| Landeskirche

„Auch Glocken sind Kirchenmusik“

Glockensachverständiger war Claus Hubers Traumberuf

Glocken faszinierten Claus Huber, Jahrgang 1957, schon als Kind. Als er Glockensachverständiger der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wurde, dachte er, nun werde er für sein Hobby bezahlt. Nach rund 30 Jahren geht er in den Ruhestand.

Claus Huber ist Glockensachverständiger i. R. der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.Ulrike Rapp-Hirrlinger

Schon im Tirolurlaub mit drei Jahren interessierte sich Claus Huber, geboren 1957 in Esslingen, sehr für die Kuhglocken. Dass er später einmal der Glockensachverständige der Evangelischen Landeskirche in Württemberg werden sollte, konnte er damals noch nicht ahnen. Erst recht nicht, dass er dieses Amt für rund drei Jahrzehnte ausfüllen würde - um dann in den Ruhestand zu gehen, ohne dass für ihn eine Nachfolge gefunden wurde.

1965 bekam er eine erste Handglocke zum Geburtstag, einige Jahre später eine zweite im Terzabstand dazu. Sein Traum vom eigenem Geläute, im Türmchen auf der Gartenhütte, erfüllte sich dennoch nie. In der Esslinger Kirchenmusikschule lernte er nicht nur Klavier, sondern erfuhr auch Gehörbildung und übte Notendiktate. Dann entdeckte er dort einen Prospekt über den Württembergischen Glockenatlas: Zum Beginn des Konfirmandenunterrichts wurde er bestellt. Weil darin die Tonhöhen fehlten, schrieb er sie säuberlich dazu.

Huber freundete sich mit dem Mesner der Esslinger Stadtkirche St. Dionys an. Bald durfte er für ihn die Glocken einschalten. Wenn der Mesner an Festtagen vergaß, die besondere große Glocke einzuschalten, erinnerte er ihn daran. Als der Mesner 1972 in den Urlaub wollte, gab er dem Jungen für 14 Tage den Kirchenschlüssel, er war seine Vertretung. Bei Postgängen bekam Huber Einblicke in die Glockenakten der Stadtkirche. Da fehlt noch eine ganz tiefe Glocke, dachte er, seine Zeichnungen reichte er bei Dekan Kurt Hennig ein. Der Kirchengemeinderat war begeistert, aus den Plänen wurde trotzdem nichts. Aber Hennig gab den Entwurf auch an den damaligen Glockensachverständigen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Pfarrer Gerhard Eiselen. Er lud den jungen Mann 1975 in den Stuttgarter Oberkirchenrat ein. Damit begann eine lange Freundschaft, die bis zum Tod von Eiselen mit 99 Jahren reichte.

Für ein Hobby bezahlt werden

Von 1990 bis 1994 kümmerten sich beide gemeinsam um die 5.200 Glocken der württembergischen Landeskirche. Huber lernte viel, legte 1994 seine Sachverständigenprüfung ab und übernahm das Amt. „Jetzt werde ich für ein Hobby bezahlt“, dachte er. Mindestens 170 Glocken, schätzt Huber, hat er im Lauf der Jahre selbst auf die Kirchtürme gebracht. Als er wegen Problemen mit der Läutemaschine nach Freudenstadt geholt wurde, fand er die große Kirche schlecht bestückt. Gemeinsam mit Stiftern und der Stadt sorgte er dafür, dass der vorher leere Turm zwei Glocken bekam und der andere Turm noch eine dazu. „Das gehört zu den schönsten neuen Geläuten, die ich kenne.“ Mit 7.960 Kilogramm hält eine der Freudenstädter Glocken den Gewichtsrekord im evangelischen Württemberg.

Beratung für Kirchengemeinden

Hubers Traumberuf hat ein Handicap: Es ist nur eine 40-Prozent-Stelle. Da er auch Kunstgeschichte studiert hatte, konnte er die anderen 60 Prozent mit dem landeskirchlichen Archiv aufstocken. Systematisch zog er durch die Kirchenbezirke, um die Kunstgegenstände in Kirchen und auf Dachböden zu inventarisieren. Dabei lag der Blick zu den Glocken immer verlockend nahe. Wenn er Kirchengemeinden in Glockenfragen beriet, hörte er sich immer die Glocken in der Umgebung an: Nachbarorte sollten sich möglichst unterscheiden, nahe Geläute - auch verschiedener Konfessionen - keine Dissonanzen erzeugen. „Auch Glocken sind Kirchenmusik“, sagt Huber. Am liebsten mag er es, wenn nach dem Glockenschlag der Gottesdienst mit dem Läuten beginnt. „Es ist die erste liturgische Handlung, die Menschen kommen zur Ruhe.“

Sei dann doch noch eine Nachfolge gefunden, gebe es für sie viel zu tun, sagt Huber. Denn immer mehr billige Neuanschaffungen der frühen Nachkriegszeit würden fällig und die Beschwerden wegen „Glockenlärm“ nähmen zu. Außerdem beherrschten manche Gemeinden die Läuteordnung nicht und bräuchten Schulung: „Ich sollte zur Trauung anders läuten als zur Beerdigung. Draußen sollte man hören, ob das eine Einladung ist, das Vaterunser mitzubeten, oder ob gerade eine Taufe ist.“

Eine Nachfolge, sagt Huber, müsse auch einigermaßen schwindelfrei sein, denn im Glockenturm gehe es oft hoch hinaus. Das habe schon mal Kandidaten den Weg zum nebenamtlichen Glockensachverständigen - drei davon gibt es aktuell in Württemberg - verbaut.

Mit Material von epd

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