| Kirchenjahr

„Verzweifelte Trauer und innigste Liebe“

Ein geistlicher Impuls zum Ewigkeitssonntag

Am Ewigkeitssonntag treffen Anfang und Ende des Kirchenjahres aufeinander, und wir gedenken aller verstorbenen Menschen, nah oder fern. Aber es ist auch ein Tag der Freude über die Liebe Gottes, die uns Ausblick gewährt auf das Leben in seinem Reich, jenseits aller Not, aller Trauer. Darüber singt das berühmte Kirchenlied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, über das Rundfunk-Pfarrerin Barbara Wurz nachgedacht hat.

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Wenn Gott in die Welt kommt, wird es sein wie ein rauschendes Fest. So erzählt es Jesus von Nazareth in einem biblischen Gleichnis. Im 16. Jahrhundert greift Pfarrer Philipp Nicolai das Gleichnis in einem Lied auf: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Wenn Gott auf die Welt kommt wird es sein wie ein rauschendes Fest: ausgelassen, fröhlich und frei!

Als die Pest wütete

Unbeschwert, fröhlich und frei wird es sein, wenn Gott kommt und die Welt untergeht. Denn das ist das eigentliche Thema des Gleichnisses von Jesus. Deshalb gehört auch das Lied unter Nummer 147 im Evangelischen Gesangbuch fest zum Ewigkeitssonntag. An diesem Tag beten wir für unsere Verstorbenen, und Philipp Nicolai hat es gedichtet, als in seiner Gemeinde die Pest gewütet hat. Bis zu 30 Beerdigungen täglich hatte er zu halten und unendlich viel Trauer auszuhalten.

Wir trauern um viele und vieles

So verheerend wird die Corona-Katastrophe in unseren Tagen hoffentlich nicht werden, doch die Lage ist schlimm genug. Vielen Menschen schlägt sie zunehmend aufs Gemüt: Die einen sind wütend, andere frustriert oder resigniert. Und alle gemeinsam trauern wir: Um die Menschen, die gestorben sind - sei es an Corona, durch Umweltkatastrophen, Unfälle oder schlicht den Lauf der Zeit. Manche trauern um verpasste Chancen und Lebensqualität. Und selbst sogenannte Querdenker trauern wahrscheinlich um das verlorene Gefühl von Selbstbestimmtheit, Freiheit und Unbeschwertheit. Die trübe Stimmung ist mit Händen zu greifen. Nahtlos schließt sie an das trübe Grau regnerischer Novembertage.

Trauer kann lähmend sein wie ein unangenehmer Druck auf der Brust, der das Atmen schwer macht und auch jede Bewegung oder Initiative. Und inmitten eines Meeres aus Trauer und Untergang steht da ein einfacher Pfarrer, Philipp Nicolai, und singt: „Wachet auf! Gott ist auf dem Weg zu uns und die Welt wird aufhören zu existieren. Und wenn es wirklich soweit ist, dann wird es sein wie ein fröhliches Fest, ausgelassen, unbeschwert und frei.“

Wenn Gott kommt, beginnt die Welt neu

Nicolai weiß: Wenn Gott auf die Welt kommt, dann muss sie untergehen. Unmöglich, dass sie mit all ihren Schrecken vor Gott bestehen kann. Wenn Gott auf die Welt kommt, dann kann sie aber auch gar nicht anders, als neu beginnen. Es wird Weihnachten und Gott liegt als Kind in einer Krippe. Etwas neues beginnt, voller Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Hoffnung auf eine bessere Zukunft und für den eigenen Lebensweg. Hoffnung, die den Blick los reißt von den Katastrophen und Verbrechen und wieder das Schöne sieht. Der Druck weicht und wir können wieder tief Luft schöpfen und Atmen.

Blick auf die Ewigkeit

Anders könnte man das Lied auch gar nicht singen. Philipp Nicolai zeichnet mit seiner Melodie den Text nach, beginnt in der Tiefe der Nacht, um dann hoch aufzusteigen, aufzuwachen und das Fest beginnen zu lassen. So hoch, dass man frei atmen muss, um die höchsten Töne zu treffen. Hier begegnen sich Gotteswort und Musik, Anfang und Ende, tiefste verzweifelte Trauer und das Gefühl innigster Liebe. Es begegnen sich Anfang und Ende des Kirchenjahres - nicht nur in den Rubriken des katholischen und evangelischen Gesangbuches. Wenn Gott auf die Welt kommt, dann erhaschen wir einen Blick auf die Ewigkeit.



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