherische Funktion besaßen.

Wo traditionelle staatliche und kirchliche Fürsorge außerdem an Grenzen stieß, entwickelten christlich geprägte Unternehmerpersönlichkeiten wie Daniel Straub (WMF) oder Arnold Staub (Baumwollspinnerei Kuchen) neue sozialpolitische Lösungsansätze. Mit der Arbeitersiedlung in Kuchen etwa schuf Staub nicht nur Wohnraum, sondern eine umfassende Versorgung für seine Arbeiter – inklusive Schule, Einkaufsladen, Spital und sogar einer Bibliothek. Mit diesem „Komplettprogramm“ galt die Arbeitersiedlung als derart wegweisend, dass sie auf der Pariser Weltausstellung 1867 ausgezeichnet wurde. Dieses unternehmerische Engagement erfolgte allerdings auch aus Eigeninteresse und hatte das klare Ziel, die Arbeiterschaft von der aufstrebenden Sozialdemokratie fernzuhalten.

Antonia Schmidt liefert in ihrer Studie ebenso neue wie wertvolle Forschungsergebnisse zur Wahrnehmung und Deutung der Sozialen Frage in Württemberg. Dabei auf breiter Quellengrundlage staatliches, kirchliches und unternehmerisches Handeln untersucht zu haben, ist die besondere Leistung von Schmidts Dissertation.

Der Johannes-Brenz-Preis wird alle zwei Jahre vom Verein für württembergische Kirchengeschichte für herausragende Arbeiten zur Kirchengeschichte Württembergs verliehen und ist mit 3.000 Euro dotiert.

Über Antonia Schmidt

Die 1988 geborene Antonia Schmidt studierte in Tübingen und Straßburg die Fächer Germanistik, Geschichte und Evangelische Theologie und nahm anschließend in Stuttgart bei Prof. Dr. Sabine Holtz die Arbeit an ihrer Dissertation auf, die sie 2025 dort abschloss. Sie ist Studiendirektorin am Gymnasium Hechingen und arbeitet als Fachberaterin für Unterrichtsentwicklung am Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg.

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