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Perspektiv-Wechsel auf die Seite der Dienstleister

Vikarin Marilisa Sonnabend erzählt aus ihem Praktikum in der Gärtnerei

In der Zeit des Vikariats lernen angehende Pfarrerinnen und Pfarrer in der sogenannten „Ergänzungs- und Vertiefungsphase“ (EV-Phase) durch Praktika auch ganz anderen Regionen der Arbeitswelt kennen. Marilisa Sonnabend hat sich für ein Praktikum in einer Gärtnerei entschieden. Was sie dort erlebt und was sie dabei über sich gelernt hat, erzählt Marilisa Sonnabend im Interview.

Der Perspektivwechsel war für die Pfarrvikarin Marilisa Sonnabend sehr hilfreich. privat

Wie kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet in einer Gärtnerei zu arbeiten?

Marilisa Sonnabend: Die EV-Phase ist ja explizit dazu gedacht, einen Betrieb kennenzulernen, der nichts mit Kirche zu tun hat. Die Kolleginnen und Kollegen haben sich da auch ganz unterschiedliche Stellen ausgesucht: von Unternehmensberatung über Autozeitschrift bis zur Winzergenossenschaft. Ich mochte Blumen schon immer und fand es auch immer faszinierend, was es für eine Fülle an Blumen und Pflanzen gibt und was Menschen daraus herstellen können.

Wieso genau diese Gärtnerei? Und wie hat ihr Umfeld darauf reagiert?

Marilisa Sonnabend: Diese Gärtnerei hat vor einigen Jahren meine Hochzeit floristisch gestaltet. Deswegen wusste ich, dass das gute Handwerkerinnen sind. Dass es ein Familienbetrieb ist, hat sich als besonders interessant herausgestellt. Man macht eben nicht nur Dienst nach Vorschrift und geht dann heim – genau so einen Betrieb hatte ich mir erhofft.

Viele Menschen in meinem Umfeld fanden es schön, dass ich „etwas mit den Händen“ arbeiten will. Die Leute, die mich besser kennen, die haben gesagt „Ja, passt“.

Wie sehen Ihre Aufgaben aus?

Marilisa Sonnabend: Ich bin auf Zeit dort, deshalb habe ich andere Aufgaben als jemand, der zum 1. September die Ausbildung dort begonnen hat. Dienstags und donnerstags kommt die Ware vom Großmarkt und muss versorgt werden. Am Anfang habe ich bei jeder einzelnen Pflanze gefragt, wie ich das machen muss. Mittlerweile kann ich das aber einfach „wegschaffen“. Verkaufstische abfegen und vorbereiten kann ich auch selbstständig, und inzwischen übernehme ich auch Blumenlieferungen an Kunden. Und ich habe eine Testreihe aufgebaut, um zu testen, ob oder wie gut Pflanzenfrischhaltemittel tatsächlich helfen. Die Gärtnerei will rausfinden, ob es sich lohnt, dass sie davon so viel kaufen.

Schere und Messer gehörten zu den Arbeitswerkzeugen. privat

Feste Arbeitszeiten sind ungewohnt

Wie empfinden Sie den Unterschied zwischen der Tätigkeit in der Gärtnerei und Ihrer sonst eher schreibtischlastigen Arbeit?

Marilisa Sonnabend: Die Arbeit ist körperlich enorm anstrengend, wenn man die ganze Zeit steht. Und als Helferin stehe ich oft lange in einer Position. Aber daran gewöhnt man sich. Auch die langen Pendelwege zur Arbeit kosten Kraft. Und die festen Arbeitszeiten liegen mir nicht so ganz. Mein Beruf stellt sich ja normalerweise so dar, dass ich zwar fixe Termine habe, aber alles andere kann ich relativ frei gestalten. Außentermine wechseln sich mit der Arbeit am Schreibtisch ab.

Was haben Sie noch über sich selbst gelernt?

Marilisa Sonnabend: Ich bin eigentlich ein kreativer Mensch. Da ist etwa die kreative Arbeit mit Worten, die zu meiner Arbeit gehört. Ich mache auch gerne Musik, zeichne oder male ab und zu. Gegen Ende des Studiums hatte sich das leider ein wenig verloren. Jetzt aber bin ich den ganzen Tag von Menschen mit kreativem Output umgeben, und das zeigt mir, dass mir da Kreative doch fehlt.

Der Blick fürs Detail, erzählt Sonnabend, hat sich während des Praktikums verändert. privat

Blick fürs Detail entwickelt

Hat sich auch ihr Blick auf Pflanzen verändert?

Marilisa Sonnabend: Ich habe einen fast schon pedantischen Blick fürs Detail entwickelt. Man den Blumentopf so stellen, dass die Plastikschale nicht zu sehen ist. Und mir ist klar geworden, wie wichtig Blumenschmuck ist. Trauerkränze, Ansteckblumen für Konfirmanden, der Brautstrauß und der Anstecker für den Bräutigam, der Kirchenschmuck und der Schmuck beim Hochzeitsfest danach – darüber freuen sich die Menschen wirklich sehr. Vielleicht fehlt uns ein wenig die Wertschätzung dafür, wie viel Arbeit hinter all dem steckt.

Gab es etwas, das sie bei der Auswahl von Blumen für bestimmte Anlässe überrascht hat?

Marilisa Sonnabend: Der Kunde ist zwar König, aber manche Wünsche sind technisch gar nicht zu erfüllen – blaue Blumen zum Beispiel gibt es nur im Sommer. Im Gedächtnis geblieben ist mir eine Familie, in der der Vater und Ehemann plötzlich verstorben ist. Er hatte noch viel im Garten gemacht, sich um die Blumen gekümmert. Für die Familie war es klar, dass es zur Beerdigung eben keine edlen Blumen wie Rosen oder Lilien sein sollen, sondern etwas, das mehr nach Garten aussieht. Das ist vielen Menschen wichtig: lieber etwas lockerer, in Richtung Wiese und Garten. Und manchmal soll der Blumenschmuck auch zeigen, dass man sich etwas bestimmtes leisten kann. Bei Beerdigungen haben die Menschen eine bestimmte Vorstellung davon, welche Blumen für Männer passen und welche für Frauen.

„Manche Wünsche sind technisch gar nicht zu erfüllen“, weiß Marilisa Sonnabend jetzt. Durch die große Vielfalt an Blumen und Pflanzen kann aber fast jeder Wunsch erfüllt werden.privat

Die Fülle an Blumen und Pflanzen überrascht

Hatten Sie besondere Begegnungen mit Menschen, Gegenständen oder Blumen?

Marilisa Sonnabend: Die Fülle an Blumen und Pflanzen, die man auch für einen Strauß verwenden kann, hat mich überrascht. Enzian zum Beispiel, das hätte ich nie gedacht. Im Gedächtnis geblieben ist mir auch ein großes Requiem mit Beisetzung, dafür haben wir rund zehn Kränze hergestellt. Spannend war die Frage: Wie lässt man zwei unterschiedlich große Kränze in der Kirche gleich groß wirken? Mit solchen Wünschen geben die Menschen oft mehr über sich preis, als ihnen klar ist.

Ich hatte viele Begegnungen mit dem Floristenmesser – man sieht jetzt auch meinen Händen tatsächlich an, dass ich mit ihnen arbeite. Wenn eine Ladung Rosen kommt, dann sehen meine Arme aus, als ob ich eine Katze hätte.

Floristen und Bestattern auf Augenhöhe begegnen

Was nehmen Sie aus der Zeit in der Gärtnerei für ihre Zukunft als Pfarrerin mit?

Marilisa Sonnabend: Ein großes Thema bei uns in der Ausbildung ist Raumwirkung – wir können uns unsere Kirchenräume ja nicht aussuchen. Aber es macht eben viel aus, wie man mit dem Raum umgeht, ihn mit Blumen oder anderen Deko-Materialien gestaltet. Es ist gut, dass es dafür Spezialisten gibt. Es macht einfach einen Unterschied, wenn solche Dinge gut gemacht sind.

Ein Thema, mit dem ich mich jetzt noch näher befassen und auch in meiner Prüfung behandeln werde, ist das Thema „persönliche Beziehung“ oder eben auch „privat und beruflich“. Also wie ist das, wenn mein Cousin mein Chef ist? Oder auch in der Gemeinde, wenn ein Freund zum Beispiel eine Gruppe leitet und auch mal ein unangenehmes Gespräch führen muss? Da bin ich gespannt, was ich dazu noch entdecke.

Der Perspektivwechsel, auch einmal auf der Dienstleister-Seite zu stehen, war sehr hilfreich. Ich nehme daraus mit, dass seelsorgerliche Gespräche nicht exklusiv nur mit Pfarrpersonen stattfinden sondern auch bei anlassbezogenen Dienstleistungen. Zum Beispiel wenn der Blumenschmuck für eine Beerdigung besprochen wird – da redet man nicht einfach nur über das Geschäftliche. Da finden tiefgehende und wohltuende Gespräche an vielen Stellen statt. Man muss anerkennen und wertschätzen, dass es auch in diesen Berufen wahnsinnig empathische Menschen gibt, die einen guten Job machen – obwohl sie nicht dafür ausgebildet sind und nicht das Sicherheitsnetz des Pfarrberufs haben. Ich sehe mich, die hauptberuflich Seelsorgende, jetzt als Teil eines großen Ganzen im Dienst der Angehörigen. Floristen und Bestattern möchte ich auf Augenhöhe begegnen, weil ich jetzt weiß, wie groß ihr Beitrag in der Begleitung trauernder Menschen ist.


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