|

In der Mitte – und zwischen den Stühlen

Der Stuttgarter Bürgermeister Martin Schairer über prägende Erfahrungen in der Jugendarbeit

„Ich dachte eigentlich, das wird ein ruhiger Sommer“, sagt Dr. Martin Schairer etwas resigniert, als er an seinem Schreibtisch Platz nimmt. Friedlich wirkt das Büro des Ordnungsbürgermeisters im fast menschenleeren Stuttgarter Rathaus. Doch der Eindruck täuscht: Die Mitarbeiter der ihm unterstellten Ausländerbehörde ächzen unter massiver Personalnot. Krankmeldungen und Kündigungen häufen sich, in Kürze sollen vier von fünf Schaltern geschlossen werden. Auch in der untergeordneten Asylstelle bilden sich lange Schlangen, Entspannung ist nicht in Sicht. Da helfen nur starke Nerven – und ein Arbeitsethos, das der 62-Jährige seinem protestantischen Elternhaus zuschreibt.

Michael Hahn

„Ich wurde dazu erzogen, einmal übernommene Aufgaben auch zu Ende zu führen“, sagt Schairer. Menschenführung lernte der gebürtige Stuttgarter erstmals als Leiter einer Jungschargruppe. Dabei machte der damals 14-Jährige eine prägende Erfahrung, die die ihn sein Berufsleben hindurch begleiten sollte: dass eine Leitungsfunktion ohne Distanz zu den anderen nicht zu haben ist. „Eine gewisse Einsamkeit muss man einkalkulieren, dann kommt der Respekt von selbst“, so Schairer. Diese Distanz half ihm immer wieder, in Konflikten zu vermitteln: zunächst als Klassensprecher in den späten 60er-Jahren, als die Grenzen zwischen Schülern und Lehrern neu gezogen wurden. Und vor allem als Fachschaftssprecher der Juristischen Fakultät in Tübingen, als sich der Jurastudent zwischen kommunistischen und rechtskonservativen Gruppierungen wiederfand.

In der Mitte aus Überzeugung

„Ich fand es schon immer spannend, zwischen den Stühlen zu sitzen“, sagt Schairer über sich selbst. Obschon fest verwurzelt in seiner christlich-konservativen Herkunft, ließ sich der angehende Jurist von der Rhetorik der linken Studentenbewegung faszinieren. „Die unglaubliche dogmatische  Konsequenz, die einem so entgegengeschlagen ist von den K-Gruppen - es war spannend, da eine Abwägung und ein Weltbild zu finden“, erinnert er sich. Das eigene Denken einem – wie auch immer gearteten – Dogmatismus zu unterwerfen, war indes nicht seine Sache. Das CDU-Mitglied begegnete Meinungen und Weltbildern, wie er betont, mit  „menschenfreundlicher Distanz“. „Ich war eigentlich immer in der Mitte, aus Überzeugung“, sagt Schairer, der sich selbst als liberalkonservativ definiert.

In seine Zeit als Staatsanwalt fiel auch die Strafverfolgung von Friedensaktivisten, die die Stationierung US-amerikanischer Pershing-II-Raketen in Mutlangen blockieren wollten. „Ich hatte da mit der Zeit meine Schwierigkeiten und bat darum, mich von dem Sitzungsdienst in der Anklagevertretung zu entbinden“, erinnert sich Schairer. Seiner Karriere tat dies keinen Abbruch: Er wechselte ins Justizministerium, arbeitete zunächst als Beobachter in der baden-württembergischen Landesvertretung in Bonn, dann als Pressesprecher für insgesamt drei Justizminister. 1999 wurde er Polizeipräsident der Landeshauptstadt, bevor er 2006 seine erste Amtszeit als Ordnungsbürgermeister antrat.

Der Herr der Asylstelle

Große Priorität räumt der zweifache Vater der Präventionsarbeit gegen Jugendkriminalität ein. Während seiner gesamten Zeit in der Strafverfolgung, erklärt Schairer, sei er als Christ nie mit seinem Gewissen in Konflikt gekommen. Und heute, als Herr über die Asylstelle? Derzeit leben 3.885 Flüchtlinge in Stuttgart, bis Jahresende werden es rund 5.400 sein. Über die Entwicklung im kommenden Jahr will bei der Stadt noch niemand eine Prognose abgeben.

Angesichts der angespannten Lage beschwört Schairer die „hohe Integrationskraft“ seiner Stadt: „Stuttgart ist die Großstadt mit dem höchsten Migrationsanteil der Bundesrepublik. 40 Prozent der Menschen, die hier leben, haben einen Migrationshintergrund“, erläutert er. Dennoch plädiert der Ordnungsbürgermeister für die Unterscheidung zwischen „Flüchtlingen, die aus Tod, Verfolgung und Not kommen, und denen, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen“. Bei Letzteren solle das Hilfeleistungssystem überprüft werden, fordert er. Die Kräfte seiner Mitarbeiter und der örtlichen Helfer seien „nicht unendlich“, dazu komme die Wohnungsnot in Stuttgart. Und schließlich wisse niemand, wie sich die Stimmung in der Bevölkerung entwickelt, falls die Flüchtlingszahlen rasant steigen sollten.

Immerhin weiß Schairer fast den gesamten Gemeinderat grundsätzlich hinter einer Willkommenskultur für Flüchtlinge und dem so genannten „Stuttgarter Modell“: Statt in Sammelunterkünften leben sie über das Stadtgebiet verteilt in kleineren Wohneinheiten.  „Der Frieden in der Stadt ist in keiner Weise gefährdet“, glaubt Schairer. Diesen inneren Frieden weiterhin zu erhalten, hat sich der 62-Jährige als großes Ziel für seine zweite Amtszeit gesetzt. 

Birgit Althof


Mehr News

  • Datum: 27.11.2022

    64. Aktion von Brot für die Welt

    Am 1. Advent beginnt offiziell die 64. Spendenaktion von Brot für die Welt - diesmal unter dem Motto „Eine Welt. Ein Klima. Eine Zukunft.“ Wir bitten Sie um Ihre großzügige Spende für die Klimaprojekte von Brot für die Welt.

    Mehr erfahren
  • Datum: 27.11.2022

    Ökumenische Adventseröffnung

    Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl und Weihbischof Thomas Maria Renz haben am Samstagabend mit einem ökumenischen Gottesdienst gemeinsam die Adventszeit eröffnet. Gohl hielt die Predigt über einen Text aus der Offenbarung des Johannes.

    Mehr erfahren
  • Datum: 27.11.2022

    Ein ganz besonderer Tag

    Der 1. Advent hat als Tag des Anfangs etwas ganz Besonderes an sich - sogar in der an besonderen Tagen nicht eben armen Advents- und Weihnachtszeit. Dieser ganz besonderen Stimmung spürt Pfarrerin Sabine Löw in ihrem geistlichen Impuls zum 1. Adventssonntag nach.

    Mehr erfahren
  • Datum: 26.11.2022

    Haushaltsbeschlüsse für die nächsten Jahre

    Die Landessynode hat den ersten Doppelhaushalt ihrer Geschichte sowie mittelfristige Ausgabenkürzungen beschlossen. Weitere wichtige Themen der Tagung; Klimaschutzgesetz, Lage verfolgter Christen, Verwaltungsreform, Schwerpunkte und Posterioritäten, Planstellen im Pfarrdienst.

    Mehr erfahren
  • Datum: 25.11.2022

    Synode beschließt Klimaschutzgesetz

    Die Landessynode hat ein Klimaschutzgesetz beschlossen. Es sieht vor, als Gesamtkirche bis 2040 Klimaneutralität zu erreichen. Zudem hat sich die Synode mit der Entwicklung der Zahl der Pfarrstellen befasst und den Bericht zur Lage verfolgter Christen gehört.

    Mehr erfahren
  • Datum: 25.11.2022

    Herbsttagung der Landessynode

    Die Landessynode hat am 24. November ihre Herbsttagung begonnen. Im Mittelpunkt des ersten Sitzungstages stand ein Gesetz über die Modernisierung der landeskirchlichen Verwaltung, das die Landessynode am Abend beschlossen hat.

    Mehr erfahren
  • Datum: 23.11.2022

    Unterstützung für Partnerkirchen

    Am 1. Advent ist in den Gottesdiensten in Württemberg das Gottesdienst-Opfer für zwei Projekte des Gustav-Adolf-Werks (GAW) bestimmt. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl ruft dazu auf, die Partnerkirchen in Brasilien und Rumänien zu unterstützen und im Gebet zu begleiten.

    Mehr erfahren
  • Datum: 23.11.2022

    Energiepauschale spenden

    Die hohen Energiepreise treffen einkommensschwache Menschen besonders stark. Uns haben Rückfragen auf unseren Social-Media-Kanälen erreicht, an welche Initiativen die Energiepauschale gespendet werden kann. Wir haben für Sie mehrere Möglichkeiten zusammengestellt.

    Mehr erfahren
  • Datum: 22.11.2022

    Tag gegen Gewalt an Frauen

    Vertreterinnen aus Diakonie und Kirche veranstalten am 25. November 2022 eine Aktion anlässlich des „Orange Days“, des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen. In der Stiftskirche findet ein Mittagsgebet unter dem Titel „Eine Frau sagt NEIN! Und wird nicht gehört!“ statt.

    Mehr erfahren
  • Datum: 22.11.2022

    Wärmemomente im Advent

    Mit "Advent Online" wollen die vier großen Kirchen im Südwesten innere Wärme schenken. Dreimal pro Woche werden spirituelle Adventsimpulse online angeboten und verschickt. Das Angebot beginnt am 1. Dezember und endet am 6. Januar.

    Mehr erfahren
  • Datum: 22.11.2022

    Zum 100. Geburtstag von Jörg Zink

    Am 22. November wäre Jörg Zink, Pfarrer, Dichter, Bibelübersetzer, Friedensaktivist und Autor vieler Bücher mit einem Millionenpublikum, 100 Jahre alt geworden. Er habe viele Menschen zum Glauben angeregt, sagt Landesbischof Gohl über Jörg Zink.

    Mehr erfahren
  • Datum: 22.11.2022

    Leidenschaft für Bildungsarbeit

    Oberkirchenrat i. R. Werner Baur feiert am 22. November 70. Geburtstag. Er war 20 Jahre lang für Religionspädagogik, Schulen und Seminare, Jugendarbeit, die Evangelische Hochschule Ludwigsburg, Diakonat, Kindertagesstätten und Familienzentren zuständig.

    Mehr erfahren
Mehr laden