05.05.2026

Wenn Mütter an ihre Grenzen kommen...

Andrea Boyer von der Ev. Müttergenesung Württemberg meint: „Mutter oder Vater zu sein ist Teil der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.“ Sie beschreibt, wie es Müttern heute geht.

Stuttgart. Sorge um das Kind, Ideale auf Social Media, eigene Grenzen: Viele (junge) Mütter fühlen sich heute überfordert und einsam. Andrea Boyer, Geschäftsführerin der Evangelischen Müttergenesung in Württemberg, erklärt, wie es Müttern heute geht, schildert die Gründe dafür und zeigt auf, wie sie sich unterstützen lassen können.

Einer US-Studie* zufolge fühlen sich vor allem junge Mütter häufig einsam und überfordert. Wie sehen Sie derzeit die Situation von Müttern?

Andrea Boyer, Geschäftsführerin Ev. Müttergenesung Württemberg: Wir können bestätigen, dass dies auf viele Mütter zutrifft. In unseren Kliniken der Ev. Müttergenesung in Württemberg und den Berichten der Kurberatungsstellen der Diakonien bekommen wir durch die Gespräche mit den Müttern eine große Bandbreite von Themen präsentiert, die die Mütter belasten: Sie spüren Überforderung angesichts der verschiedenen Rollen, die Mütter erfüllen müssen:  Mutter sein, sich auf dem Arbeitsmarkt orientieren, eine ausgefüllte Freizeit und viele Freundschaften vorweisen sowie den Anforderungen der sozialen Medien entsprechen. Dazu toll aussehen und alles gleichzeitig meistern können. Das bringt junge Frauen, aber nicht nur diese, oft an den Rand der Erschöpfung. Viele sind verzweifelt, da sich alles nicht so makellos gestalten lässt, wie es doch von Ratgebern oder anderen digitalen Quellen vermittelt wird. Die Spirale der Selbstoptimierung hat dabei ihre Grenzen. Oft äußern sich dann die Erschöpfungssymptome in somatischen Beschwerden wie wiederholten Kopfschmerzen oder sogar Migräne, Bauschmerzen oder Verdauungsproblemen, Rückenschmerzen oder Nackenbeschwerden und weiteren Symptomen. Auch geraten diese Frauen in depressive Verstimmungen oder an den Rand eines Burnouts. 

Die Beziehung zu dem „guten Bauchgefühl“ gerät dabei oft zusätzlich in Vergessenheit, da doch scheinbar alles nachlesbar ist. Zum Beispiel sind viele unsicher, ob es dem Kind gut geht, wenn es von der Norm abweichende Verhaltensweisen oder Entwicklungsschritte zeigt. Auch bei Krankheiten wird nachgelesen, was das Kind haben könnte. Nicht umsonst stehen Mütter in der Notaufnahme von Kliniken, wenn ihr Kind fiebert und möchten dringlich abgeklärt haben, ob es nichts Schlimmes ist. Kein Wunder, wenn das Internet suggeriert, dass das Kind todkrank sein könnte. Dennoch gibt es Situationen, in denen tatsächlich ein Notfall sein könnte. Dieser permanente Abwägungsmodus, bei gleichzeitiger Erfüllung aller der an sie gestellten Erwartungen, erschwert das Muttersein, auch gerade jüngerer Mütter. Es ist dann schwer, sich bei Auffälligkeiten, die man an sich selbst oder an den Kindern entdeckt, anderen zuzuwenden, z.B. eigenen Freunden, die noch keine Kinder haben. So ziehen sich Mütter teilweise eher zurück und fühlen sich mit ihrer Situation allein gelassen.

Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür? 

Andrea Boyer: Die Komplexität der Dinge und die Vielfältigkeit der Möglichkeiten sind einerseits eine teilweise Überforderung, andererseits bieten die vielen Möglichkeiten einen Verlust der Klarheit. Durch die Aufklärung ist heute alles recherchierbar. Aber die richtige Auswahl unter den Dingen, die helfen, überfordert viele. Mache ich das richtig? Kann ich das auch noch anders machen? Was gibt es noch für Möglichkeiten? Wenn die Peergroup dann auch noch keine Kinder hat, fehlt auch die Orientierung an Gleichaltrigen. Und ist der Ratschlag der eigenen Eltern gewünscht? Wird er angenommen oder wieder durch das verworfen, was im Internet nachlesbar ist? 

Was können Betroffene tun?

Andrea Boyer: Betroffene können sich einerseits durch die Anlaufstellen von sog. Kurberatungsstellen der Diakonien, aber auch anderer Träger, Hilfe und Rat holen, um zu klären, was gerade in ihrer Situation der Erschöpfung oder Einsamkeit das Richtige ist. Unter anderem finden Mütter in den lokalen Familienzentren, die über das Stadtgebiet in Stuttgart verteilt und in den Landkreisen vertreten sind, diese Unterstützung. Durch den Kontakt zu älteren Müttern und anderen Müttern baut sich gemeinsam Expertise durch einen Austausch über die aktuell vorhandenen Probleme auf. So tauschen die Frauen Hinweise zur Kindererziehung, Ernährung, Beruf und Lebenskrisen aus. Allein die Möglichkeit, sich aussprechen zu können, hilft vielen schon weiter. Keine muss sich dafür schämen, auch mal nicht zu wissen, wie es weitergeht.

Sehen Sie einen generellen Handlungsbedarf in der Gesellschaft?

Andrea Boyer: Es sollten mehr Begegnungsorte für Mütter geschaffen werden, da Mutter oder Vater zu sein nicht nur etwas Privates ist. Es ist auch Teil der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Wenn wir bei der derzeit niedrigen Geburtenrate bleiben oder diese noch weiter absenken wollen, dann brauchen wir nichts tun. Wenn dies aber nicht so bleiben soll, dann muss sich in den Kommunen noch mehr Familienfreundlichkeit und Unterstützung für Mütter und Väter entwickeln. Jungen Menschen sollte es bei einem Kinderwunsch nicht schwerfallen, sich für Kinder zu entscheiden. Wenn aber heute junge Frauen zögern, sich für Kinder zu entscheiden, braucht es mehr Infrastruktur und Hilfe für Eltern. Als Müttergenesung tragen wir dazu bei.

(* www.presse-board.de/zwischen-liebe-und-einsamkeit/)


Dan Peter
Sprecher der Landeskirche

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