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„Gott tröstet immer (noch)“

Pfarrer Thorsten Eißler erinnert in seiner Andacht an das erste Pfingstfest

In seiner Andacht zu Pfingsten teilt Pfarrer Thorsten Eißler seine Gedanken zu Umbrüchen, zu den Jüngern Jesu beim ersten Pfingstfest und zu Corona. Geblieben ist, so macht er deutlich, der göttliche Beistand und der Trost in schwierigen, traurigen und verunsichernden Zeiten.

Pfarrer Thorsten Eißler erinnert in seiner Andacht an das erste Pfingstfest und zieht Parallelen zu Corona.Jens Schmitt / EMH

„Heute ist Pfingsten – aber nichts ist mehr so, wie es war. Ich meine: Hätte mir das noch im Frühjahr jemand gesagt, dass es bei uns möglich sein könnte, dass so ein Virus unser Leben so massiv umkrempelt, ich hätte es nicht geglaubt.

Ich muss ehrlich zugeben, dass mich das schon auf eine ganz seltsame Art und Weise verunsichert hat. Ich, der ich mein ganzes Leben bisher in der Sicherheit und dem Wissen gelebt habe, dass es uns gut geht. Dass es mir an nichts fehlt, dass ich alles machen kann, was ich will.

Nichts ist mehr so, wie es war. Auch, wenn wir wieder Gottesdienste feiern dürfen. Aber wir dürfen nicht selber singen, kein freundlicher Handschlag zur Begrüßung, Desinfektionsmittel statt Gesangbuch.

Auch beim ersten Pfingstfest war nichts mehr wie zuvor

Heute ist Pfingsten – aber nichts ist mehr so, wie es war. Auch an dem ersten Pfingstfest nicht.

Wie so oft haben sich die Freunde von Jesus getroffen. Was war das für ein Auf und Ab der Gefühle in den letzten Wochen. Erst dieser großartige Einzug in Jerusalem. Dann dieser Schock: Jesus wurde verhaftet, verurteilt und am Kreuz hingerichtet. Alles aus und vorbei. Aber nein, doch nicht. Jesus lebt. Sie haben ihn selbst gesehen, selbst gehört. Was für eine Freude. Jetzt wird alles gut!

Und dann plötzlich: in Luft aufgelöst. Von jetzt auf nachher in den Wolken verschwunden.

Mischung aus Angst und Trauer und Schweigen

„Jetzt ist es wirklich vorbei.“ Ich bin mir sicher, dass sie genau das gedacht haben. So saßen sie da in diesem Haus. Mit dieser lähmenden Mischung aus Angst und Trauer und Schweigen.

Keiner hat so richtig gewusst, wie es weiter geht. Was sollten sie denn auch ohne ihren Freund und Lehrer tun? Klar, Jesus hatte ihnen aufgetragen, dass sie weitermachen sollten. Dass sie allen Menschen davon erzählen sollten, was sie gemeinsam erlebt hatten. Aber anscheinend hat keiner von ihnen so richtig gewusst, wie das gehen soll.

Ein plötzlicher Sturm hat neues Feuer entfacht

Und dann gab es plötzlich einen Sturm. Der hat sie wachgerüttelt. Und der hat ein neues Feuer in ihnen entfacht. Es kam ihnen vor, als wenn Feuerzungen vom Himmel gefallen wären und sich auf sie gesetzt hätten, so steht es in der Bibel. Sie wurden erfüllt von Gottes Geist. Die Ratlosigkeit war weg und die Angst. Sie waren regelrecht ‚begeistert‘ und haben das den Menschen in ganz unterschiedlichen Sprachen erzählt.

Ja, ich weiß, das klingt merkwürdig. Und auch die Freunde wurden damals verspottet: Ihr seid wohl betrunken.

Der Heilige Geist wird bei uns bleiben

Ich glaube, dass genau das in diesem Jahr ganz besonders deutlich werden kann. Ich glaube, dass ich bisher noch in keinem Jahr die Passions- und Osterzeit so intensiv erlebt habe wie in diesem Jahr. Ich meine: An das ganze Leid, das Jesus in der Zeit erlebt hat, erinnern wir uns immer von Ostern her. Wir wissen, was kommt. Ich weiß, dass Jesus den Tod besiegt hat. Ich weiß, dass er zu seinem Vater in den Himmel zurückkehren wird. Und ich weiß auch, dass Pfingsten kommt und der Heilige Geist bei uns bleiben wird.

Aber in diesem Jahr haben wir ein bisschen was von dem Leid und den Umbrüchen, die Leben und Gesellschaft verändern, erlebt. Nein, Corona ist keine Strafe Gottes. Corona ist auch nicht der Sturm, der uns wachrüttelt. Aber das, was wir in den letzten Wochen und Monaten erlebt haben, hilft uns vielleicht, auch unsere Begeisterung neu zu wecken. Neu zu entfachen.

Hinter vielen Menschen liegen schwere Wochen

Die vergangenen Wochen und Monate haben wir ganz unterschiedlich erlebt. Für manche war es der finanzielle Ruin, weil sie plötzlich nichts mehr haben oder in Kurzarbeit zu wenig haben. Viele Familien und Beziehungen wurden auf eine harte Probe gestellt. Und auch wir als Kirche haben eine harte Zeit hinter uns. Weil wir Menschen allein lassen mussten, für die wir doch da sein sollten.

Auf der anderen Seite, ist ganz viel Neues und Schönes entstanden. Menschen gehen für sich gegenseitig einkaufen. Eine Welle der Dankbarkeit erreicht die Ärzte, Pflegekräfte und Supermarktmitarbeiter. Und auch in den Gemeinden ist vieles entstanden. Gottesdienste im Live-Stream, Traktorgottesdienste, Telefonandachten, Predigten zum Mitnehmen, Ostertüten mit Blumensamen und wir feiern wieder gemeinsam Gottesdienste. Wenn auch ein bisschen anders.

Der Geist Gottes lässt uns spüren: Ich bin nicht allein

Heute ist Pfingsten. Wir Christen glauben: Seit jenem ersten Pfingsten kann man den Geist Gottes spüren. Der kann mich begeistern und lässt mich erleben: Ich bin nicht allein.

Wie auch immer uns diese letzten Wochen verunsichert haben. Wie sehr mich das ganz persönlich verunsichert hat, mein Weltbild in Frage gestellt hat. Ich merke doch: Ich bin mittendrin. Ich gehöre auch zu dieser Geschichte, bin ein Teil von ihr. Wir sind nicht gottlos. Wir sind auch nicht gottverlassen. Jesus hat damals versprochen, dass er den Tröster schicken wird. Das hat er getan. Und er ist immer noch da. Er sieht das, was uns belastet und uns freut, und er ist mittendrin. Er ist bei den Kranken und Sterbenden. Er trauert mit denen, die einen lieben Menschen verloren haben. Er ist mit dabei, wenn Eltern versuchen ihren Kindern den Schulstoff zu vermitteln. Und er trägt den Frust mit, wenn jemand seinen Job verloren hat oder das Geld kaum zum Leben reicht. Und ich merke, wie mich das auch durch diese Zeit getragen und begleitet hat. Gott tröstet. Immer.“