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„Durch Corona begann eine neue Phase“

Thomas Dreher über Herausforderungen und Chancen der Krankenhausseelsorge

Die Krankenhausseelsorge kennt die Lage der Kliniken von innen. Was die Seelsorgenden dort beobachten, welche Herausforderungen sich stellen und welche Fortschritte die Ökumene in diesem Bereich macht, darüber spricht der Vorsitzende des Konvents der Krankenhausseelsorge, Thomas Dreher, in unserem Interview.

Die Corona-Pandemie sorgte in der Krankenhausseelsorge für einen radikalen Bruch. Zu viele Menschen erkrankten bereits an dem Virus. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Krankenhaus leiden unter der belastenden Pflege. Und der persönliche Kontakt bei der Seelsorge wurde plötzlich zum Ansteckungsrisiko.fernandozhiminaicela/Pixabay

Wie läuft die Arbeit seit der Corona-Pandemie?

Thomas Dreher: Durch Corona entstand für die Krankenhausseelsorge ein radikaler Bruch. Wir Seelsorgerinnen und Seelsorger standen im vorletzten Jahr vor der Frage, ob wir noch ins Krankenhaus hineindürfen oder nicht. An den meisten Kliniken hat sich nach ein paar Stunden geklärt, dass wir zum Krankenhaus gehören und weiterarbeiten können, auch in Tübingen, wo ich tätig bin. Die Krankenhausseelsorgerinnen und Krankenhausseelsorger in der Landeskirche haben ökumenisch mit sehr viel Einsatz und kreativ auf die neue Situation reagiert.

Trotzdem begann eine neue Phase. In der ersten Welle waren wir einige Wochen lang die einzigen, die neben dem medizinischen Personal Zugang zu den Patientinnen und Patienten hatten. Angehörige hatten ihn nur im Ausnahmefall. Wir haben vielfach vermittelt und waren für die Patienten da, die außer uns keine Kontakte hatten. Gespräche mit Angehörigen fielen weg und sind bis heute weniger geworden. Gerade etwa auf der Intensivstation können viele Patienten nicht sprechen, dort sind wir für die Angehörigen da. Sie müssen nun mehr auf uns zugehen und wir telefonieren häufiger.

Thomas Dreher ist Krankenhausseelsorger am Universitätsklinikum Tübingen und seit sechs Jahren Vorsitzender des Konvents der Krankenhaus- und Kurseelsorge in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.Mehmet Bas

Gab es im vergangenen Jahr ein besonders schönes Erlebnis?

Dreher: Besonders war eine Sterbebegleitung, ein Abschied in einer Intensivstation, wo ich mit der Tochter über das Leben der Mutter ins Gespräch kam. Ich habe ein Thema im Leben von Mutter und Tochter erkannt und angesprochen. Ich glaube, es war kein Zufall, dass die Mutter einige Minuten, nachdem ich wieder gegangen bin, gestorben ist. Auch für die Tochter hat sich etwas geklärt. Sie hat mir danach einen Brief geschrieben. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in dem Prozess helfend und klärend dabei sein konnte und das wahrscheinlich auch das Loslösen erleichtert hat.

Können Sie von einer sehr schwierigen Erfahrung erzählen?

Dreher: Eine Begleitung, die ich gemacht habe, dauerte ein halbes Jahr. Nach einem medizinischen Problem musste ein Mann lange auf Station bleiben. Immer wieder stellte sich die Frage, ob er noch eine Chance auf Heilung habe, oder ob das Therapieziel von „kurativ“ auf „palliativ“ geändert werden sollte. Es war ein langes Ringen und eine schwierige Zeit. Für ihn, die Ehefrau, die Mediziner – und mich. Nach einem halben Jahr war klar, dass auf eine palliative Therapie umgestellt werden würde. Ich habe ihn und die Angehörigen dabei begleitet. Der Mann ist im Klinikum verstorben und hat mich eine Woche vor seinem Tod gefragt, ob ich ihn bestatte. Das habe ich auch gemacht, in berechtigten Ausnahmefällen ist das möglich. Aber das sind Erlebnisse, die man nicht vergisst.

„Das sind Erlebnisse, die man nicht vergisst.“

Thomas Dreher

Wie ist die Lage in den Krankenhäusern seit Corona?

Dreher: Das Krankenhaus ist als System schon jahrelang im Stress, weil es eine Gesundheitsreform gab. Die Abrechnungsmodi haben sich verändert. Dadurch werden die Krankenhäuser von der Politik in einen Wettbewerb geschickt. Vielfach haben die Kliniken personelle Ressourcen vor allem in der Pflege auf das absolut Notwendige reduziert und Arbeitsprozesse verdichtet. Auch die Intensivpflege war betroffen – schon vor der Pandemie wurde es immer schwerer, Intensivpflegekräfte zu finden, und in vielen Häusern wurden deshalb die Plätze reduziert. Außerdem werden in den nächsten Jahrzehnten viele Pflegekräfte fehlen.

Und dann kam die Pandemie.

Dreher: Ja, in diese schwierige Situation traf die Corona-Pandemie und hat die Lage verschärft. In der Krankenhausseelsorge sind wir auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da. An den Gesprächen zu Beginn der dritten Welle habe ich gemerkt, dass selbst jüngere Pflegende erschöpft waren, weil die Pflege von Corona-Patienten aufwendig und schwer ist, nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Menschen, die angetreten sind, zu heilen und zu helfen, müssen erleben, wie ein hoher Prozentsatz der Patienten verstirbt. Dazu kommt die hohe Rate an Ungeimpften.

Das sind erschwerte Arbeitsbedingungen. In dieser dichten Folge von Wellen bedeuten sie eine große Belastung für alle, die im Krankenhaus arbeiten. Das geht bis in die Verwaltung hinein.

„An den Gesprächen zu Beginn der dritten Welle habe ich gemerkt, dass selbst jüngere Pflegende erschöpft waren, weil die Pflege von Corona-Patienten aufwendig und schwer ist, nicht nur physisch, sondern auch psychisch.“

Thomas Dreher

Was sind Lösungen?

Dreher: Ich denke, es braucht eine gesellschaftliche Neubewertung der Care-Arbeit. Ja, es werden wieder Boni diskutiert und es gibt bereits Gehaltserhöhungen. Für wichtiger halte ich aber die Frage: Was mutet man Menschen zu, die seit vielen Jahren in Verhältnissen arbeiten, wo immer stärkerer Personalmangel Raum greift bei gleichzeitig wachsenden Ansprüchen an die Arbeit? Was bedeutet es, wenn eine Gesellschaft umdenken muss, dass es keine Hochleistungsmedizin und Pflege zu Discounter-Preisen gibt? Was ist es uns wert, dass sich Menschen finden, die bereit sind, diese verantwortungsvolle Tätigkeit auf allen Ebenen zu übernehmen? Ich glaube, unsere Gesellschaft setzt da schlichtweg falsche Prioritäten. Auch angesichts einer älter werdenden Gesellschaft.

„Was ist es uns wert, dass sich Menschen finden, die bereit sind, diese verantwortungsvolle Tätigkeit auf allen Ebenen zu übernehmen?“

Thomas Dreher

Wie wirken sich gesellschaftliche Entwicklungen auf die Krankenhausseelsorge aus?

Dreher: Wir leben in einer postchristlichen Gesellschaft, die multireligiös und stark individualisiert ist. Auch Medien spielen eine große Rolle. Deshalb treffen wir bei unserer Arbeit auf viele Menschen, die noch in der Kirche sind, aber nicht zum Kern, sondern zu den Interessierten gehören. Sie nehmen den Dienst der Krankenhausseelsorge aber gerne an, obwohl sie eine freie Spiritualität leben, die nicht mehr klassisch an das angebunden ist, was der sonntägliche Gottesdienstbesucher erlebt und glaubt.

Es gibt auch viele Menschen, die mit Kirche gar nichts mehr zu tun haben, die aber häufig trotzdem nach erster Skepsis mit uns sprechen und von diesen Gesprächen profitieren. Vielleicht kann man bei ihnen einen spirituellen Horizont berühren und öffnen. Aber vielleicht auch nicht. Es gehört zu unserem Dienst, dass wir für alle da sind, für die eine Begegnung hilfreich ist. Als Menschen für Menschen. Dann tun wir das aus unserem fachlichen Know-how und durch unsere Präsenz. Krankenhausseelsorge ist ein Dienst der Kirche an der Gesellschaft. In der Nachfolge Jesu gehen wir zu den Menschen.

„Es gehört zu unserem Dienst, dass wir für alle da sind, für die eine Begegnung hilfreich ist.“

Thomas Dreher

Große Fortschritte macht die Krankenhausseelsorge bei der ökumenischen Zusammenarbeit. Wo steht der Prozess im Moment?

Dreher: Vor zwei Jahren wurde nach einem mehrjährigen Prozess die Rahmenvereinbarung zwischen der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Evangelischen Landeskirche in Württemberg abgeschlossen. Die Krankenhausseelsorge arbeitet schon seit langem ökumenisch zusammen. Doch wir wollten die Zusammenarbeit strukturell verabreden und sie nicht davon abhängig machen, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger individuell gut kooperieren.

Aus dieser Rahmenvereinbarung entstanden auch lokale Kooperationsvereinbarungen. Sie regeln die Zusammenarbeit vor Ort. Es geht darum, dass Gottesdienste nicht nur parallel, sondern abwechselnd stattfinden sollen, dass Stationen nicht doppelt besucht, sondern von einer Klinikseelsorge aus versorgt werden sollen oder um gemeinsame Rufbereitschaften. Auf vielen Ebenen wurde die Arbeit landeskirchen- und diözesanweit enger vernetzt. Es gibt bereits für rund 60 bis 70 Prozent aller Standorte solche Verträge.

Nun folgt ein weiterer Prozess, der die ökumenische Zusammenarbeit stärken soll.

Dreher: Ja, im Frühling starten wir auf Einladung der katholischen Krankenhausseelsorge einen Prozess der Qualitätsentwicklung. Wegen der Pandemie beginnt er zwei Jahre später als geplant. Der Prozess wird von Arbeitsgruppen vorbereitet. Start wird für die katholische Krankenhausseelsorge bei der Jahrestagung im April und für die evangelische Seelsorge bei einem Studientag Anfang Mai sein. Das Ziel ist, dass Krankenhausseelsorgende ökumenisch gemeinsame Qualitätskriterien finden. Zum Beispiel, wenn es um das Thema „Was ist gute Seelsorge auf der Intensivstation?“ geht. Oder um die Frage: „Was bedeutet gute Seelsorge bei einem Einmalkontakt mit Patienten?“ Aus der Fülle der Möglichkeiten werden sechs Kriterien verabredet und gefragt: Was brauchen wir, um das zu erreichen? Wie können wir uns weiterentwickeln?

„Im Frühling starten wir auf Einladung der katholischen Krankenhausseelsorge einen ökumenischen Prozess der Qualitätsentwicklung.“

Thomas Dreher

Arbeiten Sie auch mit muslimischen und jüdischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern zusammen?

Dreher: Ja, vor allem die muslimische Seelsorge ist im Kommen. Das Land Baden-Württemberg hat sie mit einer Ausbildungsstätte für muslimische Seelsorge in Mannheim unterstützt. Das Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen bietet einen Masterstudiengang für islamische Seelsorge und Sozialarbeit an. Auch der türkische Moscheeverband DITIB, der in Deutschland tätig ist, arbeitet im Moment an einer Seelsorge-Ausbildung. In Tübingen arbeiten wir wie in Stuttgart und an anderen Orten eng zusammen. In der Mehrheit der Fälle vermitteln wir die Patientinnen und Patienten auch aneinander. Das gilt auch für jüdische Seelsorgerinnen und Seelsorger. Das Krankenhaus schätzt diese Dienste.

„Man kann im Leben Wunder erleben und damit meine ich nicht die Rettung vor Leid und Tod, sondern, dass Bewahrung und Entwicklung bis zuletzt geschehen kann.“

Thomas Dreher

Was haben Sie bei Ihrer Arbeit als Krankenhausseelsorger gelernt?

Dreher: Wie „wunderbar“ das Leben in seiner Vielschichtigkeit ist. Man kann im Leben Wunder erleben und damit meine ich nicht die Rettung vor Leid und Tod, sondern, dass Bewahrung und Entwicklung bis zuletzt geschehen kann. In der Krankenhausseelsorge ist man nahe dran an solchem Glaubenserleben. Außerdem habe ich die Angst vor dem Sterben verloren, weil ich von den Sterbenden gelernt habe: Wir werden geführt und begleitet. Und noch eines habe ich verstanden – wie wichtig das Zusammenarbeiten der Konfessionen und Religionen für die Krankenhausseelsorge ist und wie bereichernd der ökumenische und der interreligiöse Dialog.

Thomas Dreher ist seit zwölf Jahren in der Krankenhausseelsorge tätig. Er arbeitete viele Jahre in einem katholischen Krankenhaus und ist seit drei Jahren Klinikseelsorger am Universitätsklinikum Tübingen. Seit sechs Jahren ist er Vorsitzender des Konvents der Krankenhaus- und Kurseelsorge in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.


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Grafik: elk-wue.de

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