Die neue Teufelsstatue auf dem Esslinger Rathausplatz wird kontrovers diskutiert. Theologinnen und Theologen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ordnen die Kritik ein und erklären, warum aus ihrer Sicht die Figur weder christliche Glaubensüberzeugungen bedroht noch Anlass zur Angst bietet.
Pfarrer Andreas Oelze, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, erklärt, dass die Empörung über die Esslinger Teufelsstatue teils aus kulturpolitischen Motiven, teils aus religiösen Ängsten vor dem Teufel entstehe. Es sei jedoch nicht nötig, sie spirituell zu überhöhen oder gar Angst vor ihr zu haben.
Kirchenrätin Pfarrerin Dr. Evelina Volkmann, Leiterin des Referats Theologie, Gottesdienst und Gesellschaft im Evangelischen Oberkirchenrat, sieht weder den christlichen Glauben erschüttert noch Satanismus gefördert. Theologisch betrachtet, spiegelten Teufelsdarstellungen überholte mittelalterliche Glaubensvorstellungen wider, denn nach christlichem Verständnis sei die Freiheit des Menschen nicht durch einen Gegenspieler Gottes bedroht, da Jesus Christus alle negativen Mächte besiegt habe.
Kirchenrat Pfarrer Johannes Koch, landeskirchlicher Beauftragter für Kunst und Sakralraumberatung, betont, dass die Esslinger Teufelsfigur eine märchenartige Sagengestalt darstelle und nur dort religiöse Ängste auslösen könne, wo sie fälschlicherweise mit dem biblischen Satan verwechselt werde.
Im Folgenden finden Sie die Stellungnahmen im Volltext:

Warum löst die Statue solch große Empörung aus, obwohl der Teufel in Esslingen als Betrogener, also eigentlich als Lachfigur, dargestellt wird?
Andreas Oelze: Die Kritik an der neuen Teufelsstatue in Esslingen kommt aus verschiedenen Richtungen. Nur ein Teil ist religiös-christlich motiviert. Daneben geht es unter anderem um ästhetische Gesichtspunkte und um die als zu hoch angesehenen Kosten sowie das Vergabeverfahren.
Bei den im weiteren Sinne religiös motivierten kritischen Äußerungen sehe ich zwei unterschiedliche Motive: Die eine Richtung scheint die Teufelsstatue als Symbol für eine angebliche Entchristlichung Deutschlands zu sehen und ihre Empörung als Kampf für „die Erhaltung des christlichen Abendlandes“, bzw. Deutschlands als „christliche Nation“. Die Aufstellung der Teufelsstatue kann in dieser Perspektive als Triumph der „widergöttlichen“ Tendenzen gedeutet werden, gegen die vorzugehen sei.
Neben dieser eher gesellschaftspolitischen Ausrichtung gibt es in manchen Frömmigkeitsformen aber auch eine echte Angst vor dem Teufel und bösen Mächten. In dieser Sichtweise würden der Teufel und seine Dämonen groß gemacht, wenn er dargestellt oder über ihn geschrieben würde. Ihm würde dadurch Macht gegeben – über einzelne Personen, über Familien oder auch über eine ganze Stadt, wie in diesem Fall.
Gesagt werden muss aber auch, dass die Reaktionen aus dem sehr konservativen bis bibelfundamentalistischen Bereich keinesfalls einheitlich sind. Es gibt durchaus auch Stimmen, die die Statue explizit verteidigen, vor allem da der Teufel hier als Besiegter lächerlich gemacht wird.
Die oben genannten kritischen Sichtweisen übersehen in ihrer Kritik insgesamt die lange christliche Tradition von Teufelsdarstellungen ebenso wie das zentrale christliche Bekenntnis, dass in Jesus Christus die bösen Mächte gerade überwunden sind – abgesehen davon, dass die Esslinger Sage, die im Hintergrund der Statue steht, den Teufel ja in keiner Weise verherrlicht, sondern ihn letztlich als Witzfigur darstellt.
Man mag die Statue aus unterschiedlichen Gründen kritisieren, sie spirituell überhöhen oder gar Angst vor ihr haben braucht man aber sicher nicht.

Wie sehen Sie als Theologin die künstlerische Darstellung des Teufels im öffentlichen Raum?
Dr. Evelina Volkmann: An der Esslinger Teufelsskulptur lässt sich erkennen, wie Sagen und Märchen mit der Gestalt des Teufels umgehen: Er wird letztendlich besiegt und erntet Schadenfreude und Spott. Das erkenne ich an diesem Kunstwerk, das zudem die Esslinger Stadtgeschichte provokativ veranschaulichen will.
Theologisch gesehen verweisen Teufelsdarstellungen wie diese in Esslingen auf mittelalterliche Vorstellungen von Gott und Glauben, die wir hinter uns gelassen haben. In den letzten Jahrhunderten trennte man sich zu Recht weitgehend von solchen Gedankengebäuden in der Theologie. Denn christliche Freiheit wird durch keinen personalen Gegenspieler Gottes gefährdet. Jesus Christus hat alle Mächte besiegt (Röm 8,31-39). Bei jeder Taufe sagen wir Nein zu allen Mächten des Bösen. Dabei denken wir an alles, was das gute und friedliche Zusammenleben in unserer Welt gefährdet. Die Sagengestalt und der biblische Teufel oder Satan sind also nicht gleichzusetzen. Daher erschüttert uns die Skulptur des Teufels in Esslingen in unserem christlichen Glauben nicht. Sie bietet auch keinen Anlass zu Satanismus, von dem wir uns entschieden abgrenzen müssten.
Interessant wäre es, ob es der Kunst gelingt, ein Werk zu schaffen, das uns dazu bringt, unseren Glauben ganz auf Gott zu setzen und unsere Verantwortung für diese Welt zu erkennen – allen widergöttlich-teuflischen Mächten wie Sünde oder Gewalt zum Trotz.

Kann eine Kunstfigur religiöse Ängste auslösen?
Johannes Koch: Wer aus religiösen Gründen an der Teufelsfigur Anstoß nimmt, identifiziert die Erzählfigur der volkstümlichen Sage mit der biblischen Erzählfigur (!) Satan, dem kosmischen Gegenspieler zu Gott, welcher verhindert, dass Gott schon heute sich in seiner Allmacht erfahrbar machen kann. Auf der Basis eines magischen Denkens und Fühlens scheinen bei manchen Menschen tiefe Ängste wach zu werden, anders kann ich mir die aggressiven Sprayereien nicht erklären. Als könne diese Figur auf geheimnisvolle Weise Unheimliches bewirken. Mit sachlicher Aufklärung und Presseveröffentlichungen kommt man gegen solche Ängste allerdings kaum an. Durch die fühlen sich Betroffene oft nicht ernstgenommen und falschem Spott preisgegeben. Sie müssten sich der Seelsorge öffnen. Interessant ist, dass Luther zwischen der volkstümlichen, aus Körperteilen von Götzenopfetieren zusammengesetzten Märchengestalt und dem unsichtbaren Gegenspieler Gottes unterscheidet. Dieser hat für ihn keine Gestalt und besitzt dennoch eine unheimliche Präsenz als Geist, der sich zum Fürsten der Welt aufschwingt und mit dem Gott noch ringt bis ans Ende der Welt. Oder als Geist („saurer Geist“), der Depressionen verursacht und Menschen in Selbstzweifel stürzt, ob sie wohl angesichts ihrer Fehler und Schwächen von Gott angenommen sind.
Luther stellt den ganzen mittelalterlichen Teufelsglauben auf den Kopf. Er sagt: Wenn du den Teufel nach dir greifen spürst, der dir an deinem Leben aufzeigen will, dass du sein bist, dann sei getrost. Denn der Teufel greift nicht nach denen, die er schon hat, sondern nach denen, die er noch nicht besitzt, weil sie Gottes Kinder sind: „Weil aber der Teuffell unß also zusetzt, so stehts recht umb unß.“ Luther nennt ihn aus diesem Grund „Doctor Consolatorius“, d.h. Doktor Tröster! (Quelle: H. A. Oberman: Martin Luther: Zwischen Mittelalter und Neuzeit. In: Die Reformation. Von Wittenberg nach Genf, Göttingen 1986. Seite 223-237.)
Für mich ist die Figur von Tim Bengel eine Sagengestalt, die keine grundstürzenden Aussagen über das Böse in der Welt machen will, sondern den Triumph der sagenhaft schlagfertigen Marktfrau schadenfroh ins Bild setzt und dabei mit der Aura des Unheimlichen spielt, die die Teufelsfigur umgibt.
Die vielfach gestellte Frage, ob das Kunst sei, lässt sich nicht leicht beantworten. Man kann alles zur Kunst erklären, weil in der Kunst das Überschreiten von Grenzen zum Programm gehören kann. Es wäre ein fruchtloser Streit, auch wenn die Figur aus meiner Sicht so ziemlich alles vermissen lässt, was herkömmlich für künstlerische Qualität steht.
Wenn aber Einzelne die Teufelsplastik zum Anlass nehmen, wieder einmal über Dichtung und Wahrheit nachzudenken, kann das nicht schaden. Ob sie dafür geschaffen wurde, steht allerdings auf einem anderen Blatt.
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