Stuttgart. In seiner diesjährigen Karfreitagspredigt spricht Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl am 3. April 2026 in der Stuttgarter Stiftskirche über die anhaltende Dunkelheit in der Welt und über die christliche Hoffnung, die Versöhnung schafft. Seine Predigt bezieht sich dabei auf 2. Kor 5,19-21.
„Wenn wir am Karfreitag auf den Gekreuzigten schauen, erschrecken wir. Wir sehen, was Menschen einander antun“, so Gohl. Die aktuelle Gewalt in Tel Aviv, Gaza, Beirut, Teheran und im Donbass schwinge beim Nachsinnen des Kreuztodes Jesu auf Golgatha mit. Der maßlose Mensch, der Gott sein wolle, habe die Welt in die Dunkelheit gestürzt. Aus diesem Teufelskreis von Sünde und Gottesvergessenheit gebe es für den Menschen kein Entrinnen. Gott mache durch das Sterben Jesu den entscheidenden Schritt und versöhne damit die Welt mit sich selbst. Die Sünde sei eine Last, wie ein schwerer Rucksack, der die Menschen daran hindere ans Ziel zu kommen, doch diese Last nehme Christus ab.
„Am Karfreitag geht’s aber nicht nur allgemein um die Lasten anderer oder um die Lasten, die auf allen irgendwie liegen. Der Karfreitag ist konkret. Deshalb heißt es für uns als Kirche auf das zu schauen, was uns als Kirche schwer belastet.“ Gohl geht weiter auf die Verantwortung der Kirche im Kontext von sexualisierter Gewalt ein. Echte Versöhnung sei ein Wunder, so Gohl, kein Automatismus. Und „schon gar keine Geschichte, die der Täter dem Opfer erzählt.“ Echte Versöhnung könne niemals vom Täter ausgehen, Vergebung nicht einfordert werden. Angesichts der schweren sexualisierten Gewalt, die Menschen im Raum der Kirche und Diakonie erfahren haben, sei klar, dass diese Last nicht einfach verschwinde. Kirche müsse hier vor allem Zuhören, Leid anerkennen, das Versagen als Institution bekennen und auf die Strukturen schauen, die diese ermöglicht haben: „Das Tun. Das Verschweigen. Das Wegsehen und das nicht wahrnehmen wollen.“
Gohl betont die Notwendigkeit eines neuen Anfangs und die Bedeutung der Versöhnung für die Welt heute. „Wir sehen den Abgrund unserer Angst und Einsamkeit aber: Gottes Macht ist seine Liebe.“
Im Folgenden finden Sie die Predigt von Landebischof Ernst-Wilhelm Gohl im Volltext. Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Gemeinde!
Ja, die Welt ist dunkel. Aber nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie!
Beinahe jeden Abend telefonierten die zwei alten Freunde miteinander. Auch am Abend des 9. Dezember 1968. Seit einem halben Jahrhundert kannten sie sich. Viel hatten sie miteinander erlebt. Die täglichen Telefongespräche waren fester Bestandteil ihrer Freundschaft. Beide waren zunächst Pfarrer. Später lehrten sie als Professoren evangelische Theologie an der Universität Basel. Wenn sie miteinander sprachen, wechselte das Gespräch zwischen persönlichen Themen und der großen Politik. Der eine, Eduard Thurneysen, war schon immer ein guter Zuhörer gewesen. Der andere, Karl Barth, brachte das Gespräch immer wieder auf die große Politik. An diesem Abend sagte Barth zu seinem Freund am Telefon: „Ja, die Welt ist dunkel. Aber nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie!”
Ja, die Welt ist dunkel. Nicht nur Karl Barth wusste das. Die Welt ist dunkel.
Sie war es auch im Dezember 1968. Das Jahr war von politischer Gewalt geprägt gewesen. Der Prager Frühling war blutig niedergeschlagen worden. Martin Luther King ermordet und in Vietnam starben Zehntausende an Bomben und Napalm. Alles das besorgte die beiden Freunde.
Ja, die Welt ist dunkel. Rauchsäulen von brennenden Öllagern. Zerstörte Wohnhäuser. Drohnenschwärme. Krieg in Europa. Krieg im Nahen Osten. Krieg im Iran. Die mediale Berichterstattung lässt uns oft den Blick der Militärführer einnehmen. Kollateralschäden wird das genannt: Zerstörte Schulen. Zerstörte Wohnblocks und Krankenhäuser. Überall Tote und Verletzte. Und wie immer tragen auf allen Seiten die Unbeteiligten die Hauptlast. Männer, Frauen und Kinder, die nur eines wollen: In Frieden leben. „Ja, die Welt ist dunkel. Aber nur die Ohren nicht hängen lassen. Nie.“
Der Karfreitag stellt das Sterben Jesu, seinen Tod am Kreuz, in den Mittelpunkt.
Wenn wir heute über diesen Tod auf Golgatha nachsinnen, schwingt das Sterben in Tel Aviv, in Gaza und Beirut, in Teheran und im Donbass mit.
Aus der Perspektive der Augenzeugen überliefern die Evangelien die Grausamkeit des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz. Der Predigttext für heute ist kein Augenzeugenbericht. Er deutet vielmehr das Geschehen am Karfreitag und schenkt Hoffnung, die über den Tod hinausreicht. In seinem 2. Brief an die Gemeinde zu Korinth schreibt der Apostel Paulus im 5. Kapitel:
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Nicht Gott braucht die Versöhnung. Die Welt braucht sie.
Die Welt ist dunkel. Nicht dass Gott sie dunkel geschaffen hätte. Die Sünden der Menschen haben sie verdunkelt. „Ihr werdet sein wie Gott“, flüstert die Schlange Eva im Paradies ein. Der maßlose Mensch, der Mensch, der Gott sein will, hat die Welt in die Dunkelheit gestürzt. Aus diesem Teufelskreis von Sünde und Gottesvergessenheit gibt es für den Menschen kein Entrinnen. Deshalb macht Gott den entscheidenden Schritt. Durch Jesu Sterben versöhnt Gott die Welt mit sich selbst und mit Gott.
„Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht“. Paulus deutet den Tod Jesu am Kreuz in einem größeren Zusammenhang. Jesu Sterben folgt dem Plan Gottes: „Fürwahr er trug unsere Sünden“, so haben in Lesung aus Jesaja 53 über den leidenden Gottesknecht gehört.
Die Sünde ist eine Last, wie ein schwerer Rucksack, der uns hindert ans Ziel zu kommen. Diese Last nimmt Christus uns ab. Das Bild von der Last verstehen noch Viele. Anders die Aussage, dass Gottes Sohn am Kreuz stirbt, weil es sein Vater so will. Was bedeutet es, Gott habe Jesus unser aller Sünde aufgeladen?
Manchmal begegnen uns im Alltag Bilder, die uns einen Sachverhalt neu erschließen. Bilder, die nicht schon immer religiös gedeutet wurden, aber offen sind für religiöse Erfahrungen. Ein solches Bild begegnete mir in dem Roman „Schwebende Lasten” von Annett Gröschner. Das Buch hat vor wenigen Wochen den Evangelischen Buchpreis erhalten.
Hanna Krause, die Hauptfigur, gehört zu vielen Menschen, die den Lauf der Geschichte nicht mitbestimmen, sondern von ihr mitgerissen werden, manchmal zu ihrem Glück, meistens aber zu ihrem Unglück. Hanna Krause hat schon viel Schweres erlebt. Besonders der Verlust ihres Sohnes, der bei einem Bombenangriff 1944 auf Magdeburg ums Leben kam, ist eine schwere Last für sie. In den 1960er Jahren arbeitet sie in einem Stahlkombinat. Sie wird Kranführerin.
Was sie bewegt, sind schwebende Lasten. Sie schafft störende Teile heraus, versetzt sie in der Halle. Während ihr Kran die schweren Stahlträger anhebt und versetzt, schaut sie zufrieden auf die schwebenden Lasten.
Drunten in der Halle erfahren die Arbeiter die Schwere der Stahlteile. Weit oben, in der Krankabine wirkt es, als würde die Lasten schweben. Hanna Krause lebt ihr Leben nicht aus der Vogelperspektive, sondern ganz unten. Die Unglücke und Todesfälle ihres Lebens werden nicht mit Sinn gefüllt. Vieles bleibt eine lebenslange Last. Und doch erlebt sie genau in diesem Leben schwebende Lasten. Hanna Krauses schwebende Lasten sorgen für Ordnung in ihrem chaotischen, belasteten Leben.
Solche Erfahrungen von schwebenden Lasten sind wertvoll. Denn das Dunkel dieser Welt ist bis heute mit den Händen zu greifen. Es ist da, auch wenn wir den Gekreuzigten vor uns sehen, der die Last dieser Welt trägt.
Paulus spricht von der Versöhnung. Auch sie ist eine schwebende Last.
Wer Versöhnung will, der muss nicht nur alle seine Kräfte zusammennehmen.
Er muss auch der Versuchung widerstehen, die Schuld sei dann weg, wie ein Stück Stahl, das der Kran fortträgt.
Echte Versöhnung ist auch kein Automatismus. Und schon gar keine Geschichte, die der Täter dem Opfer erzählt. Echte Versöhnung kann niemals vom Täter ausgehen. Echte Versöhnung ist ein Wunder – die schwebenden Lasten bleiben.
Heute am Karfreitag geht’s aber nicht nur allgemein um die Lasten anderer oder um die Lasten, die auf allen irgendwie liegen. Der Karfreitag ist konkret. Deshalb heißt es für uns als Kirche auf das zu schauen, was uns als Kirche schwer belastet.
In den Gesprächen mit Menschen, die im Raum der Kirche und der Diakonie schwere Gewalt erfahren haben, missbraucht wurden, um Vertrauen ins Leben gebracht wurden – wird mir bewusst: Das geht nicht einfach weg. Das braucht mehr. Und vor allem: Ich will und kann nicht Vergebung einfordern. Es ist nicht irgendwann einmal gut. Gut kann es nur werden, wenn Gott alle Tränen trocknet. Aber im Vorläufigen können wir trotzdem einiges tun: Zuhören. Leid anerkennen. Unser Versagen als Institution bekennen und auf die Strukturen schauen, die all das ermöglicht haben: Das Tun. Das Verschweigen. Das Wegsehen und das nicht wahrnehmen wollen.
Wir brauchen den neuen Anfang und dafür müssen wir uns dem Dunkel stellen. Wir brauchen Versöhnung. Nicht Gott. Die Welt braucht Versöhnung. Heute.
Am Karfreitag. Gott hat die unversöhnliche Welt versöhnt. Gott hat den Riss geheilt.
Wenn wir am Karfreitag auf den Gekreuzigten schauen, erschrecken wir. Wir sehen, was Menschen einander antun. Wir sehen den Abgrund unserer Angst und Einsamkeit aber: Gottes Macht ist seine Liebe. So – und nur so – passen oben und unten.
Zurück zum Telefongespräch zwischen Karl Barth und Eduard Thurneysen. Es war das letzte Mal, dass die beiden miteinander telefonierten. In dieser Nacht starb Karl Barth. Sein Freund schrieb daraufhin auf, was dieser gesagt hatte.
„Ja, die Welt ist dunkel. Aber nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her! Gott sitzt im Regimente! Darum fürchte ich mich nicht.”
Amen.
Dan Peter
Sprecher der Landeskirche
HINWEIS: Bilder von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl finden Sie im Pressebereich unserer Website.