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Corona-Weihnachten im Gefängnis

Große Belastung für Inhaftierte und Mitarbeitende

Corona hat die Lage für Inhaftierte und Bedienstete im Strafvollzug deutlich verschärft. Was dies für Weihnachten im Gefängnis und ihre Arbeit als Seelsorgerin bedeutet, erklärt die Pfarrerin und baden-württembergische Gefängnisdekanin Susanne Büttner in unserem Interview.

Weihnachten im Gefängnis unter Corona-Bedingungen - eine doppelte Herausforderung für Inhaftierte wie Bedienstete.Pixabay / Free Fotos

Wie wird in diesem Corona-Jahr in den Vollzugsanstalten Weihnachten gefeiert?

Susanne Büttner: Wir werden in den 19 Vollzugsanstalten im Land Gottesdienste feiern, es sei denn, es kommt ein Lockdown in einer Anstalt dazwischen. In drei Anstalten, auch in Schwäbisch Gmünd, wo ich Pfarrerin bin, kommen auch Bischöfe zu Besuch. Wir planen kreativ – wenn das Wetter es hergibt, feiern wir in Schwäbisch Gmünd in diesem Jahr in einem der großen Gefängnishöfe, auch in anderen Anstalten ist das in Planung. Alternativ werden wir mehrere Gottesdienste halten, um allen Inhaftierten den Besuch zu ermöglichen.

Susanne Büttner hat als baden-württembergische Gefängnisdekanin einen umfassenden Blick auf die Seelsorge in den Justizvollzuganstalten des Landes.privat

Was sind die Unterschiede zu früheren Jahren?

Susanne Büttner: Es gelten in den Vollzugsanstalten seit Pfingsten dieselben Abstands- und Hygieneregeln wie in den Gemeinden „draußen“. In vielen Anstalten sind wegen Corona unsere Gruppen sowie andere Freizeitangebote ausgesetzt. Dadurch ist auch in der Weihnachtszeit das soziale Leben deutlich reduzierter als sonst. Manches können wir aber gestalten wie jedes Jahr. Aus Spendengeldern bekommen alle rund 5.400 Inhaftierten im Land von der Seelsorge Weihnachtsgeschenke als Zeichen, dass sie nicht vergessen sind.

Wie verändert Corona die soziale und psychologische Situation – gerade auch im Hinblick auf Weihnachten?

Susanne Büttner: Für die Gefangenen sind die Kontakte zu den Angehörigen, zu Partnerinnen und Partnern sowie Kindern das Wichtigste. Die Einschränkung der Besuche zu Beginn der Pandemie war für die Inhaftierten also ein starker Einschnitt. Auch die vollzugsöffnenden Maßnahmen zur Vorbereitung der Entlassung entfallen ja zum größten Teil. Es gibt sehr vereinzelt noch Ausführungen mit Beamtinnen bzw. Beamten, aber Besuche zu Hause sind nicht möglich, auch nicht an Weihnachten. Der Vollzug hat schon im Frühjahr sehr schnell mit Skype-Gesprächen reagiert. Dafür sind die Inhaftierten dankbar, aber es ersetzt auf Dauer nicht die reale Begegnung. Diese Situation verstärkt die Isolierung, die viele Gefangene empfinden.

Gibt es Einschränkungen im täglichen Leben und in Ihrer seelsorgerlichen Arbeit?

Susanne Büttner: In manchen Vollzugsanstalten werden die Inhaftierten nur noch getrennt in die Arbeitsbetriebe eingeteilt, in den klassischen panoptisch angeordneten Anstalten wie Heilbronn, Mannheim oder Bruchsal wurden die Gefangenen auch nach Flügeln getrennt. Das hat natürlich zu enormen Einschränkungen geführt und teilweise auch zu Verdienstausfall. Im ersten Lockdown wurde zunächst auch der Standard an psychologischer und sozialarbeiterischer Betreuung heruntergefahren, denn das Personal muss sehr darauf achten, dass es nicht zu Infektionen kommt. Als Seelsorgerinnen und Seelsorger waren wir aber kontinuierlich vor Ort und haben sehr viele Gespräche geführt, natürlich ab Mitte März mit aller gebotenen Vorsicht.

Es nötigt uns großen Respekt ab, wie gut sowohl die Gefangenen als auch die Bediensteten diese anhaltende, schwere Lage meistern. Die große Mehrzahl der Inhaftierten trägt die Situation mit Verständnis – und die Mitarbeiter leisten unglaublich gute Arbeit. Die Arbeit ist ja mehr geworden, denn alle Neuzugänge kommen zunächst in Quarantäne und müssen entsprechend aufwändig betreut werden.  Ich finde, diese unsichtbaren Heldinnen und Helden, Gefangene wie Bedienstete hinter den Mauern, dürfen zu Weihnachten positiv und deutlich Erwähnung finden. Und wenn man an den Feiertagen an die denkt, die einen wichtigen Dienst tun in unsrer Gesellschaft, gehören die Bediensteten im Strafvollzug auch dazu.

Werden sich die Einschränkungen Weihnachten noch stärker auswirken?

Susanne Büttner: Ja, denn unter Corona-Bedingungen gibt es immer Inhaftierte in Quarantäne – das sind zumindest alle Neuzugänge 14 Tage lang. Sie können auch nicht an Gottesdiensten teilnehmen. Und dieses Jahr darf an Weihnachten niemand nach Hause zur Familie. Das hat es noch nie gegeben. Ich bin gespannt, wie die Atmosphäre zwischen den Jahren ist.

Normalerweise bemühen sich die Anstalten in dieser Zeit, das Freizeitangebot zu erhöhen. Das wird in diesem Jahr kaum möglich sein – auch weil das Personal knapper ist. Auch hier gibt es Ausfälle, weil Bedienstete in Quarantäne müssen. Das muss dann alles kompensiert werden.

Wie wirkt sich Corona auf Menschen aus, die sowieso schon einsam sind und wenig Rückhalt „draußen“ haben?

Susanne Büttner: Der erste Lockdown war für einen Teil dieser Personengruppe eine große Herausforderung. Denn bis zum Sommer war der Vollzug der so genannten „Ersatzfreiheitsstrafen“ ausgesetzt, um die Gefängnisse zu entlasten. Ersatzfreiheitsstrafen machen unter den Inhaftierten ca. zehn Prozent aus. Das sind arme Menschen, die ihre Geldstrafe zum Beispiel fürs Schwarzfahren nicht bezahlen können. Sie haben in der Regel kein gutes soziales Netz. Zwar haben wir als Vollzugspraktikerinnen  die Aussetzung dieser Ersatzfreiheitsstrafen grundsätzlich befürwortet – aber da standen diese Menschen dann auf einmal auf der Straße und mussten von den anderen Betreuungsstrukturen, die ja auch alle nur eingeschränkt agieren konnten, irgendwie aufgefangen werden.

Susanne Büttner möchte auch die orthodoxen Gefangenen ansprechen und stellt deshalb immer wieder auch Ikonen auf.Susanne Büttner

Wie können die Seelsorger helfen?

Susanne Büttner: Das Wichtigste, das wir immer im Namen Jesu und im Auftrag unserer Kirchen anbieten, ist unser Da-Sein. Seelsorge im Strafvollzug ist immer damit konfrontiert, dass wir schwierige Situationen nicht ändern, Leid nicht ungeschehen machen können. Aber wir hören zu, wir begleiten und eröffnen einen Raum, in dem Menschen spüren, dass sie nicht allein unterwegs sind. In Schwäbisch Gmünd im Frauenvollzug geben wir den Inhaftierten jetzt auch Materialien aus, mit denen sie ihre Zellen dekorieren oder Karten zum Verschicken gestalten können. Und es gibt bei uns wie auch auf dem Hohenasperg trotz Corona Proben für ein kleines Krippenspiel. Überall gibt sich die Seelsorge in ökumenischer Zusammenarbeit unglaubliche Mühe, die Gefangenen spüren zu lassen, dass Weihnachten nicht ausfällt. Uns kommt in diesem Jahr vielleicht besonders die Botschaft selbst entgegen: Der Heiland ist ja auch nicht unter optimalen Bedingungen in diese Welt gekommen.

Wie hat sich in den letzten Monaten die Situation in den Vollzugsanstalten durch Corona verändert?

Susanne Büttner: Es ist erstaunlich, dass die Inhaftierten die angespannte Situation – zum Beispiel kommen ja gerade auch keine Ehrenamtlichen rein – so ruhig nehmen. Und dass wir Bediensteten, die wir den ganzen Tag mit Schutzmaske arbeiten, treu unsere Arbeit tun. Ich spüre bei Gefangenen und Bediensteten eine wachsende Müdigkeit. Abends sind wir, die wir in den Gefängnissen einen humanen Standard aufrechterhalten wollen, total kaputt. Und die Inhaftierten müssen jetzt noch stärker gegen ihre Sinnkrise ankämpfen. Aber das teilen wir mit der ganzen Gesellschaft.

Nehmen Sie eine Veränderung darin wahr, wie Ihre Arbeit gebraucht und nachgefragt wird?

Susanne Büttner: Das ist unterschiedlich. Der Gottesdienstbesuch hat in vielen Anstalten spürbar nachgelassen, weil das Gemeinschaftserlebnis fehlt. Viele Inhaftierte genießen aber auch die höhere Konzentration der Gottesdienste und sind froh über die Kontinuität, die wir gewährleisten. Für uns in der Seelsorge ist spürbar, dass unsere Arbeit „lebensrelevant“ ist.

Das System Gefängnis würde ja auch ohne uns auskommen. Da geht es um Kontrolle, aber Seelsorge steht für das Schwache, das Unsichtbare, das nicht Kontrollierbare im Menschen. Für viele Inhaftierte hat unsere Präsenz daher auch eine hohe symbolische Funktion. Nachgefragt für Gespräche sind wir immer. Wir sind einfach da, auch um den Frust über die aktuelle Situation mit auszuhalten. Und um Hoffnung zu machen – dass es eine Dimension des Lebens jenseits des Haftalltags gibt.