Die URAKs erheben Fälle sexualisierter Gewalt quantitativ, analysieren und evaluieren Strukturen und den Umgang mit betroffenen Personen und beraten Kirche und Diakonie zu notwendigen Maßnahmen. Katharina Binder ist die Geschäftsführerin der URAK im Verbund Württemberg und spricht im Interview über die bisherige Arbeit der Kommission.

Verbund Württemberg und spricht im Interview über die bisherige Arbeit der Kommission.
Im März 2025 nahm die Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommission (URAK) im Verbund Württemberg ihre Arbeit auf. Insgesamt sind bundesweit neun Kommissionen in regionalen Verbünden über landeskirchliche Grenzen hinweg errichtet worden.
Die URAK im Verbund Württemberg hat im März 2025 ihre Arbeit aufgenommen, Sie selbst sind nun seit gut einem Jahr im Amt. Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der Arbeit bisher?
Katharina Binder: Die URAK ist ja eine Konsequenz aus den Ergebnissen der ForuM-Studie. Sie ist für vier Jahre berufen. Es ist ein spannender Prozess, weil wir alle mit der URAK Neuland betreten. Der Austausch mit anderen Verbünden zeigt, dass es sich überall unterschiedlich entwickelt. Entscheidend ist aus meiner Sicht eine transparente Kommunikation auf Augenhöhe zwischen allen Beteiligten. Die Kommission hat ein klares Arbeitsprogramm und möchte unter anderem die institutionellen und methodischen Grundlagen für weitere Studien schaffen. Die Kommission ist froh über die gute Kooperation mit dem Verbund – sie ist entscheidend, um weiterzukommen. Es ist ein sehr häufig formuliertes Anliegen von Betroffenen und erklärtes Ziel der Kommission und von Kirche und Diakonie, dass gründlich aufgearbeitet wird und somit Missbrauch und Vertuschung der Boden entzogen wird.
ForuM-Studie
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und ihre 20 Landeskirchen haben in einer breit angelegten unabhängigen Studie das Thema sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche untersuchen lassen. Die Ergebnisse wurden am 25.01.2024 veröffentlicht. Mehr Informationen.
Was ist für Sie persönlich das wichtigste Ziel der URAK?
Binder: Dass die URAK innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens gute, belastbare Ergebnisse erzielt – für die Kommission, aber vor allem für die Betroffenen. Viele Betroffene haben den Eindruck, dass nur etwas passiert, wenn sie sehr laut werden oder großen Druck ausüben. Die Vergangenheit lässt sich nicht rückgängig machen, aber ich wünsche mir, dass die Arbeit der URAK aufzeigt, welche Schlussfolgerungen sich aus der Vergangenheit für die Zukunft ziehen lassen, damit sexualisierte Gewalt möglichst nicht mehr stattfindet.
Wie wird die Betroffenenbeteiligung gewährleistet?
Binder: Zum einen durch die zwei Betroffenen in der Kommission; zum anderen durch die Betroffenenvertretung. Die „Gemeinsame Erklärung“ gibt nur einen groben Rahmen vor – vieles muss sich in der Praxis erst entwickeln. Die Betroffenenvertretung begleitet die Arbeit der URAK und gestaltet sie mit. Es gab bereits einen Austausch zwischen der Kommission und allen an der Betroffenenvertretung interessierten Personen. Der Austausch mit Betroffenen ist für die Kommission wichtig und war für die Kommission sehr bewegend. Weil es etwas anderes ist, wenn man abstrakt über Fallzahlen spricht oder wenn man sich persönlich kennenlernt, auch mit der jeweiligen persönlichen Lebensgeschichte. Die Begegnungen machen sichtbarer, worum es geht. Außerdem berichtet die Betroffenenvertretung jährlich in den Betroffenenforen, die es in Württemberg bereits seit Jahren gibt und die weitergeführt werden. Wichtig ist: Die Betroffenenvertretung ist nicht als Vertretung aller Betroffenen für alle Themen gedacht, sondern speziell für die Arbeit der URAK.
Die URAK ist allerdings mit einer kommissarischen Besetzung der Betroffenenvertretung gestartet.
Binder: Ich bin wirklich stolz darauf, dass wir im März 2025 starten konnten – und dass die kommissarische Lösung für die Beteiligung der Betroffenen aus dem Kreis der Betroffenen selbst kam. Ohne sie wäre die URAK gar nicht arbeitsfähig gewesen und hätte nicht starten können. Das Thema sexualisierte Gewalt bringt immer komplexe Dynamiken mit sich, daher überrascht es nicht, dass man um Lösungen ringen muss. Umso erfreulicher ist es, dass wir jetzt mit der Kommission und der Betroffenenvertretung eine gute Struktur haben und damit sehr gute Voraussetzungen für die weitere Arbeit. Beide Gremien treffen sich regelmäßig und die Kommission ist inzwischen zu einem fachlich wie menschlich sehr gut funktionierenden Gremium zusammengewachsen.
Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?
Binder: Einen kritisch-konstruktiven Gesamtprozess, in dem alle Beteiligten miteinander lernen und vorankommen – mit dem Ziel guter Ergebnisse, die aus unterschiedlichen Perspektiven akzeptiert werden können. Die Kommission wird in vier Jahren nicht alles aufarbeiten können, aber ich bin zuversichtlich, dass sie wichtige Meilensteine setzen und damit auch einen entscheidenden Beitrag zur Prävention in der Zukunft leisten wird.
Die URAKs
Die URAKs setzen sich zusammen aus Betroffenen, Expertinnen und Experten, die gesellschaftliche Verantwortung tragen, sowie Vertreterinnen und Vertretern der Landeskirchen und Landesverbände der Diakonie. Um die Unabhängigkeit der Aufarbeitungskommissionen zu gewährleisten, dürfen nur weniger als die Hälfte der Mitglieder Beschäftigte der evangelischen Kirche oder der Diakonie sein oder einem ihrer Gremien angehören. Die Mitglieder aus dem Kreis der Betroffenen werden durch die Betroffenenvertreterinnen und -vertreter selbst benannt. Externe Experten und Expertinnen werden unabhängig durch die jeweiligen Landesregierungen benannt.
Die Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommission (URAK) im Verbund Württemberg setzt sich wie folgt zusammen:
Ralf-Alexander Forkel und Wilhelm Kazmaier sind kommissarische Vertreter der betroffenen Personen aus Kirche und Diakonie. Als externe Expertinnen und Experten durch das Staatsministerium Baden-Württemberg wurden benannt: Irmgard Fischer-Orthwein: Sie hat die „Anlauf- und Beratungsstelle Heimerziehung Baden-Württemberg“ aufgebaut und von 2012 bis 2018 geleitet. Prof. Dr. Dr. Andreas Kruse ist emeritierter Professor am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg und früheres Mitglied des Ethikrats. Prof. Dr. Jörg Kinzig ist Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen. Für die Landeskirche ist die frühere Ulmer Prälatin Gabriele Wulz und für das Diakonische Werk ist Prof. Dr. Jürgen Armbruster, ehemaliges Vorstandsmitglied der Evangelischen Gesellschaft und früherer Geschäftsführer des Rudolf-Sophien-Stifts, in die Kommission entsendet worden. Die URAK wird durch eine Geschäftsstelle mit Geschäftsführerin Katharina Binder unterstützt.
Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontakt@