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Corona: Viel zu tun für Telefonseelsorger

Steigender Gesprächsbedarf - Angebot am Limit

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie gehen viel mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge ein als in normalen Zeiten (Symbolfoto).Karolina Grabowska/Pixabay

Stuttgart. Die Angst vor Corona lässt mehr Menschen bei der Telefonseelsorge anrufen. Inzwischen habe jedes zweite Seelsorgegespräch auch das Virus zum Thema, sagte Bernd Müller, Kommissarischer Leiter der Katholischen Telefonseelsorge in Stuttgart, am Montag in Stuttgart.

Der steigende Bedarf an telefonischer Seelsorge ist jedoch kaum noch zu befriedigen: Die öffentlichen Schutzmaßnahmen machten es schwierig, das Seelsorgeangebot aufrechtzuerhalten, sagte Bernd Müller: Unter den ehrenamtlichen Beratern seien viele Senioren, die sich derzeit nur ungern in öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg zum Seelsorgetelefon machten.

Problem für Alleinstehende

Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der Evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart, sagte, die Krankheit sei insbesondere für alleinstehende Menschen mit Ängsten ein Problem. „Alleinzubleiben mit dem bedrohlichen Gefühl einer möglichen Ansteckung, ist fast nicht auszuhalten“, betonte sie. Sie rechne in den kommenden Wochen mit zusätzlichen Belastungen, etwa Paarkrisen, wenn beide Partner zu Hause bleiben müssten, oder Erziehungsprobleme, wenn die Kinder nicht mehr in die Schule dürften.

Weitere Herausforderungen

Bernd Müller wies auf weitere psychische Herausforderungen hin, wenn beispielsweise medizinische Eingriffe verschoben würden, Beerdigungen und damit eine gemeinsame Trauer nicht möglich seien oder wenn namentlich bekannte Infizierte in den Sozialen Medien heftig beschimpft würden. Die Telefonseelsorge stehe gleichzeitig vor dem Problem, ihre Ehrenamtlichen zu unterstützen, was schwierig sei, da alle Supervisionsgruppen abgesagt werden mussten.

Hauptthema Einsamkeit

Hauptthemen in Gesprächen der Telefonseelsorge sind der Statistik zufolge nach wie vor Einsamkeit (20 Prozent), depressive Stimmungen (20 Prozent) und Ängste (17 Prozent). Suizidgedanken spielten im vergangenen Jahr lediglich in knapp zwei Prozent der Telefonate eine Rolle. In Mails ging es zu 23 Prozent, im Internetchat zu gut 14 Prozent um Suizid.

Die Zahl der Anrufe ist 2019 mit 36.960 im Vergleich zum Vorjahr fast gleich geblieben. Bei den Chatberatungen sind die Kontakte von 932 auf 1.126 gestiegen. Die Telefonseelsorge von katholischer und evangelischer Kirche in Stuttgart hat 183 ehrenamtliche und vier hauptamtliche Mitarbeiter. Sie ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar.

In Zukunft muss die Telefonseelsorge ihr Internetangebot nach Müllers Überzeugung erheblich ausbauen. Während unter den Anrufern 82 Prozent älter als 40 Jahre seien, dominierten im Internetchat die unter 40-Jährigen mit 85 Prozent. „Wir müssen im Chat deutlich mehr präsent sein“, unterstrich Müller.


Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)