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Gedenken für die Opfer von Hanau

Mittagsgebet in Stuttgart - Zeichen gegen das Wegsehen

Fürbitten für die Opfer des rechtsextremistischen Terrors - und auch für die Täter: Prälatin Gabriele Arnold, Dekan Eckart Schultz-Berg und Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler während des Mittagsgebets in der Stiftskirche.Wenke Böhm/elk-wue.de

Stuttgart/Hanau. Den Opfern des Terroranschlags von Hanau galt am Freitag das Mittagsgebet in der Stuttgarter Stiftskirche. Pfarrer Matthias Vosseler nannte die Bluttat mit insgesamt elf Toten nicht nur einen Anschlag auf Muslime. Auch der Angriff im Herbst auf die Synagoge in Halle sei nicht allein einen Anschlag auf Juden. Solche Taten seien ein Anschlag „gegen das, was uns alle zusammenhalten soll: die Demokratie“.

Vosseler zitierte während des Mittagsgebets aus der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“, in der die jüdische Autorin Lena Gorelik ihre Leser zu einer Reaktion auf den zunehmend brutal auftretenden Extremismus auffordert: „Fasst euch ein Herz!“

„Menschen, denen wir im Eilen begegnen“

Denn: „Es geht um den Alltag, um die Menschen, denen wir im Eilen begegnen. Um Menschen nicht weißer Hautfarbe, denen in der U-Bahn gesagt wird, sie hätten kein Recht auf einen Sitzplatz. Um Menschen, die beim Abholen in der Kita Sprüche zu hören bekommen, weil man sie für Muslime hält."

Gemeinsam mit Prälatin Gabriele Arnold und dem Bad Cannstatter Dekan Eckart Schultz-Berg thematisierte Vosseler den Ruf nach einer Reaktion auch in den Fürbitten: „Wir bitten dich für unsere Gesellschaft, dass sie Zivilcourage und Solidarität zeigt und sich den Menschen so zuwendet, wie du es getan hat und tust: menschenfreundlich und gütig."

Gebet auch für Extremisten

Auch die extremistische Szene war in die Fürbitten eingeschlossen „Wir bitten dich besonders für die Rechtsradikalen. Lass sie von ihren falschen Wegen umkehren, lass sie begreifen, dass sie falsch denken und handeln.“

Ganz still wurde es, als in den Fürbitten die Namen der Opfer - soweit sie öffentlich bekannt sind - verlesen wurden.

Turan Tekin (links), der Landesvorsitzende der kurdischen Gemeinden in Baden-Württemberg, und Süleyman Sever (Mitte), Vorsitzender der kurdischen Gemeinde in Stuttgart, dankten Prälatin Gabriele Arnold, Dekan Eckart Schultz-Berg (zweiter von rechts) und Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler (rechts) für das Friedenszeichen.Wenke Böhm/elk-wue.de

„Wir lassen nicht spalten“

Bei der Andacht trauerten auch zwei Vertreter der Kurdischen Gemeinde Deutschland (KGD) mit um die Opfer von Hanau. „Ich bin seit 40 Jahren hier, Deutschland ist meine Heimat, meine Kultur“, sagte Turan Tekin, der KGD-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg. Er habe sich jetzt schon Gedanken gemacht, in welche Richtung sich das Land entwickelt, aber: „Wir lassen uns nicht spalten.“ Die Menschen, die zusammenhalten und Respekt voreineander zeigen, seien in der Überzahl. „Wir sind mehr!“

Süleyman Sever, Vorsitzender des Kurdischen Gemeinde in Stuttgart, dankte Matthias Vosseler für das Gedenken im Mittagsgebet und machte deutlich: „Gewalt bringt immer nur mehr Gewalt.“

Die Morde von Hanau

Der 43-jährige Tobias R. hatte am späten Mittwochabend in der hessischen Stadt Hanau nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler in zwei Shisha-Bars insgesamt neun Menschen erschossen - alle jene Opfer wiesen einen Migrationshintergrund auf. 

Als Spezialkräfte der Polizei am frühen Donnerstag die Wohnung des mutmaßlichen Rechtsextremisten stürmten, fanden sie dort die Leichen sowohl des 43-Jährigen als auch seiner 72-jährigen Mutter. Bundesinnenminister Horst Seehofer bezeichnete die Morde von Hanau am Freitag als „rassistisch motivierten Terroranschlag".

Dritter Anschlag binnen weniger Monate

Nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni und dem Anschlag auf die Synagoge in Halle im Oktober sei das aktuelle Verbrechen bereits der dritte rechtsterroristische Anschlag innerhalb weniger Monate.

Rundfunkpfarrerin Lucie PanzerKirche im SWR

„Ihr seid auch schon Fremde gewesen“

Die Bluttat in Hanau war am Freitag auch Thema für die württembergische Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer. In ihrer Andacht „Anstöße“ in den SWR-Hörfunkprogrammen 1, 2 und 4 zitierte sie aus dem Alten Testament: „Wenn ein Fremder in eurem Land wohnt, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer. Und du sollst ihn lieben wie dich selbst - denn ihr seid auch schon Fremde gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott." (3. Mose 19, 33 - 34).

Jedoch sei die reale Situation im „christlichen Abendland“ eine andere als in der Bibel gefordert, stellte sie fest: „Die Fremden sind nicht sicher bei uns - nicht die aus anderen Nationen, und nicht die mit anderem Glauben.“ Sie schäme sich dafür, dass so etwas möglich sei, sagte Pfarrerin Panzer. Und sie fürchte, dass das jüngste Verbrechen eine Bestätigung für die Verbohrten sei: „Jetzt schlagen sie zu, weil sie sich nicht mehr allein fühlen."

Ihre Forderung: „Im christlichen Abendland muss das aufhören.“ Und weiter: „Rechte und Linke, deutsche und nichtdeutsche Gewalttäter müssen erleben: Sie sind nicht das Volk!“

Die Andacht zum Nachhören

Vorschlag für Fürbitten

Über die Dekanatämter leitete der Evangelische Oberkirchenrat am Freitagnachmittag einen Fürbitt-Vorschlag an die örtlichen Pfarrämter. Darin wird den Seelsorgerinnen und Seelsorgern nahegelegt, in den Fürbitten während der Sonntagsgottesdienste ebenfalls an die Opfer von Hanau zu erinnern und aufzurufen, gegen Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit aufzustehen.


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    • Fürbitt-Vorschlag für die Opfer von Hanau
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      21.02.2020