08.05.2026

„Digitale Gewalt hört nicht auf, wenn der Bildschirm ausgeht. Sie verändert, wie Menschen denken, sprechen und handeln – auch offline“

Fachbereiche aus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg berichten

Stuttgart. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen im digitalen Raum zeigt sich nach Einschätzung mehrerer Arbeitsbereiche der Evangelischen Landeskirche in Württemberg als weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen mit realen Folgen für den Alltag. Die Berichte verdeutlichen, dass digitale Übergriffe nicht losgelöst vom gesellschaftlichen Klima entstehen.

Die Berichte machen deutlich: Die Übergriffe im digitalen Raum spiegeln Rollenbilder, Machtverhältnisse und abwertende Haltungen wider – und sie prägen, wie Menschen einander offline begegnen. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sagt, dass aus der kirchlichen Aufarbeitung bekannt sei, welches Leiden und oft lebenslange Belastungen mit sexualisierter Gewalt einhergehen und wie nötig Präventionsmaßnahmen seien. Für ihn gebe es keinen rechtsfreien Raum, der so etwas auf Kosten anderer Menschen – überwiegend sind Frauen betroffen – zulasse: „Hier sind wir alle in Gesellschaft, Kirche, Politik und Jurisdiktion gefordert.“

Die Leiterin der TelefonSeelsorge Nord-Württemberg, Astrid Barnowsky, berichtet von einer hohen Zahl an Ratsuchenden, die von ungefragten Nacktbildern, Übergriffen in Chats oder anonym ausgelebter Sexsucht betroffen seien. Seelsorgerinnen seien teilweise in Telefon- oder Chat-Gesprächen mit übergriffigem Verhalten von Männern konfrontiert, die auf diesem Wege ihre sexuellen Fantasien ausleben wollten. Gespräche zu sexualisierter Gewalt dauerten im Durchschnitt deutlich länger als andere Anrufe, was auf die Schwere der Belastung schließen lasse. Christine Watermann, Dozentin für Schulseelsorge, erzählt, dass in der Schulseelsorge, insbesondere in der Chatseelsorge, das Thema der sexualisierten Gewalt auffallend häufig angesprochen werde. Häufig seien die Seelsorgerinnen und Seelsorger im Chat die ersten Erwachsenen, denen sich Betroffene anvertrauten. 

Der Leiter des Fachbereichs Männer im Evangelischen Bildungswerk Württemberg, Manuel Schittenhelm, beobachtet, dass frauenfeindliche Narrative aus digitalen Räumen zunehmend in Präsenzveranstaltungen ankämen. Kirche könne hier Räume schaffen, in denen differenziert und verantwortungsvoll gesprochen werde. Die Landesfrauenpfarrerin Karin Pöhler geht davon aus, dass digitale Gewalt gegen Frauen weit verbreitet ist und die bekannten Fälle nur einen kleinen Teil des Problems sichtbar machen. Deepfakes, Hassbotschaften und Drohungen würden als besonders belastend beschrieben. Neben klaren strafrechtlichen Regelungen brauche es respektvollen Umgang und eine Auseinandersetzung mit Rollenbildern und Ungleichheiten. 

Der württembergische Pfarrer und Sinnfluencer Christian Hölzchen berichtet aus eigener Erfahrung, dass Männer, die sich online mit Frauen solidarisieren, abwertende Begriffe wie „Simp“ oder „Pick-me-boy“ entgegengehalten bekämen. Das zeige, wie stark toxische Männlichkeitsbilder junge Männer prägten. Er sieht darin ein Symptom einer Generation, die in Dominanzlogiken sozialisiert werde und kaum alternative Rollenmodelle kenne. Aus Sicht der Beauftragten für Chancengleichheit der Landeskirche, Ursula Kress, herrscht unter vielen Männern große Unsicherheit darüber, wie sie sich positionieren sollen. Sie geht davon aus, dass Engagement gegen digitale Gewalt häufig an der Angst scheitere, als „unmännlich“ zu gelten. Auch betont sie, dass Männer sich oft nicht in der Bitte von Frauen um Unterstützung angesprochen fühlten – obwohl diese Unterstützung entscheidend sei. 

 

Im Kontakt mit Ratsuchenden bei der TelefonSeelsorge

Bericht von Astrid Barnowsky, Leiterin der Geschäftsstelle der Telefonseelsorge Nord-Württemberg

Das Thema ‚sexualisierte Gewalt gegen Frauen‘ begegnet und beschäftigt uns bei der Telefonseelsorge im Kontakt mit Ratsuchenden auf unterschiedlichen Ebenen. 

Immer wieder berichten Ratsuchende über Erlebnisse und traumatische Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Wobei sich zum Großteil weibliche Ratsuchende mit diesem Thema an uns wenden, die sexualisierte Gewalt selbst erlebt haben oder von Übergriffen berichten, die nahestehenden Personen widerfahren sind. 

Am Seelsorgetelefon sind Gespräche mit diesem Inhalt diejenigen, die die längste Zeit erfordern, nämlich im Durchschnitt 43:13 Minuten. Zum Vergleich: Im Durchschnitt dauert ein Seelsorgegespräch 27:15 Minuten. Sich über Situationen aus diesem Themengebiet zu äußern, fällt im Chat deutlich leichter als am Telefon. Da beim Chatten im Vergleich zum Telefon die verbale und paraverbale Wahrnehmung entfällt, man nennt das auch kanalreduzierte Kommunikation, können viele Menschen eher über sexualisierte Gewalt schreiben als sprechen.

Ratsuchende berichten auch über Erlebnisse sexualisierter Gewalt im Netz. Kontakte, die über Social-Media- oder Dating-Plattformen entstehen, werden, wenn sie zu Kontakten über die persönliche Handynummer werden, genutzt, um ungefragt Nacktfotos oder -videos zu schicken. Das ist eine Art Übergriffigkeit, die Menschen nicht nur peinlich berühren kann, sondern als traumatische Erlebnisse bezeichnet werden. Des Weiteren wird mitunter berichtet, dass diese Plattformen immer wieder dazu genutzt werden, nach einem anfänglich freundlichen Kontakt anzügliche Formulierungen und sexistische Wörter zu benutzen. Wenn Frauen sich dies verbitten, würden sie beschimpft.

Es gibt auch Anrufe mit dem Thema Sexsucht, zum Beispiel: Ich bin sexsüchtig, schaue mir ständig Pornos im Netz an, versuche Sexkontakte zu knüpfen, habe schon viel Geld ausgegeben für Sexhotlines und auf  pornografischen Seiten im Netz. Ich habe heute sogar bei der TelefonSeelorge angerufen, nur um eine Frauenstimme zu hören. Dieses Thema ist unter den Anrufen sehr selten, denn meistens verstecken sich betroffene Männer hinter anderen Geschichten, genießen die Frauenstimme, befriedigen sich nebenher selbst und outen sich nicht.

Zum anderen ist ‚sexualisierte Gewalt‘ direkt beim Seelsorgegespräch am Telefon für die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge erlebbar. Es gibt sogenannte ‚Sexanrufe‘, bei denen Anrufer (fast ausschließlich männliche Anrufer) sich sexuell stimulieren, indem sie weiblichen Seelsorgerinnen von sexuellen Fantasien, unglücklichem Sexleben oder sexuellen Bedürfnissen erzählen. Dies ist eine Art Übergriffigkeit und versteckte Instrumentalisierung unserer Mitarbeiterinnen (bei männlichen Seelsorgern legen die sogenannten ‚Sexanrufer‘ auf, weil sie eine weibliche Stimme brauchen, auf die sie reagieren können), die sie oftmals belastet und ihre Grenzen der Akzeptanz übersteigt. Wir sehen, dass hinter einem solchen Verhalten durchaus auch eine Not des Anrufenden steckt. Die Mitarbeiterinnen haben jedoch alle Freiheit, ein solches Gespräch zu beenden. Manchmal gelingt es, mit dem einen oder anderen Anrufenden ein tiefergehendes Gespräch über dessen Not zu führen. Nämlich dann, wenn die Seelsorgerin sich nicht persönlich benutzt fühlt (der Anruf ist ja anonym, der Anrufer weiß nicht, wer am anderen Ende der Leitung sitzt) und sich abgrenzen kann vom Geschehen. Bei der Chatseelsorge ist diese Art der Kontaktaufnahme schwerer zu erkennen, da weder Stimme noch paraverbale Wahrnehmung gegeben ist. Hier können Themen ausschließlich über das geschriebene Wort vermittelt werden. Was Chatter auch immer wieder nutzen, um ihre sexuellen Fantasien den Seelsorgerinnen aufzudrängen. Ich selbst hatte schon Gespräche, bei denen sich Männer im Laufe des Gesprächs als sexsüchtig geoutet haben. Und berichteten, dass sie das Internet nutzen, weil sie da anonym agieren können. Ihre mit der Zeit entstandene Sexsucht führte dann aber zu Handlungen, die übergriffig sind und die Menschen durch geschickt inszenierte Geschichten erstmal ahnungslos lässt, welche Art von Kontakt das werden soll, und irgendwann mit sexuellen Themen überraschen. Was von Beginn an der Plan des Absenders war, und deshalb m.E. als sexualisierte Gewalt in Bezug auf die Adressatin bezeichnet werden kann. Ich habe auf der anderen Seite auch erlebt, dass diese Männer sich für ihr Verhalten geschämt haben und ihr Verhalten eine große Not für sie darstellte.

In der Chatseelsorge wird das Thema sehr viel häufiger und offener angesprochen. Berichtet wird von sexualisierter Gewalt unter anderem mit folgenden Themen: Mir pfeifen Männer auf der Straße hinterher, das ist sehr unangenehm - Mir wurden K.O.-Tropfen verabreicht - Mein Ehemann akzeptiert kein Nein - Ich wurde vergewaltigt und ich bin nicht zur Polizei gegangen, weil ich nicht aushalten könnte, was dann auf mich zukommt. Ich schäme mich so sehr, dass mir das passiert ist - Mein Chef hat mich unsittlich berührt. Was soll ich tun? - Ich vermute, dass jemand meiner kleinen Tochter zu nahegekommen ist. Sie erzählt aber nichts. Was tun? - Vor 30 Jahren wurde ich missbraucht. Das habe ich lange erfolgreich verdrängt und gedacht, das krieg ich schon hin, aber jetzt kommt alles wieder hoch. Ich habe mich schon immer gewundert, warum ich mit meinem Mann kein erfülltes Sexleben haben kann. Ob das daran liegt? - Können sie mir eine Beratungsstelle empfehlen, wo ich über die Dinge sprechen kann, die ich erlebt habe? 

Männer berichten mitunter: Meine Frau will keinen Sex mehr und entzieht sich mir völlig. Das kann ich nicht aushalten.

Bei der TelefoSeelsorge geht es in erster Linie um den Menschen, in zweiter Linie um sein Problem. Diese Haltung ergibt sich daraus, dass wir komplett anonym ein Einmalgespräch von durchschnittlich einer halben Stunde führen. In dieser Zeit der Begegnung mit der/dem Anrufenden geht es uns um deren momentane Befindlichkeit. Was war im Moment so schwierig, dass sie gerade jetzt die TelefonSeelsorge angerufen haben? Was ist im Vordergrund: Angst, Traurigkeit, Wut, Hilflosigkeit, Kontrollverlust …? Darauf gehen wir vorrangig ein, um die Menschen in diesem Moment zu stabilisieren. Darüber hinaus empfehlen wir, sich an entsprechende Beratungsstellen zu wenden, sofern eine begleitende Maßnahme angezeigt und sinnvoll ist.

Zur Telefonseelsorge

 

Digitale Gewalt wirkt weit über den Bildschirm hinaus

Bericht von Manuel Schittenhelm, Diakon und Leiter des Fachbereichs Männer im Evangelischen Bildungswerk Württemberg

Der Fachbereich Männer arbeitet vor allem in Präsenz – in Seminarräumen, Gesprächskreisen, Bildungsangeboten. Mit digitaler Gewalt scheinen wir auf den ersten Blick wenig zu tun zu haben. Doch der Eindruck täuscht.

Was Männer aus bestimmten digitalen Räumen mitbringen – Haltungen, Deutungen, ein vermeintlich gesichertes Wissen –, das landet mitten in unseren Veranstaltungen. Inhalte, die online kursieren: frauenfeindliche Kommentare, sexualisierte Bilder, einseitige Narrative über Geschlecht und Macht. Sie prägen, wie Männer über Frauen sprechen, wie sie Übergriffe einordnen – oder eben nicht einordnen.

Besonders auffällig ist dabei ein geringes Problembewusstsein gegenüber sexualisierter Gewalt. Häufig begegnet uns die Frage: „Was darf man denn überhaupt noch sagen?" Diese Frage klingt nach Einschränkung – meint jedoch meist etwas anderes: Verunsicherung, fehlende Differenzierung, eine Erschöpfung, die sich nicht selten aus einschlägigen Echokammern und Filterblasen speist: Digitale Räume, die Komplexität auf Lager und Fronten reduzieren. Reale Einschränkungen sind es selten. Das Unbehagen jedoch ist wirkmächtig. Und braucht Raum.

Genau diesen Raum wollen wir öffnen. Nicht als Beratungsstelle, sondern als Orte, an denen Vereinfachungen hinterfragt werden dürfen, an denen Begriffe wie Würde, Respekt und Verantwortung keine Phrasen sind, sondern ernsthaft verhandelt werden. Kirche kann hier etwas leisten, was Algorithmen strukturell nicht können: verlangsamen, differenzieren, zuhören.

Digitale Gewalt hört nicht auf, wenn der Bildschirm ausgeht. Sie verändert, wie Menschen denken, sprechen und handeln – auch offline. 

Dies ernst zu nehmen, ist keine Frage der Zuständigkeit. Es ist eine Frage der Haltung – und der Verantwortung, der wir uns als kirchliche Männerarbeit stellen.

Fachbereich Männer des Evangelischen Bildungswerkes Württemberg

 

Was man lernen kann, wenn man sich über digitale sexuelle Gewalt aufregt

Bericht von Pfarrer Christian Hölzchen, Sinnfluencer

„Männer, seid ihr eigentlich nicht wütend?!“ Diese Frage habe ich relativ direkt nach dem Aufschrei zu Fernandes (mit Epstein und Pelicot im Hinterkopf) rauf und runter in den sozialen Medien gesehen. 

Ich bin eher skeptisch bei emotionaler Selbstdarstellung. Aber die Frage war so unübersehbar, dass ich eine gute alte Bekannte gefragt habe: „Würdet ihr Frauen eigentlich tatsächlich wollen, dass Männer zeigen, dass sie wütend sind darüber? Auch über diese digitale Gewalt?“ Die Antwort war „ja“. 

Ich sehe mich nicht als „den Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat“. Aber ärgern kann ich mich ja zumindest darüber und es zeigen. 

Mit diesem Gedanken habe ich ein Video aufgenommen, und am Ende nur einen Schnipsel daraus online gestellt, der aber viral gegangen ist. Diskutieren war nutzlos. Über 100 Leute habe ich blockiert, bis ich die Notbremse gezogen habe und Kommentare für einige Zeit eingeschränkt habe. (Mit „nur Ignorieren“ war es aufgrund der Zahl und der Intensität der Kommentare leider nicht getan.)

Einiges war nur beleidigend oder menschenverachtend, aber eine häufige Beleidigung fand ich lehrreich für das Elend von Männern gerade, nämlich „Simp“ und „Pick-me-boy“. Das suggeriert ein bestimmtes männliches Verhalten. Nämlich, dass man Frauen besonders viel Verständnis und Zuneigung signalisiert, um sie so am Ende zu manipulieren. Als ginge es mir um eine Strategie zum angeblichen Ziel aller Männer, Frauen irgendwie rumzukriegen. 

Zuerst mal habe ich an diesen Kommentaren gelernt, dass ich von diesem Männerbild noch erstaunlich viel irgendwo tief drin mitschleppe, weil irgendwas in mir da gerne in dieser selben Logik widersprochen hätte: ‚Habe ich doch nicht nötig!‘ Da habe ich offenbar noch ein ungutes Männerbild in mir, das mir irgendwer als Jugendlicher beigebracht hat, und das in den sozialen Medien heutzutage so vielen Jungs und Männern eingeimpft wird – und mir jetzt in den Kommentaren begegnet. 

Und dann fand ich einfach nur noch tieftraurig, wie verloren wir Jungs und Männer sind, wenn wir in so einem Bild von Männlichkeit feststecken: Man kann sich da gar keine Welt denken, in der man sich nicht verstellen müsste, „um Frauen zu kriegen”. Man glaubt, Emotionen simulieren, faken, sich gegen verlogene Konkurrenten durchsetzen zu müssen. Und dann müsse man dominieren – die eigenen Gefühle und die Frauen. Gegenüber gibt es da keine, nur Gegner, Herrscher und Unterworfene. Da macht sich im Netz eine halbe Generation selbst zum Affen, als wären wir Schimpansenrudel (wo es so läuft) statt Homo sapiens. 

Also, liebe Männer und Jungs: Lasst euch diesen unchristlichen Müll nicht einreden! Man kann Beziehungen haben, ohne andere zu beherrschen. Ja, wirklich, ohne Manipulation und Dominanz. Echte Menschen haben Lust auf echte Menschen. Dazu sind wir geschaffen, als Gegenüber füreinander, heißt es am Anfang der Bibel. Und wir können echte Männer sein, und uns nicht an Gewalt beteiligen – so lebt das Jesus vor.  Können wir lernen!

Zum Instagram-Profil @holyhoelzchen

 

Was Männer davon abhält, „Allies“ bzw. Unterstützer zu werden – und wie man sie trotzdem gewinnt

Bericht von Ursula Kress, Beauftragte für Chancengleichheit

Bei Männern bestehen Unsicherheiten, Ängste und Zweifel. Viele wissen nicht, was sie als Männer „noch sagen dürfen“ oder wie sie sich positionieren sollen. Das haben die Diskussionen um die #MeToo-Bewegungen, die Epstein-Files sowie die aktuellen Vorfälle zur Schauspielerin Collien Fernandes gezeigt. 

Welche psychologischen und sozialisationsbedingten Barrieren halten Männer von Allyship – der Unterstützung der Frauen im Eintreten gegen sexualisierte Gewalt im digitalen Raum, aber auch bei den Themen Alltagssexismus, Diversity und Chancengleichheit – ab?

Männlichkeit ist ein erarbeiteter Status, der leicht zu verlieren ist und öffentlich bewiesen werden muss. Die Männlichkeitsnormen („Sei ein Gewinner“, „erfolgreich und mächtig sein“) sind noch allgegenwärtig und haben ihren Preis. Daher birgt ein Engagement für Diversity, Gleichheit und Inklusion für viele die Gefahr, als unmännlich zu gelten oder als „Weichei“. Ein weiterer Punkt: Wer Ungleichheit nicht erkennt, muss sie auch nicht bekämpfen.

Seit letztes Jahr durch den Backlash in den USA der starke politische Widerstand die Diversity-Szene umtreibt, bewegt uns im Büro für Chancengleichheit die Frage, wie sich die Zustimmung oder Akzeptanz für Allyship, Diversity und Chancengleichheit besser absichern lässt, wenn auch hierzulande der Gegenwind vielleicht noch stärker wird. Und das ist bei weitem nicht nur ein Thema für Frauen und Minderheiten – ohne Männer als Verbündete geht es nicht! Allerdings fühlen sie sich leider oft nicht angesprochen. Es geht nicht einfach darum, dass ein Schalter umgelegt wird: „Es findet eine Männlichkeitsbedrohung statt, die anderen sind auch keine Allys, warum denn ich?“ Sondern wir müssen uns fragen: Was brauchen Männer, um die Rolle als Ally/Verbündeter annehmen zu können? 

Hier gibt es von verschiedenen Programmen Ansätze: Ausgehend von einem kleinen Kern an schon überzeugten Unterstützern soll eine größere Zahl an Männern erreicht werden, die Chancengleichheit für alle mit vorantreibt: von den Überzeugten über die Aufgeschlossenen bis im Idealfall zu den Skeptikern.

Denn das Patriachart, das sexualisierte Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung befördert und zugleich eine bestimmte Vorstellung von „Männlichkeit“ einfordert, benachteiligt am Ende nicht nur Frauen und Minderheiten: Sondern auch alle Männer, die sich diesen Normen und Verhaltensweisen nicht zuordnen möchten.

Beauftragte für Chancengleichheit

 

Erfahrungen und Umgang mit sexualisierter Gewalt im digitalen Raum in der Frauenarbeit

Karin Pöhler, Landesfrauenpfarrerin

Mehr als 60 Prozent der Frauen und Mädchen in Deutschland haben schon einmal digitale Gewalt erlebt. Das Thema begegnet mir indirekt an vielen Stellen. Viele Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, erleben digitale Gewalt, insbesondere Politikerinnen. 

So haben wir z.B. bei unserem diesjährigen Ökumenischen Frauenkreuzweg an einer Station die Erfahrungen einer Bürgermeisterin gehört, die im Sommer 2025 ihr Amt aufgrund von Anfeindungen und Hass in digitaler und analoger Form niedergelegt hat. 

Aber auch Menschen, die auf irgendeine Weise nicht der vermeintlichen „Norm“ entsprechen, erleben digitale Gewalt. Das betrifft besonders Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit einer Behinderung, queere Menschen und Frauen außerhalb klassischer Frauenrollen.

Digitale Gewalt hat für mich mehrere Ebenen. Das eine ist „verbale“ Gewalt in Form von Beleidigungen, Hass und Drohungen. Eine andere Form der Gewalt geschieht durch das Erstellen und Missbrauchen von Deepfakes, wie es im Fall Collien Fernandes sehr prominent wurde. Als eine weitere Form von digitaler Gewalt definiere ich die Tatsache, dass im Netz zu Gewalt (gegen Frauen) aufgerufen wird, Gewaltfantasien legitimiert werden und sogar Tipps ausgetauscht werden, wie dies konkret in die Tat umgesetzt werden kann. Nicht nur diese Form von digitaler Gewalt mündet dann in körperliche Gewalt im realen Leben.

Es kommt gerade an vielen Stellen etwas in Bewegung. Das Thema macht viele durch seine Komplexität und die „Nicht-Greifbarkeit“ erstmal hilflos. Doch ich habe in den vergangenen Wochen von geplanten Aktionen gehört, kann aber noch nichts Konkretes dazu sagen. In der Frauenarbeit beschäftigen wir uns schon sehr lange mit dem Thema „Gewalt gegen Frauen“. Das muss nun um das Thema digitale Gewalt erweitert werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir am 25. November, dem Tag gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen, dieses Thema aufgreifen werden.

Was wir gerade an digitaler Gewalt mitbekommen, ist meiner Meinung nach nur die Spitze des Eisbergs. Darunter verbergen sich Strukturen, Denkwelten und Haltungen, die leider zunehmend salonfähig werden. (Bsp.: Tradwives, Manosphere)

Deshalb müssen wir auf verschiedenen Ebenen reagieren: 

Zum einen müssen alle Formen von digitaler Gewalt unter Strafe gestellt werden, und wir brauchen natürlich auch Gerichte, die dies umsetzen. Zu ersterem gibt es erfreulicherweise einen ersten Antrag im Bundestag, der vielen nicht weit genug geht, aber immerhin ein guter Anfang ist. Bei diesem Thema können wir von Ländern wie Spanien lernen. 

Zudem hat die Grünen-Politikerin Ricarda Lang gemeinsam mit den Aktivistinnen Kristina Lunz und Düzen Tekkal zehn Forderungen an die Bundesregierung gestellt. Mehr als 250 Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur haben die Erklärung unterzeichnet.

Kernforderung ist, dass die Erstellung und Verbreitung sogenannter sexualisierter Deepfakes, die ohne Einvernehmen erstellt wurden, unter Strafe gestellt wird. Zudem sprechen sich die Initiatorinnen und Unterzeichnerinnen für ein Verbot sogenannter Nudify-Apps aus, mit denen solche gefälschten Sexbilder erstellt werden können. Zum anderen müssen wir dieses Thema dringend in der Bildung aufgreifen. Dabei ginge es mir vor allem darum, das „Darunterliegende“ des Eisbergs zu bearbeiten: Rollenbilder von Frauen und Männern zu hinterfragen, Ungleichheiten zu thematisieren und darüber zu diskutieren, wie wir fair miteinander umgehen.

Beides sollte Ausdruck einer ganz klaren Haltung der Gesellschaft – von Frauen und Männern – sein, die lautet: „Ich lehne Gewalt ab und möchte, dass sie juristisch geahndet wird. Ich respektiere alle Menschen gleichermaßen: Frauen und Männer, Kinder, mit und ohne Behinderung, mit dunkler oder heller Hautfarbe, egal welcher Religion. Alle Menschen sind gleich an Würde und Rechten.“ Und das wiederum beginnt schon im Kleinen: Etwa mit entsprechenden Reaktionen auf sexistische Witze, wenn Frauen unterbrochen werden, etc.

Fachbereich Frauen im Evangelischen Bildungswerk Württemberg

 

Schulseelsorge im Chat: Wenn Anonymität zum Schutzraum wird

Bericht von Christine Watermann, Dozentin für Schulseelsorge

Sexualisierte Gewalt ist für viele Kinder und Jugendliche Teil ihrer Lebensrealität – und doch bleibt sie oft unsichtbar. In der Schulseelsorge, insbesondere in der Chatseelsorge, wird dieses Thema auffallend häufig angesprochen. Vor allem auch der digitale Raum bietet Betroffenen einen geschützten Zugang, der Hemmschwellen abbaut und das erste Aussprechen erleichtert.

Ein zentraler Faktor in der Chatseelsorge ist die völlige Anonymität. Schüler*innen müssen keine konkrete Anlaufstelle aufsuchen, keinen Raum betreten und sich niemandem gegenüber sichtbar machen. Sie können schreiben, ohne ihren realen Namen zu nennen, ohne ihren Aufenthaltsort preiszugeben, und ohne befürchten zu müssen, sofort erkannt oder bewertet zu werden. Diese Distanz schafft Sicherheit – gerade dann, wenn die Gewalt im nahen Umfeld stattfindet.

Häufig sind die Seelsorger*innen im Chat die ersten Erwachsenen, denen sich Betroffene anvertrauen. Viele junge Menschen berichten, dass sie sich im persönlichen Umfeld nicht gehört fühlen oder Angst haben, dass sofort „losgestürmt“ wird: Anzeigen, Gespräche mit der Familie oder schulische Konsequenzen, die sie selbst (noch) nicht wollen. Wer möchte schon, dass ohne das eigene Einverständnis die Polizei oder das Jugendamt eingeschaltet werden?

Die Schulseelsorge bietet hier einen besonderen Schutzraum. Seelsorger*innen unterliegen der Schweigepflicht und können zuhören, ohne zu drängen oder zu bewerten. Dieses offene, zugewandte und empathische Ohr ist oft der entscheidende erste Schritt. Im Chat können Gefühle sortiert, Erfahrungen benannt und ernst genommen werden – in dem Tempo, das die betroffene Person vorgibt.

Darüber hinaus können im geschützten Rahmen Hilfsangebote aufgezeigt und mögliche nächste Schritte transparent erklärt werden. Nicht mit Druck, sondern mit Klarheit: Was wäre möglich? Was passiert wann? Wer entscheidet?

Schul- und Chatseelsorge öffnet Türen und hilft, Hürden zu überwinden, das zunächst Unsagbare auszusprechen. Und manchmal ist genau dieses Zuhören der Anfang von Schutz, Selbstbestimmung und Hilfe.

Zur Schulseelsorge

 

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl: „Nicht schweigen, nicht bagatellisieren“

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sagt: „Ich stelle mich voll und ganz auf die Seite der Menschen, deren Würde durch sexualisierte Gewalt missachtet und angegriffen wird. Das gilt auch für den virtuellen Raum. Wir wissen aus kirchlicher Aufarbeitung, welches Leiden und oft lebenslange Belastungen damit einhergehen und wie nötig Präventionsmaßnahmen sind. Ich rufe alle dazu auf, die von solch erniedrigenden Vorgängen wissen, nicht zu schweigen, nicht zu bagatellisieren, sondern dagegen vorzugehen. Für mich gibt es keinen rechtsfreien Raum, der so etwas auf Kosten anderer Menschen – überwiegend sind Frauen betroffen – zulässt. Hier sind wir alle in Gesellschaft, Kirche, Politik und Jurisdiktion gefordert.“


Dan Peter
Sprecher der Landeskirche

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