
Dass der Jahrestag der Wiederkehr des Stellenantritts eines Professors der evangelischen Theologie den Anlass bietet, an seine Person und sein Wirken nach 200 Jahren zu erinnern, kommt äußerst selten vor. Doch mit Blick auf Ferdinand Christian Baur ist es gerechtfertigt. Geboren am 21. Juni 1792 in Schmiden bei Fellbach, gestorben am 2. Dezember 1860 in Tübingen, markierte sein Dienstantritt 1826 auf der dritten der damals vier Professuren der Evangelisch-Theologischen Fakultät Tübingen gleich in drei Hinsichten einen markanten Einschnitt: für ihn selbst, für die Fakultät und für das methodische Vorgehen bei der Arbeit in der wissenschaftlichen evangelischen Theologie an der für sie relevanten schriftlichen Überlieferung.
Ein Leben und Wirken in Württemberg
Württemberg war Baurs Lebensumfeld zeitlebens: Er wuchs in einer Pfarrfamilie auf und durchlief dann Schritt für Schritt zielstrebig den üblichen Weg der Vorbereitung für den Pfarrdienst – über die „Niederen Seminare“ in Blaubeuren und Maulbronn, Studium in Tübingen mit Stipendium im Evangelischen Stift von 1809 bis 1814, Vikar in Roßwaag und Mühlhausen (Enz), am Seminar Schöntal und dann wieder (nun als Repetent) am Tübinger Stift. Nach dem „Professoratsexamen“ (dem Nachweis, u.a. für die Erteilung von Unterricht an Gymnasien qualifiziert zu sein) 1817 erhielt er eine Stelle am Seminar in Blaubeuren als Lehrer für alte Sprachen. 1826 wurde ihm dann (mit 34 Jahren für 34 Jahre) der Tübinger Lehrstuhl übertragen. Dies geschah, obwohl die Fakultät gegen ihn votiert hatte, aber mit Befürwortung aus der Studierendenschaft.
Trotz wiederholter Rufe auf auswärtige Lehrstühle blieb Ferdinand Christian Baur stets in Tübingen. Selbstverständlich wirkte er hier auch als Frühprediger an der Stiftskirche; seit 1837 versah er auch die Aufgabe eines Inspektors am Evangelischen Stift. Inneruniversitär entzog er sich auch nicht der Belastung, 1841 das Amt des Rektors der Universität zu übernehmen.
Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit
Baurs Lehr- und Forschungstätigkeit war primär der Kirchen- und Dogmengeschichte gewidmet, seit 1829 bot er auch Lehrveranstaltungen zum Neuen Testament an. Und damit nicht genug – er behandelte auch Fragen der Religionsgeschichte, der Religionsphilosophie, der Konfessionskunde und des Kirchenrechts. Hervor ragt sein Wirken nicht nur durch die große Anzahl und hohe Qualität seiner Veröffentlichungen – so zur Trinitätslehre und Christologie, über Paulus und die Evangelien, ein Lehrbuch der Dogmengeschichte und eine fünfbändige Gesamtdarstellung der Kirchengeschichte. In besonderer Weise wirkmächtig wurden die Impulse, die er in Forschung und Lehre im Bereich der wissenschaftlich reflektiert arbeitenden evangelischen Theologie gesetzt hat.
Konsequent hat Baur die 1811 von dem Historiker Barthold Georg Niebuhr vorgestellte, auf die Überlieferung zur römischen Frühgeschichte systematisch angewandte Methodik übernommen, die jeweiligen historischen Quellen philologisch kritisch zu prüfen, zu rekonstruieren, in welchen geschichtlichen Zusammenhängen sie entstanden sind, und auch die Frage nach der Plausibilität der dargestellten Ereignisse zu stellen. Schon die erste Publikation Baurs 1824 zur religionsgeschichtlichen Thematik „Symbolik und Mythologie oder die Naturreligion des Altertums“ prägt dieses methodische Vorgehen mit Text-, Literar- und Sachkritik. Er hat dies dann auch zur historischen Einordnung der Dokumente der christlichen Überlieferung der ersten Jahrhunderte angewandt und (ab 1845) auf die Texte der neutestamentlichen Überlieferung. So gewann Baur unter anderem die Überzeugung, dass Paulus nur vier der ihm zugeschriebenen Briefe selbst verfasst habe.
Konflikte und langfristige Wirkungen der Arbeit Baurs
Das von Baur vertretene methodische „historisch-kritische“ Vorgehen ist einerseits schon zu seinen Lebzeiten in der wissenschaftlichen evangelischen Theologie als völlig überzeugend angesehen worden. Es wurde von vielen „Schülern“ Baurs aufgenommen, so dass es üblich geworden ist, von einer durch ihn begründeten „jüngeren Tübinger Schule“ zu sprechen. Andererseits hat es massive Kritik an Baurs methodischem Vorgehen gegeben und persönliche Angriffe auf ihn als „Heidenbaur“ und (angeblichen) Antichrist zur Folge gehabt. Dies ging bis dahin, dass generell vor dem Theologiestudium in Tübingen als einer Hochburg der modernen Ketzerei gewarnt wurde.
In der kirchenhistorischen wie neutestamentlichen wissenschaftlichen Forschung ist als Frucht des Wirkens Baurs aber die Einsicht verankert geblieben, dass alle Überlieferungen aus der Geschichte der Christenheit (einschließlich der neutestamentlichen Überlieferung) angemessen nur verstanden werden können, wenn sie einbeschrieben werden in den Zusammenhang ihres Entstehens, soweit wie dieser nur irgend möglich argumentativ nachvollziehbar zu rekonstruieren ist.
Prof Dr. Jürgen Kampmann