| Kirchenjahr

Miteinander warten

Ein geistlicher Impuls zum 4. Advent

Die Zeit des Wartens auf Weihnachten ist fast vorüber. Aber manchmal sind die letzten Stunden oder Tage einer Wartezeit die schwersten. Gerade im Endspurt jeder Wartezeit lauern die Fallen. Jetzt gerade gilt es, miteinander zu warten und auf Gott zu hoffen, meint Pamela Barke in ihrem Impuls zum 4. Advent. Dieser Text ist auch in Advent Online erschienen, dem gemeinsamen Adventskalender der vier großen Kirchen in Baden-Württemberg. 

Pixabay / Marzena P.

Die Nummer 56 ist ihre Nummer.

Was sie auf der Klappanzeige sieht, als sie ins Wartezimmer ihrer Ärztin tritt, ist die Nummer 44.

Zwischen ihr und der Tür, die sich für sie öffnen wird, 12 Menschen, 12 Geschichten, und vor allem: viel Zeit. Es sind mehrere Ärztinnen und Ärzte in der Praxis. Sie überlegt: pro Patient…  das sind wohl wieviele Minuten?

Doch das Rechnen wird abgelöst durch die Erinnerung. Dringend möge sie kommen, hatte die Arzthelferin ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen. Deshalb hatte sie sich freigenommen. Nun sitzt sie auf dem harten Plastikstuhl. 12 und mehr Menschen um sie herum. Ihre Gedanken reisen in die Zeit, in der sie sich so schwach fühlte und sich endlich dazu aufraffte, zum Arzt zu gehen. Ein Facharzt, der nächste und noch einer. Jetzt eine Blutabnahme. Was wird das Gespräch bringen?

Die Mitarbeiterin hinter der Theke war unfreundlich gewesen. Die hier sitzen, schauen abweisend. Sie fühlt sich allein wie nie. Wie ihre Familie reagiert hat, das war auch anstrengend.

„Doch hab Geduld mit dem Niedrigen und lass ihn nicht auf Wohltat warten.“

So steht es in im Buch Sirach, Kapitel 29, Vers 8. Das Buch Jesus Sirach ist ein wegweisendes Buch. Und dieser Vers daraus ist ein wegweisendes Wort: Habt Geduld, lasst den nicht auf Wohltaten warten, der jetzt niedrig ist! Das ist ein dramatischer Appell an die Liebesfähigkeit von Menschen. Er klingt übrigens aus jedem Satz dieses ergreifenden Kapitels.

Was könnte dieser Liebesruf für die Frau mit der Wartenummer 56 bedeuten?

Was wäre es für eine Wohltat, wenn da eine verständnisvolle Ärztin wäre, die weiß, was es für jemand bedeutet, der im Arbeitsleben steht, Beschwerden mit sich herumzutragen.? Was wären freundliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für ein Zeichen von Geduld, die im Patienten den Menschen sehen - trotz Zeitnot?

Und, wenn die Frau die Wartenummer 56 hinter sich gelassen hat, wieder vor die Türe tritt, mit was einem Ergebnis auch immer, wieder in ihren Alltag hineingeht, in ihr Leben:

Eine Wohltat wäre, bei denen auf offene Ohren zu stoßen, denen sie von ihren Beschwerden erzählt.  Ein Zeichen von Geduld, dass niemand die gesundheitlichen Erfahrungen, die sie macht, relativiert. Oder durch kluge Ratschläge beiseite wischt.  Eine Wohltat, dass niemand ihre Ohren mit den eigenen Krankheitsgeschichten füllt. Für die sie jetzt keine Kraft hat.

Und was für eine Wohltat wenn sich jemand fände, der mit ihr auf Gottes Wohltaten hofft und wartet.


Von Pamela Barke, Evangelische Landeskirche in Württemberg