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Heilbronner Prälat Harald Stumpf geht in den Ruhestand

Erster Entpflichtungsgottesdienst in der Geschichte der Landeskirche ist abrufbar

Heilbronn. Nach mehr als acht Jahren als Heilbronner Prälat verabschiedet sich Harald Stumpf in den Ruhestand. Seine Entpflichtung wird erstmals in der Geschichte der Landeskirche nicht in einem Präsenzgottesdienst vorgenommen, sondern aufgrund der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Beschränkungen in einem aufgezeichneten Gottesdienst. Abrufbar ist dieser ab sofort hier und auf unserer Facebook-Seite elkwue. Außerdem zieht Harald Stumpf im Interview Bilanz.

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July lobt ihn als einen Menschen, dem das Gespräch mit Menschen verschiedenster Gesellschaftsbereiche am Herzen liegt. Prälat Harald Stumpf habe „die Kolleginnen und Kollegen im Pfarrdienst bestärkt, die diakonischen Einrichtungen begleitet, Kirchenleitung mitgestaltet“. An welche Zeit denkt der Prälat besonders gern zurück, und was hat er jetzt vor? Mit ihm sprach Wenke Böhm für elk-wue.de.

elk-wue: Mehr als acht Jahre lang waren Sie Prälat von Heilbronn. Nun naht der Abschied. Was werden Sie besonders vermissen?

Harald Stumpf: Menschen werde ich vermissen! Freundschaften, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Und gute Zusammenarbeit in der Prälatenrunde sowie mit den Dekaninnen und Dekanen.

Mögen Sie den Satz ergänzen: Heilbronn ist für mich…

…eine dynamische, vitale Stadt mit zunehmend hoher Lebensqualität und Schönheit.

Welche schwierigen Momente haben Sie erlebt?

Als Aufsichtsrat der Diakonischen Jugendhilfe Heilbronn (DJHN) und im Diakoniewerk Schwäbisch Hall (DIAK) habe ich mitgewirkt, diese diakonischen Einrichtungen zukunftsfähig zu machen. Das waren sehr komplexe, konfliktreiche und belastende Prozesse. Dem DJHN drohte damals die Insolvenz. Inzwischen ist es wieder ein ganz gut aufgestellter Jugendhilfe-Träger, da ist Schwung drin. Beim DIAK haben wir ein ganz neues Krankenhaus gebaut und dann auch die Fusion mit Neudettelsau – also länderübergreifend nach Bayern – auf den Weg gebracht. Das ist zukunftsweisend, hören wir zum Beispiel von den Chefärzten.

Ihr beruflicher Weg ist abwechslungsreich und führte vom Theologiestudium in Tübingen und Vancouver über Renningen (Vikar) und Giengen/Fils (Pfarrer) ins Bischofsbüro, als persönlicher Referent von Dr. Gerhard Maier, bevor es schließlich über das Amt des Freudenstädter Dekans auf die heutige Stelle ging. Welche Ihrer beruflichen Errungenschaften freuen Sie besonders?

Bei der Fernseh-Gottesdienstreihe „Du bist nicht allein“ predigte Prälat Harald Stumpf in der Heilbronner Kilianskirche.elk-wue.de

Als Persönlicher Referent und Leiter des Büros von Landesbischof Dr. Gerhard Maier war es ein wichtiger Meilenstein, den Staats-Kirchen-Vertrag mit auf den Weg gebracht zu haben. Im Prälatenamt war es dann das Engagement unserer Landeskirche für die BUGA. Ich denke, dass wir dorthin gehen müssen, wo die Menschen sind. Ich wurde manchmal auch schon zitiert als der ‚Gartenschau-Prälat‘. Dass wir eine Projekt-Pfarrstelle eingerichtet und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt haben, war ein langer Weg und ist eine Erfolgsgeschichte: Die Ökumene in Heilbronn hat einen nachhaltigen Aufschwung erfahren und die Christen in der Stadt haben in der Zivilgesellschaft ein deutliches Gewicht bekommen.

Bitte ergänzen Sie: Besondere Erinnerungen aus der Zeit mit Landesbischof Dr. Gerhard Maier…

…sind die Reisen, vor allem in die Orthodoxie, also nach Weißrussland, Siebenbürgen, Georgien. Es war für mich besonders wertvoll, wenn ich gesehen habe,  wie Landesbischof Maier mit den Metropoliten und mit den Erzbischöfen ins Gespräch gekommen ist über die alten Kirchenväter. Sie haben eine Ebene gefunden – das war phantastisch, mitzuerleben, wie sie gemeinsam theologisierten. Dort hat er sowohl die Ehrendoktor-Würde als auch eine Ehrenprofessur erhalten.

Was hätten Sie gern noch verwirklicht oder miterlebt?

Den Bau des Ökumenischen Zentrums im Neckarbogen in Heilbronn auf dem BuGa-Gelände. Von Anfang an hatte ich angeregt, dass wir in dem neuen Stadtteil, der dort entsteht, präsent sein müssen. Und dass das Zentrum ökumenisch sein muss. Aus finanziellen Gründen ist es leider nicht zustande gekommen. Da waren wir nicht mutig genug als Kirche, in meinen Augen. Das ist für mich schon ein bleibender Schmerz, aber ich hoffe, dass sich da noch irgendwo etwas ergibt.

Begegnungen und Menschen zählen viel für Harald Stumpf. Das Foto zeigt ihn bei einer Podiumsdiskussion zum Landesmissionsfest (2.v.r.).Fabian Reinhard/EMH

Was möchten Sie Ihrem Nachfolger Ralf Albrecht mit auf den Weg geben?

Ich glaube, ich muss ihm keine Ratschläge geben. Ralf Albrecht ist so ein erfahrener und kluger Kollege. Wir haben uns als Nordschwarzwald-Dekane immer wieder getroffen. Ich wünsche ihm viele offene Türen und wenig Menschen, die in Schubladen denken. Klar ist er ein pointierter Vertreter des Pietismus, aber er kriegt Zugang zu sehr vielen Menschen, Politikern und Unternehmen, und von daher freue ich mich sehr, dass er das Amt übernimmt.

Nochmal zum Ergänzen: Glaube ist für mich…

…ein Beziehungsgeschehen, und zwar in diesem Dreieck: Gott lieben, den Nächsten lieben, sich selbst lieben. Dieses Beziehungsgeschehen wird sich auswirken, davon bin ich zutiefst überzeugt, auf unsere Mitmenschen, Nachbarn, Arbeitskollegen, unsere Gesellschaft.

Als Prälat sind Sie regelmäßig im Kollegium des Oberkirchrates? Wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?

Es ist natürlich eine sehr komplexe und schwierige Aufgabe, so eine Kirche zu leiten und zusammen zu halten. Großartig entwickelt hat sich in meinen Augen vor allem die Zusammenarbeit in der Prälatenrunde, auch in der Verschiedenheit, mit der jeder sein Amt ausübt. Das ist eine ganz tolle Gruppe geworden – und das werde ich auch besonders vermissen, die Kollegialität, das Unterstützen und das sich gemeinsam Einsetzen für eine Sache. Das war großartig.

Prälat Stumpf 2019 bei der Visitation in Künzelsau auf einem Bauernhof.

Welche wegweisenden Diskussionen sind Ihnen vor allem in Erinnerung geblieben?

Die Diskussion 14/15 darum, eine flüchtlingsbereite Kirche zu sein und Willkommenskultur zu entwickeln, das war ganz wichtig. Dazu gehört für mich auch ein Highlight: Es gab nämlich nur in Stuttgart und in Reutlingen ein Asylpfarramt, in Ulm und in Heilbronn nicht. Ich weiß noch, dass ich mit angeregt hatte, dort ein Flüchtlings-Diakonat zu schaffen. Damit haben wir dann ganz schnell einen Konsens gefunden. Vorreiter waren wir auch, indem wir gesagt haben, dass wir die Fluchtursachen in den Herkunftsländern bekämpfen müssen.

Zum Ergänzen: In meinen Augen sollte Kirche vor allem...

…sich nicht weiter zersplittern und selbst banalisieren, sondern zusammenwirken in ökumenischer und auch weltweiter Verbundenheit. Wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, schadet uns das. Die Einheit weiter anzustreben erwartet in meinen Augen auch die Zivilgesellschaft von uns. Also nicht weiter zersplittern und dann natürlich das Evangelium verkündigen in einer Seelsorge, die auf die Menschen zugeht.

Jetzt kommt die obligatorische Frage nach dem Unruhestand: Was haben Sie in den kommenden Monaten und Jahren vor?

Wir haben ja vier Kinder und sechs Enkelkinder, das siebte ist unterwegs. Es freut mich einfach, dass wir mehr Zeit für unsere Kinder und Enkelkinder in Neu-Ulm haben. Und was später vielleicht mal an Verkündigungsaufgaben auf mich zukommt, wird sich dann zeigen.

Annette und Harald Stumpf (hier ein früheres Foto) freuen sich auf gemeinsame Stunden mit ihren Kindern und Enkeln.Foto: privat

Wie sieht es mit Sport aus?

Wir haben in Langenargen ein Segelboot mit Liegeplatz, das mein Schwiegervater an uns weitergegeben hat. Und wir sind bisher selten dazu gekommen zu segeln. Das ist ausbaufähig. Dann sind wir beide begeisterte Skifahrer, Vorarlberg ist vom Bodensee aus leicht erreichbar, das wird sicher auch mehr Gewicht bekommen. Ansonsten möchte ich einfach viel laufen – Spaziergänge tun meinem Herzen und meiner Seele gut. Es gibt Spaziergänge, die Gebete sind.

Noch ein oder zwei Sätze zu Ihrer Heimat: Meckenbeuren am Bodensee …

… ist für mich auch die neue Heimat. Wir ziehen dorthin zurück, wo ich meine Frau früh in der Jugendarbeit schon kennengelernt habe. 40 Jahre sind wir jetzt weg, aber wir haben beide dort Verwandtschaft und Freundschaften, die sich über 40 Jahre als Fernbeziehung gehalten haben. Insofern freue ich mich, neue Pfade auf den alten Wegen gehen zu können.