Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl hat in seiner Predigt aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Evangelischen Landesverbands - Tageseinrichtungen für Kinder in Württemberg e.V. betont, dass Kinder ein Recht auf Religion haben. Der Jubiläums-Gottesdienst fand am 16. Juli im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart statt. Hier finden Sie den Wortlaut der Predigt.

Gohl stellte fest, „wir erleben, wie Glaube politisch instrumentalisiert wird”. Auch dass „Fundamentalismus und Gewalt eine unheilige Allianz” bildeten. Dieses Phänomen gibt es leider in allen Religionen.“ Umso wichtiger sei es, dass der Verein die Träger der Kindertageseinrichtungen ermutige, dass „zu den Kinderrechten auch das Recht des Kindes auf Religion gehört. Denn in der Religion geht es um zutiefst existentielle Fragen wie etwa: Wer bin ich? Warum musst Du sterben? Warum soll ich andere gerecht behandeln? Alles Fragen, die in biblischen Geschichten aufleuchten. Fragen, die nicht verdrängt werden dürfen, sondern Raum brauchen. Denn nur so kann Vertrauen ins Leben wachsen.“ Gohl betonte: „Mit ihren Fragen und Antworten sind Kinder inspirierende Theologen und bringen so das Evangelium unter die Menschen.“
Im Folgenden finden Sie den Volltext der Predigt über 1. Mose 12,2:
Liebe Gemeinde,
aus einem schönen Anlass kommen wir heute im Hospitalhof zusammen:
100 Jahre Evangelischer Landesverband – Tageseinrichtungen für Kinder in Württemberg e.V. Ich freue mich, dass wir diesen Festtag mit einem Gottesdienst beginnen. Eben haben wir Früchte Ihrer Arbeit erlebt: Kinder machen sich Gedanken zu den biblischen Geschichten. Sie finden eigene Worte für ihren Glauben. Sie malen Bilder. Sie spielen die Geschichten nach – und vieles mehr. Und viele werden es schon erlebt haben: Mit ihren Fragen und Antworten sind Kinder inspirierende Theologen und bringen so das Evangelium unter die Menschen.
Szenenwechsel. Predigt in einem Familiengottesdienst. Eine Kollegin erzählte davon. Die Vikarin steht nicht auf der Kanzel. Sie kniet vor dem Taufstein. Vor sich hat sie ein Tuch mit Sand ausgebreitet. Um sie herum sitzen Kinder.
Die Vikarin erzählt von Abraham. Dort in der Wüste war er zuhause. Sie erzählt von seinen Kamelen und Schafen. Von seiner großen Familie. Und natürlich auch von Sarah, seiner Frau. Abraham hat alles. Er ist glücklich und zufrieden. Die Kinder lauschen gebannt und blicken auf die Dünenlandschaft im Miniaturformat.
Einige der Erwachsenen sind aus den Bänken aufgestanden, um besser zu sehen. Die meisten kennen diese Geschichte schon. Doch die bekannte Geschichte wird neu lebendig, weil die Vikarin sie so lebendig erzählt. Plötzlich hebt die Vikarin ihre Hand. Mit einem Wisch ist das Leben Abrahams anders: Der Mann lässt alles hinter sich. Er verlässt die wohlvertrauten Sandberge, seine große Verwandtschaft. Nur die engste Familie geht mit.
Warum macht dies Abraham? War ihm sein Leben langweilig geworden? Öfter mal was Neues? War er unzufrieden mit seinem Leben? Nein, nichts von dem. Abraham verlässt sein vertrautes Leben, weil Gott ihn ruft und weil Gott ihm verspricht: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“
Abraham reist mit leichtem Gepäck. Den Großteil seiner Verwandtschaft lässt er zurück. Und auch den Großteil seines Wohlstandes. Dafür hatte er viele Jahre hart gearbeitet. Bereits in seiner Heimat war Abraham reich gesegnet. Große Verwandtschaft. Große Herden. Er war glücklich und zufrieden, nur mit dem Kind will es einfach nicht klappen. Trotzdem: Sein Leben war gesegnet. Segen meint Lebenskraft, ein Stück vom Schöpfer in seinen Geschöpfen: handfest und materiell. All das hatte Abraham bereits.
Doch jetzt entscheidet sich Abraham für den Weg ins Unbekannte – nur die göttliche Verheißung vor Augen und Gottes Versprechen im Gepäck: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“
Abraham wird erleben, dass sein Weg über Höhen und Tiefen führt. Durch grüne Auen und dunkle Täler. Mal geradeaus und mal mit endlosen Umwegen.
Abrahams Leben ist exemplarisch für das menschliche Leben. Natürlich ist jeder Mensch einmalig und seine Lebensgeschichte auch. Doch verbindet alle noch so verschiedenen Lebensgeschichten dieselbe Erfahrung: Gradlinig verläuft kein Lebensweg.
Von Abraham lerne ich, gerade auf dem Weg ins Unbekannte steht die Zusage Gottes: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ Es war kein leichter Weg, der jetzt für Abraham beginnt. Er wird viel von Abraham fordern, ja mehr als ein Mensch leisten kann. Wir wissen, dass sich am Ende Gottes Verheißung erfüllt. Abraham, als er aufbricht, weiß das nicht. Und dennoch macht er sich auf den Weg. Er vertraut darauf, dass Gott es gut meint, selbst dann noch, wenn alles gegen Gott zu sprechen scheint. Deshalb ist Abraham gesegnet. Denn gesegnet heißt nicht, dass ich immer ein nach menschlichen Maßstäben gelingendes Leben führe. Gesegnet sein heißt: Ich vertraue, dass Gott bei mir ist, auch wenn ich einen Weg gehen muss, den ich nicht gehen will, noch verstehe.
„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“
Schön, dass Sie diesen Vers als Predigttext für Ihr Jubiläum ausgewählt haben. Denn diese Verheißung gilt auch Ihrer Organisation. Vor 100 Jahren haben sich Menschen ins Unbekannte aufgemacht – mit einer Vision, mit Mut, mit Vertrauen. Heute zeigen Ihre Plakate die vielen Stationen, Kurven und Entwicklungen ihrer Reise. Die Gründerinnen und Gründer, die sich am 19. April vor 100 Jahren zur konstituierenden Sitzung trafen, wussten nicht, wie der Weg des Vereins aussehen würde. Das wussten sie nicht. Aber sie wussten: Kinder brauchen Segen.
Draus entwickelte sich Ihr Auftrag: Zum Segen für andere zu werden. Menschen durch Fortbildungen zu stärken.
Nicht alles, was in diesen 100 Jahren geschehen ist, war segensreich. Es gab Erfahrungen, die schmerzhaft waren – Erfahrungen, die heute umso entschiedener in die Verantwortung rufen, Kinder zu schützen und ihnen Segen zu sein. Und dennoch wurde unendlich viel in diesen 100 Jahren zum Segen – ganz konkret. Wir wissen aber auch: Oft wird nur den Samen gelegt. Erst später wächst die Frucht draus – wie zum Beginn des Gottesdienstes.
Anders als vor 100 Jahren ist heute Religion kein selbstverständlicher Bestandteil unserer Gesellschaft: „Glauben sollen die, die es nötig haben. Ich brauch das nicht!“, höre ich immer wieder. Dann haben auch die Gewalt und der Missbrauch in Kirche und Diakonie das Vertrauen in den Glauben und die Kirche massiv erschüttert. Und wir erleben, wie Glaube politisch instrumentalisiert wird. Fundamentalismus und Gewalt bilden eine unheilige Allianz. Dieses Phänomen gibt es leider in allen Religionen.
Umso wichtiger, dass Sie die Träger ermutigen, dass zu den Kinderrechten auch das Recht des Kindes auf Religion gehört.Denn in der Religion geht es um zutiefst existentielle Fragen wie etwa: Wer bin ich? Warum musst Du sterben? Warum soll ich andere gerecht behandeln? Alles Fragen, die in biblischen Geschichten aufleuchten. Fragen, die nicht verdrängt werden dürfen, sondern Raum brauchen. Denn nur so kann Vertrauen ins Leben wachsen. Und wer ein solchen Grundvertrauen lernt, kann Aufbrüche wagen – wie Abraham.
Denn ein solches Grundvertrauen im Leben ist das beste Gegenmittel gegen die Angst. Angst ist ein Gift. Ängstliche Menschen lassen sich leicht manipulieren. Angst erstickt die Fantasie. Sie vertreibt die Neugier.
Die Bibel dagegen ist ein einziges Manifest gegen unsere Angst. Ihre Geschichten sind Mutmach-Geschichten. Aber nicht, indem sie die Welt schönreden. Nein, die biblischen Geschichten kennen Trauer, Angst, Wut, und auch die Zweifel an Gott. Sie erzählen davon, weil sie gewiss sind: Gott behält das letzte Wort – trotz allem.
Zurück zur Vikarin: Sie stellt die Kinder in die Mitte – wie Sie es als Landesverband seit hundert Jahren tun – und nimmt die Kinder mit in Abrahams Welt. Die Kinder erleben, was es heißt, Gottes Ruf zu hören und sich mit Vertrauen auf den Weg zu machen. Und das Wichtigste: Die Kinder erleben: Gottes Versprechen gilt auch mir.
In diesem Familiengottesdienst haben das aber nicht nur die Kinder erlebt, sondern auch die Erwachsenen. Das meint Jesus, wenn er den Erwachsenen zuruft, wie die Kinder zu werden. Das heißt nicht kindisch. Sondern Vertrauen zu haben, in den himmlischen Vater, der es gut mit mir meint. Der sagt, „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“
Liebe Gemeinde,
heute ist vielleicht auch so ein kleiner Abraham‑Moment: Sie blicken zurück auf hundert Jahre Weg – mit seinen Höhen und Tiefen. Sie freuen sich über das, was Gott alles hat gelingen lassen in diesen Jahren. Und sie schauen nach vorne. Da warten Herausforderungen und Fragen, die sie schon kennen und weiterbearbeitet werden müssen. Doch was die Zukunft wirklich bringt, wissen wir nicht – und das müssen wir auch nicht wissen. Nehmen wir uns einfach Abraham als Vorbild. Zuversichtlich macht er sich auf den Weg ins Unbekannte, weil er Gottes Verheißung vertraut:
„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“
Was braucht es mehr?
Amen
Der Evangelische Landesverband - Tageseinrichtungen für Kinder in Württemberg e.V. ist ein Trägerverband aus kirchlichen und kommunalen sowie weiteren freien Trägern von Kindertageseinrichtungen.Der Verband schließt Träger zusammen, die in der Erziehung, Betreuung und Bildung von Kindern auf evangelischer Grundlage arbeiten. Der Verband ist Mitglied des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Württemberg e.V. und der Bundesvereinigung evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder e.V. (BETA). Im Sinne der Verbandsziele umfassen die Leistungen der Landesgeschäftsstelle des Verbandes die Bereiche fachpolitische Interessensvertretung, fachliche Information, Beratung sowie Fort- und Weiterbildung.
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