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„Oase auf Zeit, Ort der Begegnung, letzte Hoffnung“

Landesbischof July über die urbane Kirche der Zukunft

Wie kann Kirche in den Städten auch künftig für die Menschen relevant bleiben? Beim Empfang des Kirchenkreises Stuttgart im Vorfeld des Reformationstags am 31. Oktober hat Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July seine Antwort auf die Frage nach einer urbanen Kirche skizziert. Dabei betonte er die Bedeutung von Faktoren wie Verlässlichkeit, Flexibilität, Offenheit und öffentlicher Sichtbarkeit, Engagement für die Ausgegrenzten und gemeinsamem Handeln in ökumenischer und interreligiöser Verbundenheit.

Begegnung und echte Gemeinschaft zu ermöglichen, bleibt für Landesbischof July eine der Hauptaufgaben der Kirche, gerade in der Großstadt - so wie hier beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 in Berlin.DEKT / Michalak

July hob hervor, Kirche lebe mit allen Entwicklungen der Stadt und solle „mit ihren Angeboten, ihrer Offenheit und ihrem Individualismus das Lebensgefühl der Großstadt atmen. Zugleich solle sie aber auch kleinräumige Heimat und Stabilitätsversprechen in einer permanenten Veränderung sein.“ Kirchengemeinden sorgten für das Gesicht von Kirche, für verlässliche Ansprechpartner im Quartier und Sozialraum. Sie seien „Oase auf Zeit, Ort der Begegnung, letzte Hoffnung in großer Not“. Dafür gelte es, „Kirche auch in neuen, fluiden Strukturen zu denken“, statt sich zu sehr von der Eigengesetzlichkeit bestehender Strukturen leiten zu lassen.

Landesbischof July zeichnete in seinem Vortrag beim Stuttgarter Reformationsempfang ein hoffnungsvolles Bild von der Kirche der Zukunft.Ludmilla Parsyak

Nicht jede Gemeinde muss alles bieten

Um öffentlich hörbar zu sein, komme es zum einen auf Kooperation an: „In manchen Debatten werden wir nur gehört, wenn wir gemeinsam mit anderen sprechen – wie in der Ökumene. Kirche in der Großstadt, das müssen wir oftmals gemeinsam sein.“ Auch die Kooperation über Gemeindegrenzen hinweg werde wichtiger, nicht jede Gemeinde müsse alles bieten.

Das persönliche Zeugnis in säkularer Gesellschaft

Zum anderen hob July die Wichtigkeit des persönlichen Zeugnisses jedes einzelnen hervor: „Es wird zukünftig mehr denn je auf Menschen ankommen, die glaubwürdige, charismatische Persönlichkeiten für ihr jeweiliges gesellschaftliches Umfeld sind: in der Kirchengemeinde, in der Stadtgesellschaft, in Kultur und Sport, bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Es geht dabei um das persönlich überzeugende Zeugnis des einzelnen Christen in einer säkularer werdenden Gesellschaft – besonders in der Seelsorge und Bildung.“ Es gehe darum, die Debatten in der Stadt mitzuprägen, auch wenn das manchmal unbequem sei.

July betonte, das persönliche Zeugnis zeige sich gerade im ehrenamtlichen Engagement, ohne das die Kirche „um so vieles ärmer wäre“; aber auch „im Dialog mit jüdischen und muslimischen Gemeinden ist es wichtig, am Arbeitsplatz, in der Schule oder Kita sprachfähig zu sein. Im Gespräch Unterschiede und Gemeinsamkeiten benennen zu können. Miteinander leben und handeln zu lernen.“

„Es wird zukünftig mehr denn je auf Menschen ankommen, die glaubwürdige, charismatische Persönlichkeiten für ihr jeweiliges gesellschaftliches Umfeld sind.“

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July

Die christliche Tugend des „neuen Sehens“

Für Kirche in der Stadt sei die christliche Tugend des „neuen Sehens“ Pflicht, so July: „Wie beim barmherzigen Samariter blicken wir auf unseren Stadtgängen oft genug weg, wenn die Not vor uns ist. Ein Wohnungsloser, ein Bettler, ein Opfer von Gewalt, ein Kind ohne Orientierung. Oft ist die Not nur schwer zu erkennen, aber sie ist da. Wo betreten wir Orte, an denen andere ausgegrenzt sind, keinen Zugang haben, keine Teilhabe? Viele dieser Grenzen sind unsichtbar. Sie können vor einem Café verlaufen, vor einer Kita oder einem großen Geschäft. Wer darf hinein, wer nicht?“ Diese Grenzen gelte es zu überwinden, sagte July und nannte als Beispiel die Vesperkirchen: „Die Vesperkirchen finden in den Kirchen statt und helfen, Menschen neu sehen zu lernen, die in Not sind.“

Seelsorge stärken

Zudem sei eine Lehre der Corona-Pandemie, „die Seelsorge noch stärker zu machen. Ein geflügeltes Wort nennt die Seelsorge die Muttersprache der Kirche. Seelsorge heißt: nah bei den Menschen zu sein.“ Deshalb müssten klarere Regelungen getroffen werden, wie der Zugang zu den Einsamen und Sterbenden gelinge; verlässliche, auch ökumenische Strukturen seien auszubauen.

Ziel bleibt die Erfahrung von Gemeinschaft

Ziel kirchlicher Angebote in der Stadt – präsent wie digital – bleibe es, Gemeinschaftserfahrung zu ermöglichen: „Denn diese Gemeinschaft ist es, die aus den christlichen Überzeugungen Einzelner Kirche macht. In der Gemeinschaft feiern wir Gottesdienst, stärken einander und gestalten unser Leben.“ Die Kirche der Zukunft sei, so July, auch mit der Erfahrung des Festes verbunden: „Etwas gemeinsam tun, Gemeinschaft erfahren, viele sein, in Kontakt kommen.“


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