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Corona-Krise als Chance

Wirtschafspfarrer sieht Möglichkeit zur Neuausrichtung

Reutlingen. Der Reutlinger Wirtschafts- und Sozialpfarrer Karl-Ulrich Gscheidle hält in der Corona-Krise demokratische Diskurse auf allen Ebenen für dringend nötig. Menschen wollen mitdenken, mitreden und mitgestalten, sagte er dem Evangelischen Pressedienst. Solch ein Diskurs könne auch eine Chance sein zur Neuausrichtung in Sachen Umweltpolitik, Klimaschutz und Ressourcenverbrauch, sagt Gscheidle. Seine Überlegungen hat er auch in Essays für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) veröffentlicht.

Durch Corona könnten sich nach Einschätzung von Wirtschaftspfarrer Gscheidle Arbeitsbedingungen verbessern - etwa bei der Ernte, in der Pflege oder in Schlachthöfen.Foto: Flickr CC BY-SA 2.0 / Jonas Ingold

Der Theologe, einer der drei evangelischen württembergischen Wirtschafts- und Sozialpfarrer, geht davon aus, dass die aus der Corona-Krise folgende wirtschaftliche Rezession die meisten internationalen Volkswirtschaften noch längere Zeit beeinflussen wird. Damit müssten vor allem Unternehmen zurechtkommen, die weltweit Standorte haben. Die Lage in Indien, Russland und den USA etwa sei dramatisch.

Es brauche in dieser Situation „die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften nötiger denn je“. Zudem müssten Länder und Bund für einen stabilisierenden Rahmen sorgen mit einer umsichtigen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Themen, die diskutiert werden, müssten jetzt auch eine zukunftsfähige Umwelt- und Klimapolitik und der Kontext der EU sein.

Karl-Ulrich Gscheidle sieht für die Zeit nach der Pandemie auch Chancen. Foto: privat/elk-wue.de

Schlachtbetriebe, Pflege und Ernte

Gscheidle nennt als Beispiel für politischen Reformbedarf die Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben, die sich zu Hotspots für Corona-Infektionen entwickeln konnten. Die dort beschäftigten osteuropäischen Wanderarbeiter würden „von Subunternehmen über Werkverträge in eine weitgehend unwürdige und rechtlose Situation gebracht“.

Die unter anderem vom KDA Mannheim mitgetragene Beratungsstelle „Faire Mobilität“ weise seit langem daraufhin, macht Gscheidle deutlich. Jetzt sei dieser Reformbedarf offensichtlich geworden, „wie übrigens auch bei Pflegehilfstätigkeiten oder bei Erntehelferinnen und Erntehelfern in der Landwirtschaft“. Es dürfe keine Diskriminierung und Ausbeutung von EU-Bürgern geben, fordert Gscheidle.

In der württembergischen Landeskirche ist der KDA ein Fachdienst der Evangelischen Akademie Bad Boll. Drei Wirtschafts- und Sozialpfarrer sind derzeit in Reutlingen, Stuttgart und Ulm mit jeweils eigenem Schwerpunkt tätig. 

Gespräch: Susanne Müller (epd)