| Gesellschaft

Engagement, das Sinn macht

Landesbischof July besucht die Telefonseelsorge Stuttgart

rico287 - Fotolia.com

„Telefonseelsorge. Guten Tag.“
Schweigen. „Hallo.“ Längeres Schweigen. „Mir geht‘ s grad nicht gut.“
„Erzählen Sie doch mal.“

Wieder Schweigen. „Ich bin eigentlich chronisch psychisch krank“, sagt dann jemand stockend. „Wollte eine Therapie machen. Aber jetzt hat mich der Therapeut abgelehnt. Ich brauche einen Tiefenpsychologen, keinen  Verhaltenstherapeuten, sagt er. Hatte so viel Hoffnung und bin jetzt wieder drin in der Depression.“ Pause. „Ich will eigentlich gar nicht mehr. Aber ich hab doch ein Kind. Das kann ich dem doch nicht antun.“

So wie dieses oder ähnlich beginnen viele Gespräche, die bei der Telefonseelsorge Stuttgart ankommen. Sie ist eine von über hundert Telefonseelsorgen in der Bundesrepublik. Und eine der großen. Wer aus dem mittleren Neckarraum – aus Stuttgart und den Landkreisen Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg, dem Rems-Murr-Kreis und aus Teilen des Landkreises Calw die 0800/1110111 wählt, kann dort jemanden finden, der ihm zuhört, mitfühlt und mitdenkt. Rund um die Uhr. Tag für Tag. Gebührenfrei, vertraulich und anonym.

Jetzt hat der württembergische Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July die 120 ehrenamtlichen und drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besucht, die allein im vergangenen Jahr in bald 15.000 Stunden Beratungsarbeit mehr als 26.000 Gespräche geführt haben. „Ich habe einen riesen Respekt vor Ihrer Arbeit und danke Ihnen sehr für Ihre Zeit, Kraft, Expertise und Empathie, die Sie hier einbringen.“ Die Telefonseelsorge biete das niederschwelligste basispsychiatrische Angebot, das es bundesweit gebe. „Sie sind da, auch wenn der Therapeut im Urlaub und der Psychiater im Wochenende ist und die nächste Klinik keine psychiatrische Notaufnahme besitzt. Sie hören Menschen in Not zu und stehen auch als Seelsorgerinnen und Seelsorger bei Glaubensfragen zur Verfügung. Beides macht Sie unverzichtbar“, so der Landesbischof.   

Ich habe einen riesen Respekt vor Ihrer Arbeit und danke Ihnen sehr für Ihre Zeit, Kraft, Expertise und Empathie, die Sie hier einbringen.
Landesbischof Frank Otfried July

Es sind ehemalige Lehrerinnen, Techniker, Bankerinnen, Psychiatriepfleger und Krankenschwestern, Menschen, die noch mitten im Berufsleben stehen, aber auch Pensionäre und Rentnerinnen, die in der Telefonseelsorge zum Hörer greifen, chatten oder Mails beantworten. Sie alle haben eine anspruchsvolle, zweijährige Ausbildung durchlaufen und sich für mindestens drei Jahre dienstverpflichtet. Auch regelmäßige Supervison ist für sie obligatorisch. Jeder von ihnen leistet 15 Stunden Dienst im Monat und ist Jahr für Jahr bei mindestens zehn Nachtschichten im Einsatz. Das alles unentgeltlich. Wo liegt da der persönliche Benefit? „Es ist vor allem die Möglichkeit, sehr nahe am Menschen zu sein und spüren, dass mein Engagement Sinn macht“, sagt Martina Rudolph-Zeller, die stellvertretende Leiterin der Stuttgarter Telefonseelsorge. „Und der starke Zusammenhalt, die sehr große Offenheit in der Gruppe, der persönliche und direkte Umgang miteinander sowie die Erfahrung, dass die Gemeinschaft trägt.“ Das hänge auch mit der Ausbildung zusammen, die einen sehr großen Selbsterfahrungsanteil habe.

Schon immer haben die Stuttgarter auf die Ausbildung der Ehrenamtlichen großen Wert gelegt und 1970 als erste Telefonseelsorge in Deutschland einen hauptamtlichen Ausbilder eingestellt: Dr. Wilfried Weber. Dessen Konzept – das Stuttgarter Modell – wurde später im ganzen Bundesgebiet übernommen. Sein Werk „Wege zum helfenden Gespräch – Gesprächspsychotherapie in der Praxis“ ist in mehreren Sprachen übersetzt und gilt als das offizielle Ausbildungsbuch für den internationalen Verband der Telefonseelsorgen.

Seelische Probleme sind der häufigste Grund, weshalb sich Menschen bei der Telefonseelsorge melden. Jeder fünfte Anrufer klagt über Einsamkeit. Beinahe ebenso viele Anruferinnen und Anrufer leiden an Depressionen. Bei anderen führen Ängste vor beruflicher und persönlicher Überforderung, vor Entscheidungen, vor einem Verlassen werden oder vor Krankheit dazu, das Gespräch zu suchen. Auch mit akuten Angstattacken werden die Telefonseelsorger konfrontiert. Es melden sich Menschen in familiär belastenden Situationen, Opfer häuslicher Gewalt sowie Kinder und Jugendliche, die von sexuellem Missbrauch sprechen. Aber auch Täter. Voller Wut oder voller Schuldgefühle. Neun Prozent der Anrufer berichten von Selbstmordgedanken oder haben schon einen Suizidversuch unternommen. Dann gilt es gemeinsam auch jenseits des akuten Problems zu schauen, wo es Beziehungen gäbe, die Halt bieten könnten und Perspektiven für ein Weiterleben zu suchen. Ab und an ist ein Scherzanruf dabei, den die Seelsorger meist humorvoll kontern, um die Leitungen schnell wieder frei zu bekommen. Denn beide Telefonanschlüsse sind zu nahezu hundert Prozent ausgelastet. Manche rufen bis zu 20 Mal an, um einmal durchzukommen. Ob man schon einmal darüber nachgedacht hat, eine dritte Telefonleitung einzurichten? „Der Bedarf wäre da“, sagt Martina Rudolph-Zeller. „Aber eigentlich bräuchten wir pro Leitung etwa 70 Ehrenamtliche, also dann insgesamt 210. Derzeit sind es 120.“

Stephan Braun