Kirchen müssen offene Räume für alle bleiben

Über die zarte Versuchung, Eintrittsgebühren für Kirchen zu verlangen - ein Debattenbeitrag von Pfarrer Peter Schaal-Ahlers

Peter Schaal-Ahlers ist Pfarrer am Ulmer Münster, einer der meistbesuchten Kirchen Württembergs. Auch das Münster kämpft mit hohen Kosten für Erhalt und Unterhalt der Kirche - da sind Eintrittsgebühren eine naheliegende Versuchung. Trotzdem plädiert Peter Schaal-Ahlers in folgendem Beitrag für andere, kreativere Wege der Finanzierung.

Pfarrer Peter Schaal-Ahlers, Pfarrer am Ulmer Münster
Pfarrer Peter Schaal-Ahlers, Pfarrer am Ulmer Münster

 „Freude denen, die kommen, Friede denen, die verweilen, Segen denen, die weiterziehen.“ Dieser Segenswunsch, der am Ausgang vieler Kirchen zu lesen ist, bringt auf den Punkt, was ein Gotteshaus sein soll: ein Ort, an dem Menschen willkommen sind. Ein Ort, an dem niemand gefragt wird, was er besitzt, woher er kommt oder warum er eintritt.

In den vergangenen Wochen ist die Diskussion über Eintrittsgelder für Kirchen neu entfacht worden. Anlass war die Entscheidung des Kölner Doms, ab Juli 2026 für touristische Besuche zwölf Euro Eintritt zu verlangen. Der Zugang zu Gottesdiensten und zum persönlichen Gebet bleibt zwar frei. Viele Kirchen können mittlerweile nur nach dem Kauf eines Tickets betreten werden. So die Sagrada Família in Barcelona, die Westminster Abbey und die St Paul’s Cathedral in London…

Dennoch markiert diese Entscheidung in Köln einen Einschnitt. Sie wirft die Frage auf, ob Kirchen künftig stärker wie Museen, Sehenswürdigkeiten oder Kulturdenkmäler behandelt werden sollen – oder ob sie ihrem Wesen nach etwas anderes sind. Der Theologe und Psychiater Manfred Lütz sprach sogar von einem Schritt der Verabschiedung des Christentums aus der Öffentlichkeit.

Warum sollte man dennoch anders entscheiden? Es gibt gute historische, kulturelle und vor allem theologische Gründe, die für das Kirchesein im 21. Jahrhundert relevant sind.

Ein Haus mit offenen Türen

Der berühmte St. Galler Klosterplan aus dem frühen 9. Jahrhundert zeigt eindrucksvoll, wie die christliche Tradition Kirchen verstanden hat. Am Eingang der Klosterkirche findet sich die Inschrift:

„Omnibus ad sanctum turbis patet haec via templum – quo sua vota ferant, unde hilares redeant.“ – „Dieser Weg zum heiligen Tempel steht allen Menschen offen – sie können dort ihre Bitten darbringen und voller Freude zurückkehren.“ Eine weitere Inschrift lautet: „Adueniens adytum populus hic cunctus habebit.“ „Hier wird das gesamte ankommende Volk seinen Eintritt finden.“ Kirchen waren nie als exklusive Räume gedacht. Sie waren Zufluchtsorte, Orte des Gebets, der Begegnung und der Hoffnung. Ihre Türen standen offen für Reiche und Arme, Einheimische und Fremde, Glaubende und Zweifelnde. Wer kam, durfte eintreten. Dieses Verständnis hat die christliche Kultur Europas über Jahrhunderte geprägt. Die offene Tür gehört zum Wesen einer Kirche.

Kirchen sind Gotteshäuser

Kirchen gehören zu den meistbesuchten Orten unserer Städte. Millionen Menschen betreten sie jedes Jahr. Viele kommen wegen der Architektur, der Kunstwerke oder ihrer Geschichte. Andere suchen Stille, zünden eine Kerze an oder verweilen für einige Minuten in einer Kirchenbank. In ihren Bildern, Fenstern und Skulpturen erzählen Kirchen die Geschichte des christlichen Abendlandes. Gleichzeitig bleiben sie lebendige Räume. Hier werden Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft, Paare getraut und Verstorbene verabschiedet. Wer eine Kirche betritt, muss sich nicht rechtfertigen. Niemand fragt, ob jemand Tourist, Pilger, Suchender oder gläubiger Christ ist. Gerade darin liegt die besondere Qualität eines sakralen Raumes. Die oft vorgeschlagene Trennung zwischen „Touristen“ und „Betenden“ ist abgesehen von der praktischen Umsetzung inhaltlich fragwürdig oder willkürlich und manchmal auch peinlich. Nicht wenige Besucher kommen als Touristen und verlassen die Kirche als Nachdenkliche. Mancher betritt sie aus Neugier und findet einen Moment des Gebets.

Das Ulmer Münster - hier bei einem Landesposaunentag
Das Ulmer Münster - hier bei einem Landesposaunentag

Ein neuer Geist zieht ein

Die Einführung von Eintrittsgebühren verändert deshalb mehr als nur die Finanzierung eines Gebäudes. Sie verändert die Atmosphäre. Der Nürnberger Pfarrer Martin Brons berichtete nach Einführung einer Gebühr in der Sebalduskirche, dass sich die Besucher bewusster durch den Raum bewegen, es sei ruhiger geworden, Menschen würden häufiger sitzen bleiben, schauen und staunen. Diese Beobachtung mag zutreffen. Dennoch bleibt eine entscheidende Frage: Welcher Geist zieht mit der Eintrittskarte in den Kirchenraum ein?

Aus der Gemeinde, die in ihrer Kirche die Ankunft Gottes erwartete, sind die Verwalter des Heiligen geworden. Aus Gästen werden Kunden, die berechtigte Erwartungen haben. Eine kurzfristig angesetzte Trauerfeier, wird, wenn Tickets für diesen Slot verkauft worden sind, problematisch. Aus einer offenen Kirche ist ein kontrollierter Raum geworden. Die Schwelle zwischen Sakralraum und Sehenswürdigkeit hat sich ungut verschoben.

Das Problem des Overtourism

Natürlich darf man die Herausforderungen des Massentourismus für Sakralgebäude nicht kleinreden. Der Kölner Dom wird jährlich von rund sechs Millionen Menschen besucht. Solche Besucherzahlen stellen jede Kirche vor enorme organisatorische und finanzielle Probleme. Dass Besucherströme gelenkt werden müssen, ist selbstverständlich. Doch Zugangsbeschränkungen müssen nicht zwangsläufig über Kassenhäuschen erfolgen. Im Petersdom in Rom kann man erleben, wie große Menschenmengen durch Sicherheitskontrollen, Besucherlenkung und klare Wegeführung organisiert werden – ohne Eintritt für den Kirchenraum.

Gnade kennt keinen Ticketpreis

Die christliche Theologie spricht von der Gnade Gottes als einem Geschenk. Sie lässt sich weder kaufen noch verdienen. Genau hier entsteht ein Spannungsverhältnis, wenn der Zugang zu einem Gotteshaus an eine Eintrittskarte gekoppelt wird. Kirchen sind keine Theater, keine Konzertsäle und keine Museen. Sie haben einen anderen Auftrag. Gewiss kostet die Erhaltung großer Kirchen enorme Summen. Dächer müssen saniert, Mauern gesichert und Kunstwerke restauriert werden. Doch daraus folgt nicht automatisch, dass am Eingang eine Bezahlschranke errichtet werden muss.

Die soziale Schranke

Zwölf Euro mögen für viele Besucher kein großes Hindernis sein; für andere sind sie es durchaus. Familien mit mehreren Kindern, Schulklassen, Menschen mit geringem Einkommen oder Reisende mit knappem Budget überlegen sich zweimal, ob sie einen solchen Betrag bezahlen. Aus einer offenen Tür wird eine soziale Schwelle. Kirchen erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Sie schaffen Teilhabe, Begegnung und Identifikation. Wer den Zugang an Zahlungsfähigkeit bindet, verändert den Charakter des Ortes. In einem Kirchenraum hinter einer Bezahlschranke wohnt ein anderer Geist als in einer Kirche mit offenen Türen.

Der unverfügbare Raum

Kirchen erinnern daran, dass das Wesentliche im Leben nicht gekauft werden kann: Liebe, Hoffnung, Vertrauen, Trost, Vergebung und Glauben. Ein Sakralraum verweist auf die Gegenwart Gottes. Gerade weil Gott unverfügbar ist, sollte auch der Zugang zu diesem Raum nicht von einer finanziellen Gegenleistung abhängen. Wir verfügen nicht über Gott. Deshalb verfügen wir letztlich auch nicht über den Zugang zu ihm. Eine Kirche ist kein Produkt und Besucher sind keine Kunden. Die Kirche bietet keine Ware an, die gegen Bezahlung erworben werden könnte.

Gäste und Gastgeber

Vor kurzem war ich in New York. Dort kosten die Eintritte großer Museen oft dreißig Dollar und mehr. Wer bezahlen kann, erlebt großartige Kunst - und auch saubere Toiletten.  Gleichzeitig sitzen viele Menschen ohne Obdach vor den Türen. Das sind harte Gegensätze. Kirchen sollten andere Orte sein. Wir Heutigen haben die Kirchen nicht gebaut. Es waren unsere Vorfahren. Wir sind zunächst selbst Gäste in diesem Haus. Zugleich sind wir Gastgeber für diejenigen, die nach uns kommen. Unsere Aufgabe besteht darin, die historischen Kirchen zu bewahren und offen zu halten – nicht nur für diejenigen, die bezahlen können, sondern für alle.

Dabei gibt es ermutigende Erfahrungen. Viele Besucher sind durchaus bereit, freiwillig einen Beitrag zum Erhalt einer Kirche zu leisten. Die Almudena-Kathedrale in Madrid zeigt einen interessanten Weg: Alle Besucherinnen und Besucher werden durch eine enge Gasse ins Innere geführt. Dort kommen Sie einem Schild vorbei. Dort steht zu lesen. „Diese Kirche braucht deine Unterstützung. Gib freiwillig zwei Euro.“ Viele Menschen – auch junge Menschen - geben einen Obulus. Der Eintritt ist frei, zugleich wird sehr offensiv um eine freiwillige Spenden gebeten. Niemand wird ausgeschlossen, und doch beteiligen sich viele Besucher an den Kosten. Freiwillige Spenden ermöglichen Solidarität, ohne Zugangshürden zu schaffen.

Eine offene Kirche für die Zukunft

Die Erhaltung der Kirchen wird in den kommenden Jahrzehnten eine noch gewaltigere Herausforderung sein. Sinkende Kirchensteuereinnahmen und steigende Baukosten werden die Situation verschärfen. Darum muss über Geld geredet werden. Die Zeit, in der sprudelnde Kirchensteuern den Luxus erlaubten, nicht über Geld  reden zu müssen, sind vorbei. Die Offenheit der Kirchen sollte dabei nicht zur Disposition stehen. Kirchen verlieren etwas von ihrem Wesen, wenn ihre Portale mit Kassenhäuschen versehen werden. Kirchen sollten Orte bleiben, an dem jeder Mensch eintreten kann – ohne Ticket, ohne Kontrolle und ohne Rechtfertigung. Ganz im Sinne jener Inschrift aus dem 10 Jahrhundert aus St. Gallen: „Dieser Weg zum heiligen Tempel steht allen Menschen offen.“

Dieser Artikel erscheint auch im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt.

Über Peter Schaal-Ahlers

Evangelischer Pfarrer, seit 2026 am Ulmer Münster. Davor neun Jahre Citypfarrer in Esslingen am Neckar. Weitere Stationen des Pfarrerlebens: Mainhardt, Königsbronn und Leonberg. Seit 2002 unterwegs auf der Kleinkunstbühne im Kabarettduo „Die Vorletzten“.

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