| Diakonie

Tafelläden unter Druck

Zum Beispiel Reutlingen: Höherer Bedarf, weniger Spenden

Wie die meisten Tafelläden steht auch die Reutlinger Tafel vor großen Herausforderungen. Die Zahl der Kunden hat sich verdoppelt, und der Einrichtung gelingt es kaum noch, die Menschen gut zu versorgen, die dort zu günstigen Preisen Lebensmittel beziehen.

Die Tafel in Reutlingen sieht fast aus wie ein normaler Supermarkt, aber die Regale zeigen große Lücken. Dort liegt nur aus, was an Spenden hereinkommt.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Ein großer Innenhof am Rande des Reutlinger Zentrums. Ein Mann hat sich einen Campingstuhl aufgebaut, neben sich eine Sporttasche. Auf Bänken sitzen Frauen und Männer mit Taschen in den Händen und schauen in Richtung Eingangstür. Sie warten darauf, in die Tafel hineingelassen zu werden, um zu stark vergünstigen Preisen Lebensmittel und andere Waren einzukaufen.

Einer von ihnen ist Roland Eger, 59 Jahre alt. Schon seit drei Stunden ist er hier, er hat einen Trolley dabei. Für Gemüse zahlt er hier einen Euro statt 2,50 Euro im Supermarkt, erzählt er. Auch Käse oder Wurst erhält er zu erschwinglichen Preisen. „Was ich nicht am Dienstag bekomme, bekomme ich vielleicht am Freitag“, sagt er. Aber es gibt auch Waren, auf die er schon seit Monaten wartet, zum Beispiel Waschmittel.

Zweimal in der Woche dürfen die Kundinnen und Kunden hierherkommen

Roland Eger ist Bäcker, musste aber im vergangenen Jahr wegen eines Herzleidens aufhören, zu arbeiten. Jetzt erhält er Arbeitslosengeld und kauft zweimal in der Woche bei der Tafel ein. So häufig dürfen die Kundinnen und Kunden dort Lebensmittel beziehen.

Kunde Roland Eger kommt zweimal in der Woche früh zur Tafel. „Weil dann noch mehr da ist“, sagt er. Doch warten muss er trotzdem.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

„Weil morgen Feiertag ist, sind sehr viele Menschen gekommen“, sagt Karin Schenk, Leiterin der Tafel. Die vielen bedürftigen Menschen durch die Tafel zu schleusen – zudem noch pandemiegerecht –, ist für sie eine Herausforderung. „Die Kundinnen und Kunden sind natürlich ungeduldig“, sagt Schenk. Auch dass viele Kunden schlecht Deutsch können, ist für sie nicht leicht: „Wir haben auch mit der Sprache zu kämpfen und können uns schwer verständlich machen, wenn etwas schief geht oder nicht so gut läuft“, erklärt sie.

Najba ist Mutter von fünf Kindern und kommt regelmäßig zur Tafel

Im Warteraum im Inneren des Gebäudes setzt sich Najba auf einen Stuhl. Um 8:30 Uhr ist die 30-jährige Mutter von fünf Kindern hierhergekommen, erzählt sie. Dabei öffnet die Tafel erst um 10 Uhr. Auch sie kauft dienstags und freitags ein: Brot, Nudeln, Gemüse und anderes, das die Großfamilie benötigt. „Mein Mann arbeitet, aber das Geld, das er verdient, reicht nicht“, sagt sie. Während sie für einen Familien-Einkauf bei Aldi oder Lidl 100 Euro oder auch mal 150 Euro bezahlen muss, zahlt sie hier nur 25 Euro. Während der Corona-Pandemie musste sie trotzdem für viel Geld in den normalen Läden einkaufen, weil eines ihrer Kinder eine Behinderung hat und sie ihre Kontakte reduzieren musste, erzählt sie. Jetzt ist es 12 Uhr und sie darf den Laden betreten.

Seit der Corona-Pandemie müssen die Kundinnen und Kunden unter freiem Himmel im Hof warten

An diesem Tag kommen rund 130 Personen. Seit Beginn der Corona-Pandemie müssen die Menschen die drei Stunden Wartezeit, die sie einplanen müssen, draußen vor dem Gebäude verbringen. Bei gutem Wetter – wie an diesem Tag – geht das. Doch bei Regen gibt es kein Dach, um sich unterzustellen.

Hinter einer Theke steht die Ehrenamtliche Anna Hatwig und versorgt die Menschen mit Brot. Die Tafel erhält weniger Brotspenden als früher.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Brot, Obst und Gemüse: Zu einem sehr niedrigen Preis erhalten die Menschen hier Frisches, das sie sich im normalen Laden nicht leisten könnten

Im Laden schieben die Kundinnen und Kunden volle Einkaufswagen durch die Gänge. In den Regalen liegen Gemüse, Obst, Wurst, Käse, Süßes und Brot, aber sie zeigen auch viele Lücken. Über eine Theke reicht die Ehrenamtliche Anna Hatwig Brote an die Kundinnen und Kunden.

An der Kasse liest eine Frau mit vollgepacktem Einkaufswagen der ehrenamtlichen Kassiererin die Preisschilder der Lebensmittel vor: „40, 30, 40, 80, 20.“ Für zehn Brötchen zahlt sie 40 Cent. 16,70 kostet der gesamte Einkauf. Die Lebensmittel kosten bei der Tafel zwischen zehn und 30 Prozent des Ladenpreises. Eine Packung Zucker etwa gibt es für 30 Cent, im Laden kostet sie 1,29 Euro.

Ein Lagerraum mit Kisten voller Gemüse und Obst - im normalen Laden teuer. Deshalb sind die Kundinnen und Kunden froh, dass sie hier Frisches für sehr wenig Geld erhalten.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Die Zahl der Menschen, die zur Tafel kommen, hat sich in kurzer Zeit verdoppelt – ein Kraftakt

Neben dem Tafelladen lagern in einem Raum Kisten voll mit Bananen, Frühlingszwiebeln, Paprika, Lauch und Radieschen. Die Zahl der Kundinnen und Kunden hat sich seit dem vergangenen Jahr verdoppelt. Viele Geflüchtete aus der Ukraine beziehen seit dem Kriegsausbruch im Februar ihre Lebensmittel bei der Tafel. „Es gibt zu wenige Waren“, sagt Karin Schenk.

Griechische Kekse, Mandeln, Gummibären: Ein Regal mit Süßwaren.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Gleichzeitig gehen Lebensmittelspenden auch an andere Abnehmer, obwohl die Tafel auf so viele Spenden wie möglich angewiesen ist

„Früher sind wir mit Backwaren überrannt worden“, erklärt sie. Das sei nicht mehr so. Das läge auch an der Konkurrenz mit anderen Empfängern von Lebensmittelspenden. Viele Läden gäben ihre Lebensmittel an Foodsharing-Initiativen, weil die Tafel nicht alle Lebensmittel annehme, sondern aussortiere – obwohl es mit den großen Lebensmittelkonzernen in Deutschland eine Vereinbarung gebe, dass die Tafeln bei Spenden Vorrang habe, beklagt Schenk.

„Die Supermärkte kaufen knapper ein, kalkulieren anders.“ Hinzu kämen Lieferengpässe.  „Es ist schwierig, wenn der Tafel die Lebensmittel ausgehen und die Menschen am Schluss nichts mehr erhalten“, sagt Schenk. Zukaufen darf die Tafel jedoch nicht.

Drei Autos holen pausenlos neue Spenden ab – trotzdem sind bis zum Nachmittag die Regale leer

Im großen Innenhof parkt ein Transporter. Zwei Ehrenamtliche steigen aus. Ein dritter Mann schiebt einen Rollcontainer an die Autotür und beginnt, kistenweise Lebensmittel darauf zu laden.

Das Auto transportiert Großspenden von Lebensmittelläden in der Nähe: Zwei Paletten aus einem großen Edeka-Lager, eine Spende von Lidl. Seit halb acht Uhr sind die Ehrenamtlichen im Einsatz.

„Wir haben so viele Kunden, dass wir auf alles angewiesen sind, was wir erhalten“, sagt Leiterin Schenk. Was die Transporter mitbringen, weiß sie vorher nicht.

Die Ehrenamtlichen Joachim Gehrke (von links) und Rüdiger Hecht holen in der ganzen Umgebung Spenden ab. Gehrke findet, der Staat mache es sich leicht: „Deutschland ist so reich, doch viele Menschen sind auf die Tafel angewiesen“, sagt er. „Gerade hier, in einer Industriestadt, wo die Menschen viel gearbeitet haben. Das ist bedrückend.“Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Ein zweiter Kleinbus fährt in den Hof. Er transportiert die Spende einer Grund- und Realschule: Dort haben Eltern, Schülerinnen und Schüler und Lehrer eine Sammelaktion veranstaltet. Vincent Maier steigt aus. Er besucht die 9. Klasse des Isolde-Kurz-Gymnasiums und macht ein Sozialpraktikum. „Es ist traurig zu sehen, wie viele Menschen die Tafel in Anspruch nehmen müssen, weil sie entweder nicht genug Geld haben oder keine Arbeit haben, um sich das alles leisten zu können, weil die Inflation so hoch ist“, sagt er.

Der Ehrenamtliche Joachim Gehrke findet, der Staat mache es sich leicht: „Deutschland ist so reich, doch viele Menschen sind auf die Tafel angewiesen“, sagt er. Viele der Kundinnen und Kunden seien von Altersarmut betroffen. „Gerade hier, in einer Industriestadt, wo die Menschen viel gearbeitet haben. Das ist bedrückend.“

Die Leiterin der Tafel, Karin Schenk.Screenshot: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Auch wenn kein Platz für weitere Ehrenamtliche ist, arbeiten die Helferinnen und Helfer am Limit

Im Flur des Gebäudes, durch den die Kunden den Laden betreten, sortiert eine Ehrenamtliche Lebensmittel. „Können wir den Quark noch aufheben?“, fragt sie Karin Schenk. Die Ehrenamtliche kontrolliert das Haltbarkeitsdatum und räumt die Waren auf einen Wagen. „Wann ist das Mindesthaltbarkeitsdatum?“, fragt Schenk, „Joghurt wird aussortiert, wenn er vier Tage drüber ist“.

Leiterin Karin Schenk verteilt an diesem Tag an rund 70 Ehrenamtliche die Aufgaben. Kürzlich hat die Tafel bei einer Veranstaltung in der Citykirche und in der Zeitung dazu aufgerufen hatte, sich dort zu engagieren, deshalb lernt Schenk auch viele Neue ein.

Leiterin Karin Schenk: „Wir versuchen, die Menschen zu unterstützen, wo es geht“

„Die Ehrenamtlichen arbeiten am Limit“, sagt Schenk. Viele Helferinnen und Helfer seien über 60 und könnten kaum eine Pause machen. Platz für mehr Ehrenamtliche gebe es nicht, außerdem fehle die Zeit, um noch mehr Helferinnen und Helfer anzuleiten.

„Wir versuchen, die Menschen zu unterstützen, wo es geht“, sagt Karin Schenk. Und sie eilt weiter zu den Transportern, aus denen viele Kartons Schokolade ausgeladen werden.


Über die Tafel Reutlingen

  • Bei der Tafel Reutlingen gibt es vier Öffnungstage: Früher durfte man einmal pro Öffnungstag kommen, jetzt zweimal in der Woche: Dienstag und Freitag oder Montag und Donnerstag.
  • Die Menschen müssen ihre Bedürftigkeit nachweisen: Wer staatliche Leistungen erhält, ist berechtigt.
  • Karin Schenk und Gisela Braun leiten die Reutlinger Tafel. Rund 1200 Kundinnen und Kunden kaufen insgesamt in der Tafel ein.
  • Die großen Lebensmittelkonzerne, aber auch kleine Betriebe, wie Bäckereien, und Privatpersonen spenden an die Tafel.
  • Rund 60 Prozent der Tafeln sind Projekte in Trägerschaft verschiedener gemeinnütziger Organisationen (AWO, Diakonie, Caritas, DRK, AWO etc.). Rund 40 Prozent der Tafeln sind eingetragene Vereine (e.V.). Die Reutlinger Tafel gibt es seit November 1999. Träger ist der Diakonieverband Reutlingen.
  • Über Privatspenden, Spenden aus Kirchengemeinden, insbesondere haltbare Lebensmittel und Drogeriewaren, zum Beispiel Windeln, ist die Tafel sehr dankbar.

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