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Eine Heimat für den Glauben

Einblicke in die Gemeinde St. Katharina in Kiew

Kiew. Im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew liegt die deutsche evangelisch-lutherische Gemeinde St. Katharina. Der württembergische Pfarrer Matthias Lasi leitet die Gemeinde seit Sommer 2018; Thorsten Eißler hat mit ihm über aktuelle „Baustellen“ der Gemeinde und ihre bewegte Geschichte gesprochen. 

Die St. Katharina-Kirche hat eine bewegte Geschichte hinter sich.Lisa Safonowa

Herr Lasi, wie würden Sie das Gemeindeleben in der St. Katharina-Gemeinde in Kiew beschreiben, wenn nicht gerade eine Corona-bedingte Versammlungseinschränkung das öffentliche Leben lahmlegt?

Matthias Lasi: Der Schwerpunkt des Gemeindelebens liegt auf dem sonntäglichen Gottesdienst, der auf Deutsch und Ukrainisch gefeiert wird. Parallel zum Gottesdienst findet Kindergottesdienst statt. Einen wichtigen Beitrag leistet der Chor mit mehr als 20 Sängerinnen und Sängern. Jeden Sonntag bereichert er mit mindestens einem deutschen Chorstück den Gottesdienst.

St. Katharina möchte für die Menschen mit deutschen und protestantischen Wurzeln eine Heimat für ihren Glauben sein. Die Familiengeschichten dieser Menschen sind häufig geprägt durch eine Leidensgeschichte von Unterdrückung und Deportation.

Die Gemeinde ist ein Treffpunkt für Deutsche, die in Kiew leben, und möchte auch für alle da sein, die sich im protestantischen Glauben zu Hause fühlen. Darüber hinaus ist sie für alle ökumenischen Aktivitäten offen.

Pfarrer Matthias Lasi leitet seit Juli 2018 die Gemeinde. Lisa Safonowa

Was ist das Besondere an dieser Gemeinde in Kiew?

St. Katharina hat als Hauptstadtgemeinde eine exponierte Stellung in der Ukraine. Die Gemeinde blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Sie begann im Jahre 1767, als deutsche Einwanderer die lutherische Gemeinde in Kiew gründeten. Es entwickelte sich ein blühendes Gemeindeleben, das in der Zeit stalinistischer und sowjetischer Verfolgung der deutschen Bevölkerung schließlich ganz zum Erliegen kam. Nach der Erlangung der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahre 1992 erwachte die Gemeinde St. Katharina zu neuem Leben. Mit maßgeblicher Hilfe deutscher Diplomaten – bis hin zum damaligen Bundespräsidenten ­– gelang es, die beschlagnahmte Kirche wieder in den Besitz der Gemeinde zu überführen. Ein besonderer Dank gilt der Bayerischen Landeskirche, die durch großes finanzielles Engagement die Sanierung und den Umbau der Kirche ermöglich hat.

In den letzten Jahren stand St. Katharina unter großem Druck durch die schwierige Situation der deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine. Die Gemeinde musste ihre Kirche vor unberechtigtem Zugriff durch den damaligen Bischof schützen; das hat sie zusammengeschweißt.

Wie sieht der Pfarrersalltag in der Ukraine aus? Im Moment und generell?

Lasi: Momentan arbeite ich von zuhause aus. Alle Repräsentationsaufgaben fallen zurzeit natürlich weg.

Als württembergischer Pfarrer war ich gewohnt, einen Jahresplan zu haben. Damit bin ich hier grandios gescheitert. Häufig wird man mit Überraschungen konfrontiert, eine Reisegruppe besucht unangekündigt die Kirche oder eine wichtige Besprechung wird kurzfristig angesetzt.

Es gibt hier keinen geschützten arbeitsfreien Sonntag. Man kann an sieben Tage in der Woche jeweils 24 Stunden einkaufen. Daran gewöhnt man sich sehr schnell. Man muss nicht vorplanen und fürs Wochenende einkaufen. Jedoch erfordert der Alltag dadurch viel mehr eigene Strukturierung und Selbstdisziplin.

Der Chor der Gemeinde St. KatharinaLisa Safonowa

Wie ist die Akzeptanz der Gemeinde in der Stadt?

Lasi: Obwohl wir im Vergleich zur orthodoxen oder griechisch-katholischen Kirche eine sehr kleine Gemeinde sind, genießt die Gemeinde St. Katharina in der Stadt einen sehr guten Ruf. Den Hauptgrund sehe ich darin, dass sich die Gemeinde während der Maidan-Revolution 2013/2014 mutig als Vermittlerin zwischen den Fronten positionierte. Hinzu kommt, dass wir unsere Kirche für kulturelle Veranstaltungen geöffnet halten und unser Chor sich bei Festen in der Stadt aktiv beteiligt. Sicher zählt auch mit, dass Deutschland und die deutsche Kirche in der Ukraine als zuverlässige Partner gelten.

Wo sehen Sie die größten „Baustellen“?

Lasi: Da es in der Ukraine keine Kirchensteuer gibt, muss jede Gemeinde sehen, wie sie sich finanziert. Wir sind dringend auf Unterstützung aus Deutschland angewiesen. Die Beiträge unserer Mitglieder decken weniger als ein Zehntel unseres Finanzbedarfes. Einige unserer Senioren bekommen gerade einmal 50 Euro Rente im Monat. Das ist auch in der Ukraine zu wenig, um davon zu leben. Wir sind dankbar für die Unterstützung der EKD und der Bayerischen Landeskirche. In nächster Zukunft müssen wir unsere Orgel und die feuchten Wände in der Kirche sanieren.

Hinzu kommt die Aufgabe der geistlichen Begleitung. Die inzwischen länger zurückliegenden Jahrzehnte ohne Kirche und ohne gut ausgebildete Gemeindeleitung machen sich immer noch bemerkbar. Ein Großteil der Gemeindemitglieder hat mindestens einmal die Bibel durchgelesen. Jedoch können sie ihr Wissen nicht einordnen. Aktuell unterrichte ich dreizehn erwachsene Konfirmandinnen und Konfirmanden. Da tauchen dann Fragen auf, wie: Darf man als Christ alles essen? Es stehen doch die Speisegebote im Alten Testament. Warum dürfen bei euch in der evangelischen Kirche Frauen Pfarrerinnen sein? Wie steht die evangelische Kirche zur Frage gleichgeschlechtlicher Partnerschaften?

Wie sind Sie auf diese Gemeinde aufmerksam geworden, und was hat Sie in die Ukraine gezogen?

Lasi: Schon im Vikariat haben mich die Auslandsgemeinden interessiert. Spannend finde ich immer noch die Frage: Wie wird Glaube, wie wird Kirche konkret gelebt in einer anderen Kultur, unter anderen Lebensbedingungen? Eine Kollegin, die aus Frankreich nach Württemberg kam, weckte in mir wieder neu das Interesse an einer Pfarrstelle im Ausland. Da rückte Osteuropa in mein Blickfeld. Letztlich gab die Ausschreibung der EKD-Stelle in Kiew mit ihrem warmherzigen Ton den Ausschlag. 

Blick auf KiewPixabay/Zephyrka

Unser Bild von der Ukraine ist sehr stark geprägt durch die Konflikte mit Russland und die Annexion der Krim. Wie würden Sie die Ukraine beschreiben?

Lasi: Die Ukraine liegt sozusagen vor der Haustür Europas, und wir wissen in Deutschland so gut wie nichts über dieses interessante Land. Es ist ein komplexes und zerrissenes Land. Das beginnt schon bei der Sprache. Ukrainisch ist zwar die offizielle Amtssprache, jedoch sprechen viele der älteren Ukrainer nur Russisch. Was wissen wir schon von der Ukraine? Vom Krieg in Donbass bekommen wir in der Hauptstadt nichts mit. Was hier auffällt, ist die große Kluft zwischen Reich und Arm. Sündhaft teure Boutiquen reihen sich im Zentrum aneinander. Fährt man in die Außenbezirke, kann man dort die abgetragene Kleidung aus Europa kaufen. Viele sind darauf angewiesen. Es gibt keine soziale Absicherung.

Es gab jetzt eine lange Phase ohne Gottesdienste. Was denken Sie: Gibt es trotzdem eine Möglichkeit, den Geist von Pfingsten zu spüren? Bei Ihnen in der Ukraine, aber auch weltweit?

Lasi: In der derzeitigen Situation entdecken wir in unseren Gemeinden, dass unsere Verbindung im Glauben über die räumliche Distanz hinweg besteht. Ich sehe den Geist von Pfingsten gerade darin, dass wir durch diese Krise, die dadurch nichts von ihrer Bedrohung und Dramatik verliert, auf neue Formen der Gemeinschaft gestoßen werden und die neuen Kontaktmöglichkeiten entdecken und nutzen.


Die Gemeinde St. Katharina mit ihren etwa 300 Gemeindemitgliedern ist eine von 140 evangelischen Gemeinden weltweit, die mit der Evangelischen Kirche in Deutschland verbunden sind. Kiew ist die Hauptstadt der Ukraine mit offiziell 3,2 Millionen. Einwohnern. Inoffiziell geht man von über 5 Millionen. Einwohnern aus. Die Kirche St. Katharina liegt im Zentrum von Kiew, wenige Gehminuten vom Unabhängigkeitsplatz entfernt, der seit der Maidan-Revolution 2013/2014 auch in Deutschland bekannt ist.

Thorsten Eißler, a+b