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Die Bedeutung des Dritten Wegs in der Landeskirche

Interview zum Abschied von Reinhard Haas

Am 5. Oktober 2020 wurde der langjährige Vorsitzender der landeskirchlichen Mitarbeitervertretung Reinhard Haas in den Ruhestand verabschiedet. Zugleich zeichnete Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July ihn mit der Brenz-Medaille in Bronze für sein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit aus. Im Interview zieht Reinhard Haas Bilanz und wirft einen Blick in die Zukunft.

Reinhard Haas geht nach vielen Jahren als Vorsitzender der landeskirchlichen Mitarbeitervertretung in den Ruhestand.privat

Seit 1984 hat sich Diakon Reinhard Haas in der Mitarbeitervertretung (MAV) engagiert und dabei die Ausgestaltung des Dritten Wegs (also der kirchlichen Alternative zum Tarifrecht) in der Landeskirche mitgeprägt, vor Allem seit 1995 als Vorsitzender der Landeskirchlichen Mitarbeitervertretung (LakiMAV). Aber auch über die Grenzen Württembergs hinaus war Haas aktiv – etwa als Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gesamtausschüsse der Mitarbeitervertretungen in der EKD. Im Interview zieht er Bilanz und spricht über die speziellen Qualitäten des Dritten Wegs in Württemberg und die Herausforderungen der Zukunft für das kirchliche Arbeitsrecht.

Herr Haas, Sie sind seit 36 Jahren in der kirchlichen Mitarbeitervertretung aktiv. Wenn Sie die Situation der kirchlich Angestellten damals und heute vergleichen – was fällt Ihnen auf?

Damals war in der Kirche echte betriebliche Mitbestimmung kaum möglich. Über reine Formalien ging das selten hinaus. Ein „Nein“ der Mitarbeitervertretung konnte ein echter Fauxpas sein! Rechtmäßige Mitarbeiterversammlungen während der Arbeitszeit – oft undenkbar! Die Kirche wusste nicht, welche Schätze sie in ihren Beschäftigten hatte, vor Allem den Überzeugungstätern. Aber auch die Mitarbeitenden hatten die MAV kaum im Blick.

Nach und nach haben Dekane und Pfarrer dann aber erkannt, wie sie die Kompetenz und das Praxiswissen der MAVs für die eigene Arbeit nutzen können. Seither hat die LakiMAV ein Schulungsprogramm entwickelt, dank dessen bei MAVs inzwischen auch kirchen- und arbeitsrechtliches Basiswissen selbstverständlich sind.

Wie sehen Sie den Dritten Weg als besondere kirchliche Form der Tarifgestaltung heute?

Ich bin ein Verfechter des Dritten Wegs und bin dafür auch angefeindet worden. Aber ich bin überzeugt, dass Streik und Aussperrung in der Kirche keine Mittel der Auseinandersetzung sein können. Wir brauchen andere Werkzeuge, um gute Regelungen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Andere – aber auf derselben qualitativen Höhe wie das Betriebsverfassungsgesetz. Der Dritte Weg mit dem für beide Parteien bindenden Schlichtungsverfahren ist so ein Werkzeug.

Wir haben in Württemberg den Dritten Weg vorbildlich ausgestaltet – auch im Vergleich mit anderen Landeskirchen. Zum Beispiel hat die LakiMAV eine eigene Geschäftsstelle und eigene Juristen, so dass wir mit der Kirchenleitung auf der Basis gleicher Kompetenz diskutieren und verhandeln. In anderen Gliedkirchen der EKD sind die Mitarbeitervertreter immer noch auf die fallweise Unterstützung externer Juristen angewiesen.

Ein anderes Beispiel: Unsere LakiMAV entscheidet selbständig über ihr Budget. Falls der Oberkirchenrat Einwände hat, kann er nicht direkt eingreifen sondern muss die Diskussion vor dem Kirchengericht führen. Das klingt alles recht nüchtern, aber solche Rahmenbedingungen sorgen dafür, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich auf Augenhöhe begegnen.

Eine weitere Besonderheit: Wir haben keine Mitarbeiterverbände, die jeweils nur für ihre eigenen Mitglieder eintreten würden. Unsere LakiMAV vertritt alle Mitarbeitenden in der Arbeitsrechtssetzung. Deshalb ist uns auch die Rückbindung der LakiMAV an die Basis sehr wichtig.

Ich bin froh, dass wir in Württemberg in MAV und Kirchenleitung respekt- und vertrauensvoll, kollegial und lösungsorientiert zusammenarbeiten. Das ist ein hohes Gut!

Die Arbeitswelt wandelt sich stetig. Welche Herausforderungen kommen auf die Kirche zu?

Die Corona-Krise hat Veränderungen beschleunigt, denen wir uns sowieso stellen mussten. Jetzt brauchen wir umso dringender gute Lösungen. Beispiel Homeoffice: Wenn das sauber geregelt ist und die Arbeitsergebnisse passen – bestens. Aber einen echten Rechtsanspruch halte ich für problematisch.

Ein anderes großes Thema ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder bei Kinderlosen von Arbeitszeit und Freizeit – eine Herausforderung für den Grundsatz der Gleichbehandlung.

Ein weiteres Thema: Kirchenzugehörigkeit als Kriterium der Anstellungsfähigkeit wird problematischer. Wir erleben immer häufiger, dass Stellen kaum besetzbar sind. Das verschärft das Problem der Arbeitsverdichtung bei den anderen Mitarbeitern.

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July zeichnete Reinhard Haas bei seiner Verabschiedung mit der Brenz-Medaille in Bronze für jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit aus. Landesmuseum Württemberg (CCBY)

Was möchten Sie den kirchlichen Arbeitgebern mit auf den Weg geben?

Immer daran denken: Die MAV ist kein Feind; sie ist ein Schatz, den man nutzen muss. Denn die MAV hat das Ohr an den Beschäftigten. Konflikte in der Sache müssen wir aushalten und gemeinsam lösen. Dabei können wir aber persönlich respektvoll und konstruktiv miteinander umgehen. Damit werden wir dem Anspruch der Kirche gerecht und erleichtern die Suche nach Lösungen. In Württemberg arbeiten wir in dieser Hinsicht auf hohem Niveau. Und das sollte auch so bleiben.

Und was geben Sie den Beschäftigten mit?

Das Jahr 2020 hat gezeigt, dass die Kirche ein guter Arbeitgeber ist. Ein Beispiel ist die Kurzarbeitsregelung oder die Regelung zur Entgeltfortzahlung bei Arbeitsbefreiung wegen Kinderbetreuung wegen der Corona-Krise, die LakiMAV und Kirchenleitung vereinbart haben. In dieser schweren Zeit war und ist die Zusammenarbeit wirklich sehr, sehr gut.

Sorge bereitet mir, wie schwierig es geworden ist, Mitarbeiter für die MAV zu finden. Zeigt sich auch in der Kirche die Erosion der Solidargemeinschaft? Dabei ist die Mitarbeit in der MAV sehr spannend! Ist es nicht toll, sein eigenes Arbeitsumfeld mitzugestalten und besser zu verstehen, warum die Dinge sind, wie sie sind?

Was nehmen Sie sich für den Ruhestand vor?

Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich die Vollbremsung von 130 auf 0 Prozent anfühlen wird. Ich freue mich sehr darauf, meine Zeit selbst gestalten zu können und vor Allem mehr Zeit für die Familie zu haben. Aber ich werde der Kirche erhalten bleiben und mir eine ehrenamtliche Aufgabe suchen.