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Leere Altstadt statt vieler Pilger: Ostern 2021 in Jerusalem

Ein Interview mit Joachim Lenz, Propst von Jerusalem

Wo sich sonst in der Passions- und Osterzeit viele Menschen drängen, ist es 2021 leer und still. Zum zweiten Mal verhindert die Corona-Pandemie die traditionellen Osterfeiern im Heiligen Land. Wie die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache das Fest begehen wird, und warum Ostern in diesem Jahr leichter fassbar ist als sonst, erzählt der Jerusalemer Propst Joachim Lenz im Interview mit www.elk-wue.de.

Blick auf die Grabeskirche in JerusalemDr. Uwe Gräbe / EMS

Das zweite Ostern in der Pandemie rückt näher. Wenn Sie heute zu den Orten gehen, die in Jerusalem zu Ostern eine besondere Bedeutung haben, was sehen Sie dort?

Die Stadt ist gerade in diesen Wochen normalerweise von christlichen Pilgern, Touristinnen und Touristen und Reisegruppen überfüllt.

Zurzeit ist davon wenig zu sehen, in den vergangenen Monaten war die Jerusalemer Altstadt menschenleer. In der Grabeskirche, wo die Kreuzigungsstätte Golgatha und das Grab Jesu verehrt werden, war ich einige Male fast allein. Sonst drängen sich dort Hunderte. Eine zwiespältige Erfahrung: Zum einen waren die Kirchen wirklich Orte der Ruhe und des Gebetes - das zu erleben, nehme ich als Privileg. Zum anderen waren die Gassen der Altstadt zu still, fast leblos. Mit jedem geschlossenen Ladentor dort ist eine Familienexistenz bedroht, das ist bedrückend.

Propst Joachim LenzPropst Joachim Lenz

Seit einigen Tagen dürfen Gäste aus dem Land wieder in die Altstadt kommen. Die Landesgrenzen sind aber noch geschlossen. Gottesdienste zur Passionszeit und zu Ostern finden also im viel kleineren Rahmen als üblich statt.

Wie ist die Stimmung unter den Mitgliedern und Mitarbeitenden der jeweiligen Gemeinden?

Erst seit März ist es wieder möglich, mit Sondergenehmigung nach Deutschland und wieder zurück zu reisen. Vielen hier fehlen ihre Familien und Freundeskreise. Und wir vermissen Menschen, die sonst zum inneren Kreis der Gemeinde gehören: Zum Beispiel die Freiwilligen, die für ein Jahr bei uns oder anderen deutschen Organisationen hier im Land arbeiten. Oder Menschen, die regelmäßig nach Jerusalem kamen. Die Pandemie und ihre Folgen machen das Leben schwer, auch hier.

Die Pandemie trifft in Jerusalem auf eine angespannte politische Lage. Wie macht sich das bemerkbar?

Es gibt Spannungen zwischen ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaften und säkularen Juden, zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen den Religionen. An manchen Stellen treten diese derzeit deutlicher hervor: Dass z.B. Israel Impfweltmeister ist, während in den palästinensischen Gebieten kaum geimpft wird, sorgt für Diskussionen. Aber die Pandemie ist hier schlimm und in Deutschland und anderswo auch, dünnhäutiger werden wir alle.

Joachim Lenz. der Propst von Jerusalem.Propst Joachim Lenz

Rechnen Sie in diesem Jahr zu Ostern mit Pilgern?

Aus dem Ausland wird auch zu Ostern kaum jemand einreisen dürfen. Wir werden in Jerusalem also weitgehend unter uns bleiben, hoffen aber, dass Deutsche anderswo hier im Lande den Weg zu uns in die Erlöser- oder die Himmelfahrtkirche finden. Und dass wir uns auch in Jerusalem immer neu innerlich auf den Weg machen müssen, ist klar.

Welche Feiern wären in einem normalen Jahr besonders wichtig?

Der Gottesdienstplan der Erlöserkirche sieht ähnlich aus wie der vieler Gemeinden in Deutschland – nur, dass wir die Andacht zur Todesstunde Jesu am Karfreitag keine hundert Meter von Golgatha entfernt feiern. Wir werden das auch in diesem Jahr so halten, hoffentlich in der Kirche und mit Bachs Orgelmusik dazu. Passion und Ostern werden wir feiern, ihre Bedeutung ist derzeit eher leichter fassbar als sonst; sie weisen ja über unser kleines, jetzt gerade besonders begrenztes Leben hinaus. Dem nachzugehen tut mir jetzt gut.

Die Via Dolorosa an einem Sonntagnachmittag in der Pandemie – menschenleer.Propst Joachim Lenz

Gibt es Ersatzformate?

Auf die Beteiligung an Prozessionen verzichten wir, auch wenn es sonst übliche ökumenische Veranstaltungen gab. Der Weg über die Via Dolorosa, an den Kreuzwegstationen entlang, wird in diesem Jahr von kleineren Menschengruppen gegangen werden. Vor einem Jahr herrschte in der Karwoche und zu Ostern strikter Lockdown, da ging fast gar nichts.

Eingangsbereich der Grabeskirche, Blick auf Salbungsstein und Golgotha.Propst Joachim Lenz

Ostern 2021 ist Ihr erstes Osterfest im Amt als Propst von Jerusalem. Wie bereiten Sie sich persönlich vor? Was planen Sie?

„Wir müssen Ostern nicht retten. Ostern rettet uns“, habe ich zu Beginn der Pandemie in Deutschland gelesen. Stimmt! Wir werden im kleineren Kreis als sonst unsere Gottesdienste feiern – darauf freue ich mich sehr. Ich will bei den anderen Kirchen vorbeischauen, zum Beispiel wie sie in der Anastasis („Auferstehung“, der griechische Name für die Grabeskirche nebenan, Anm. Propst Joachim Lenz) zu Ostern feiern. Vielleicht ist es in diesem Jahr möglich, als Gast hinzu zu kommen. In anderen Jahren ist alles überfüllt.

Können Sie Erfahrungen, die Sie Weihnachten 2020 gemacht haben, dafür nutzen?

In der Advents- und Weihnachtszeit kamen zu Gottesdiensten und Gemeindenachmittagen manchmal mehr Menschen als nach Corona-Spielregeln erlaubt. Wir haben da Gruppen gebildet und zeitlich versetzte Angebote konzipiert. Wir werden auch die Kar- und Osterzeit organisatorisch gut regeln, denke ich, zumal die Beschränkungen jetzt lockerer und viele Gemeindemitglieder geimpft sind. Wer mit uns Gottesdienst feiern will, ist herzlich willkommen.

Orthodoxer Karsamstag in der Grabeskirche – vor der Pandemie drängten sich hier zu Ostern viele Menschen zur Feier des Heiligen Feuers. Dr. Uwe Gräbe / EMS

Es ist schon das zweite Osterfest in der Pandemie. Rechnen Sie damit, dass das Osterfest im Hl. Land sich dadurch dauerhaft verändern wird?

Wie gesagt: „Wir müssen Ostern nicht retten…“ Es wird wieder besser werden und sicher anders als vorher sein. Ich bin da unbesorgt: Wir finden Wege und Formen, Menschen einzuladen und gemeinsam nach Gott zu suchen und von ihm zu hören – auch unter anderen Bedingungen als jetzt und zuvor. Die Orthodoxen werden weiter ihre alten Rituale zelebrieren, die Benediktiner der Dormitio auf dem Zion werden beten und singen und immer wieder ökumenisch mit uns feiern. Das und vieles mehr wird bleiben.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihre Gemeindearbeit ausgewirkt?

Die Kirche Jesu ist grundsätzlich niemals nur für sich selbst da. Bei der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache zu Jerusalem ist das besonders gut sichtbar: Zu den Gottesdiensten kommen sonst bis zu drei- oder vierhundert Menschen. Die allermeisten davon gehören nicht zu unserer Gemeinde – oder besser: Sie gehören nur für kurze Zeit dazu, wenn sie nämlich im Heiligen Land sind. Gottesdienste und andere Veranstaltungen sind darauf angelegt, mit Gästen von anderswo begangen zu werden. Das entfällt nun.

Die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache feiert seit kurzem wieder Gottesdienst vor Ort, im Kreuzgang. Seit 1. März sind Gottesdienste mit bis zu 50 Personen erlaubt, wenn sie draußen stattfinden.Propst Joachim Lenz

Sehen Sie schon eine Normalisierung durch Impfungen?

Fast all unsere Gemeindemitglieder sind bereits geimpft, das ist gut. Wir beachten aber weiter sorgfältig die Abstands- und Hygieneregeln und treffen uns zum Gottesdienst im Kreuzgang, also Open Air: Wer da mit uns feiert, darf sich so sicher fühlen wie irgend möglich – egal ob geimpft oder nicht.