„Unbedacht Verstorbene“ nennt man Menschen, die keine Angehörigen haben, die um sie trauern. Ohne persönliche Trauergemeinde finden auch die Beisetzungen statt, aber nicht ohne Musik und den Gedanken der Verbundenheit – dafür hat Sabine Ostmann gesorgt, die in Stuttgart das „Trauerchörle“, einen Chor für unbedacht Verstorbene, gründete. Im Interview erklärt die frühere Kirchenmusikerin, wie es dazu kam, und was sich seit der Gründung verändert hat.

Was war der Auslöser für die Gründung des Chörle?
Sabine Ostmann: Als Kirchenmusikerin in Stuttgart war ich früher nebenher auch als Organistin auf den Stuttgarter Friedhöfen tätig. Neben den „normalen“ Trauerfeiern hatte ich auch unzählige sog. „Anordnungen“ für Menschen ohne Angehörige zu spielen. Diese waren einsam verstorben; sie kamen aus allen sozialen Schichten und allen Altersgruppen. In einer Großstadt gibt es derer viele. Bei diesen Trauerfeiern waren der Pfarrer bzw. die Pfarrerin und ich allein in der Trauerhalle des Pragfriedhofs. Ich spielte Orgel und dann standen wir zu zweit am Sarg, beteten und sangen gemeinsam für den Verstorbenen.
Dies war ein Zustand, den ich verändern wollte. So startete ich im Jahr 2010 in allen evangelischen und katholischen Gemeindebriefen einen Aufruf mit der Bitte, dass sich Menschen für ein zukünftiges Trauerchörle bei mir melden mögen. Ich erhielt zahlreiche positive Reaktionen, und das Chörle war geboren.
Wer singt in diesem Chor, und wie groß ist er?
Sabine Ostmann: Zunächst meldeten sich Gemeindeglieder aus Stuttgarter Gemeinden, rasch weitete sich der Kreis dann aus bis hin zu Stuttgarter Vorort-Gemeinden und angrenzenden Städten. Es kamen Sänger aus anderen Kirchen und nichtkirchliche Sängerinnen und Sänger dazu; wir hatten bald ca. 50 Personen oder sogar mehr zusammen. Aktuell hat der Chor 47 Mitglieder. Dier meisten sind im Ruhestand oder beruflich flexibel.
Welche Lieder sind im Repertoire des Chores?
Sabine Ostmann: Ich habe ein Liederheft mit bekannten und weniger bekannten Liedern eigens für das Chörle zusammengestellt, darunter befinden sich Kanons und auch Taizé-Lieder.

Wie wird das Chörle beauftragt?
Sabine Ostmann: Früher, als wir noch auf dem Pragfriedhof sangen, war die Beauftragung des Chörles eine völlig andere als heute: Ich erhielt vom Städtischen Bestattungsdienst eine Nachricht, dass an einem bestimmten Termin eine Anordnung stattfinden würde. Daraufhin schrieb ich eine Rundmail an das Chörle mit Angabe des Termins und der Lieder, die wir singen würden. Diejenigen, die keinen Online-Zugang hatten, musste ich alle anrufen. Nicht selten kam es vor, dass mir Termine von einem Tag auf den anderen mitgeteilt wurden, und ich dem Chörle schnell Bescheid geben musste. Kaum hatte ich das getan, kam oft schon der nächste Anruf, dass gleich danach noch eine weitere Anordnung stattfinden würde. Also musste ich dem Chörle erneut Bescheid geben und alle anderen erneut anrufen. Oft hatten wir pro Woche drei bis vier Anordnungen.
Hat sich seit der Gründung des Chörles etwas verändert?
Sabine Ostmann: Seit der Gründung des Chörles hat sich Grundlegendes zum Positiven und Negativen verändert:
Wir singen nicht mehr auf dem Pragfriedhof, sondern bei Sammeltrauerfeiern auf dem Waldfriedhof – dies regelmäßig alle zwei Monate. Es sind also nicht mehr Einzeltrauerfeiern mit Sarg, sondern es stehen ca. 20 Urnen auf einem Tisch vor dem Altarraum. Unsere individuelle Trauerfeiergestaltung ist vollkommen weggefallen: Lieder werden von den zwei zuständigen Geistlichen herausgesucht, die Dekoration wird von der Stadt übernommen. Das Chörle gestaltete den Blumenschmuck früher auf dem Pragfriedhof noch selbst, oft mit selbstgepflückten Sträußen und selbstgebundenen Kränzen. Die Särge und der Boden darum wurden vom Chörle mit Tüchern und Kerzen wunderbar individuell dekoriert. Beim Singen stand das Chörle im Kreis um den Sarg und nahm somit den Verstorbenen in seine Mitte. Alles Individuelle gehört nun der Vergangenheit an. Das Chörle ist die Gemeinde, ich sitze an der Orgel vom Chörle weit entfernt oben auf der Orgelempore. Das Chörle gestaltet die Trauerfeiern nicht mehr weitgehend selbst. Jetzt sind die Trauerfeiern in professionellen Händen, auch die Liedauswahl.
Vorteile gibt es natürlich auch, es gibt nun nur noch alle zwei Monate Trauerfeiern, die für ein Jahr vorhergeplant sind, die Dekoration wird von der Stadt Stuttgart übernommen. Und die Termine für die Trauerfeiern werden veröffentlicht. So finden sich auch stets Bürgerinnen und Bürger aus Stuttgart ein, manchmal sind darunter auch jene, die einen der Verstorbenen gekannt haben, oder es kommen katholische Schwestern dazu.
Wie ist es für Sie/die anderen Mitwirkenden, in dieser besonderen Situation zu singen?
Sabine Ostmann: Für mich waren die Trauerfeiern früher bewegender und unmittelbarer, nicht zuletzt auch, weil ich vom Geschehen weit entfernt bin. Durch die Präsenz unmittelbar am Sarg entstand eine große Nähe zum Verstorbenen.
Jetzt stehen viele Urnen auf einem Tisch, der von der Stadt Stuttgart geschmückt wird. Der Blumenschmuck ist jedes Mal sehr schön, aber es ist doch etwas ganz anderes, wenn die Dekoration mit eigenem Herzblut für den Verstorbenen persönlich entstanden ist.
Dennoch wird man durch die Verlesung der vielen Namen jedes Mal mit einem ganzen Menschenleben und auch der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert, sodass man die Feierhalle nachdenklich und still verlässt. Es ist im Grunde ein stiller Dienst an dem oder der Verstorbenen. Mitglieder des Chores berichten mir immer wieder, wie dieser Dienst sie berührt und für sie Sinn stiftet.
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