Landesbischof Gohl wirbt für Spielräume, Stärkung kirchlicher Dienste und Stärkung der Demokratie

Bericht des Landesbischofs während der Sommertagung der Landessynode 

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl hat zum Auftakt der Sommertagung der württembergischen Landessynode für mehr Gestaltungsspielräume in Kirche und Gesellschaft, eine stärkere Rolle der Kirche in Demokratie- und Ethikdebatten sowie für die enge Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen geworben. Zudem betonte er die Verantwortung der Kirche für gesellschaftlichen Zusammenhalt, den Schutz von Geflüchteten und einen differenzierten Umgang mit dem Nahost-Konflikt.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl

Vertrauen schafft Spielräume:  

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl warb für mehr Gestaltungsspielräume in Kirche und Verwaltung. Innerhalb verbindlicher Regeln müsse es möglich sein, sich an Sinn und Zweck zu orientieren und verantwortliches Handeln vor Ort zu stärken.  

Moderne Menschen (...) erleben sich in ihrem Alltag oft nur noch als ausführende Organe. Wer aber nur ausführt, fühlt sich nicht lebendig. Lebendig erleben sich Menschen, wenn sie situativ handeln und sich ggf. auch einmal über eine Vorschrift hinwegsetzen. (...) Nun kann Kirchenleitung nicht einfach Spielräume gegen kirchliches Recht schaffen. Sie hat sich an das Recht zu halten. Aber sie kann immer wieder nach der Grundintention von Gesetzen und Ordnungen fragen. Jesus Wort vom Sabbat, der ums des Menschen willen gemacht ist und nicht umgekehrt (Mk 2,27), erinnert daran. (...) Für diese Grundhaltung in kirchlicher Verwaltung werbe ich und will Prozesse fördern, die Spielräume eröffnen – im Kontext eines verlässlichen Rahmens."

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl 
 

Nach der Reform ist vor der Reform: 

Mit Blick auf die laufenden Reformprozesse sprach sich Gohl für mehr Entscheidungsspielräume in den Kirchenbezirken aus. Der Oberkirchenrat solle sich künftig stärker als unterstützende Serviceagentur verstehen.

Das große Sparpaket war eine gemeinsame Kraftanstrengung von Synode und Oberkirchenrat. Neben vielen schmerzhaften Kürzungen hat es auch die Handlungsfähigkeit unserer Landeskirche unter Beweis gestellt. (...) Gemeinden und Bezirke haben nicht selten den Eindruck, ihnen würde eine sachfremde Struktur übergestülpt, ohne die Ideen, die vor Ort entwickelt wurden, besonders zu beachten. (...) Deshalb will ich ein noch zugegebenermaßen unscharfes Zielbild skizzieren. Ausgangspunkt ist (...) die Klärung der vorhandenen oder gewünschten Profilierung kirchlicher Arbeit in einem festumrissenen Sozialraum, z. B. einer Stadt. In diesen Sozialraum werden nun Immobilien, Ressourcen und Mitgliederzahlen eingebracht. (...) Diese Steuerung sollte auf Ebene der Kirchenbezirke angesiedelt sein – anders als in der Vergangenheit. Der Oberkirchenrat hätte dann nicht mehr primär die Rolle einer Aufsichts- und Genehmigungsbehörde, sondern einer erfahrenen Serviceagentur.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl 

Akteure für ihren Dienst in der Kirche stärken: 

In der aktuellen Debatte um die Anstellungsform von Pfarrerinnen und Pfarrern bekannte sich Gohl klar zum öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis. Gohl hob hervor, dass Haupt- und Ehrenamtliche gemeinsam Verantwortung für den kirchlichen Auftrag hätten. So gehörten in der Leitung einer Kirchengemeinde die theologische Leitung und die wirtschaftlich-organisatorische Leitung untrennbar zusammen. 

Pfarrerinnen und Pfarrer: “Derzeit wird das Anstellungsverhältnis von Pfarrer/innen kontrovers diskutiert. Ich sage deutlich: Meines Erachtens wird das öffentlich-rechtliche Dienstverhältnis dem ordinierten Amt am besten gerecht.

Ehrenamtliche: Gebet und Lobgesang machen keinen Unterschied zwischen Haupt- und Ehrenamt in der Kirche. (...) Es sind alle verpflichtet, bei der Erfüllung der Aufgaben zusammenzuwirken und der Gemeinde nach dem Maß ihrer Gaben und Kräfte zu dienen. So gehören in der Leitung einer Kirchengemeinde die theologische Leitung und die wirtschaftlich-organisatorische Leitung untrennbar zusammen.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl 

Kommunikation des Evangeliums in der Multiperspektivität kirchlicher Dienste: 

Eine enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Aufgabenbereiche sei unverzichtbar. Zu dessen Beginn einer dienstübergreifenden Kooperation stehe die Auftragsklärung, dessen Rahmen die Verkündigung des Evangeliums sei. 

Am Beginn einer dienstübergreifenden Kooperation steht die Auftragsklärung. Der Rahmen für diese Klärung ist die Verkündigung des Evangeliums. Sie geschieht in den vier Grundvollzügen: Gottesdienst, Lehre, Gemeinschaft und Diakonie. Innerhalb dieses Rahmens nehmen die verschiedenen Dienste mit ihren haupt-, neben- und ehrenamtlichen Akteuren an dieser Auftragsklärung teil und tragen ihre jeweils spezifischen Perspektiven ein. Dazu gehört die Klärung, worin die Beiträge der einzelnen Berufsgruppen bestehen können.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl 

Die Grenzen des Homo Faber: Der Papst und KI:  

Die Kirche müsse sich aktiv mit den Chancen und ethischen Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen, sagte Gohl und verwies auf die vom Vatikan veröffentlichte Enzyklika Magnifica humanitas. Es ist das erste Lehrschreiben von Papst Leo XIV. und fand schnell ein weltweites Echo. Ziel sei es, kompetent und wahrnehmbar an gesellschaftlichen Debatten mitzuwirken und mit der katholischen Kirche Orientierung zu geben. 

Unsere Landeskirche hat sich in den letzten Monaten intensiv mit den Chancen und Gefahren beim Einsatz von KI auseinandergesetzt (...). Weniger eindeutig fällt die Einschätzung für die Bearbeitung ethischer Fragen bei der Nutzung von KI aus. (...) Als Kirche dürfen wir vor diesen Fragen nicht die Augen verschließen. Wir müssen in der Lage sein, informiert, kompetent und profiliert unseren kirchlichen Standpunkt in öffentlichen Debatten einzubringen. (...) Deshalb ist es wichtig diese zentralen Fragen in Kooperation mit der Katholischen Kirche in den nächsten Monaten weiter voranzutreiben. Als Kirche können wir es uns nicht länger leisten, zu zentralen ethischen Fragen unserer Zeit zu schweigen oder Binnendiskurse zu führen, die niemand in der Gesellschaft wahrnimmt.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl 

Ein Wort zu Israel:  

Mit Blick auf den Nahost-Konflikt warb Gohl für Differenzierung und Empathie gegenüber den Opfern auf allen Seiten. Zugleich betonte er die besondere Verantwortung, dem stark gestiegenen Antisemitismus in Deutschland entgegenzutreten. 

Ich finde es wichtig wahrzunehmen, dass es viele Menschen in Israel gibt, die gegen diese gewalttätige Politik der Regierung offen und lautstark protestieren. Zugleich finde ich es richtig, wenn die Kirchen sich im Blick auf eigene Bewertungen in der Öffentlichkeit zurückhalten. Die Sorge, dass öffentliche Kritik der israelischen Politik den Antisemitismus hier in Deutschland verstärkt, und die jüdischen Gemeinden noch mehr angefeindet werden, ist mehr als berechtigt. (...) Ich denke aber, dass es ohne den

7. Oktober diese Entwicklungen in der israelischen Politik nicht gegeben hätte. Das entschuldigt nicht die Reaktionen, die in Kauf nehmen, dass die Gegenwehr auch Menschen trifft, die ohne eigenes Zutun selbst zu Opfer werden. Ebenso schwer erträglich ist die Verhärtung auf beiden Seiten, die angesichts der eigenen innerlichen Zerrüttung keine Kraft bzw. Empathie für das Leid der Gegenseite aufbringt.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl 

Demokratie stärken:  

Gohl unterstrich die Rolle der Kirche als Ort des Dialogs und des respektvollen Austauschs auch bei kontroversen gesellschaftlichen Fragen. Zugleich bekräftigte er die Verantwortung der Kirche für Schutzsuchende und warnte vor pauschalen Vorurteilen gegenüber Geflüchteten.  

Die Kirchen bieten Gesprächs- und Dialogräume an, in denen moderiert und zivilisiert zwischen den Vertretern sich widersprechenden Überzeugungen gestritten werden kann (...). Der gesellschaftliche Diskurs über die Zukunft einer demokratischen Gesellschaft wird in der Regel nicht abstrakt geführt, sondern anhand konkreter politischer Konfliktthemen. (...)

Ich denke, als Kirche sind wir an die Schwachen in unserer Gesellschaft gesandt, ihre Hilfe, wie beim Flüchtlingsschutz ist selbstverständliche Christenpflicht. Daneben müssen wir als Kirche die Hilfekultur weiter versuchen mitzuprägen. Und eins ist auch klar: Wer grundsätzlich alle Geflüchteten unter Generalverdacht stellt, stärkt nur die extremen Rechten!"

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl

Ausblick: 

Zum Abschluss seines Berichts stellte Landesbischof Gohl die christliche Hoffnung und das Vertrauen auf Gott in den Mittelpunkt. Trotz der vielfältigen Krisen in Gesellschaft, Kirche und persönlichem Leben gebe es Grund zur Zuversicht. Entscheidungen über künftige Schwerpunkte, den Umgang mit Ressourcen und notwendige Veränderungen müssten aus dieser Haltung des Vertrauens heraus getroffen werden. Das neue Dienstgebäude des Oberkirchenrats stehe dabei exemplarisch für Innovation und Erneuerung, bleibe aber vor allem ein Ort im Dienst der Menschen in den Kirchengemeinden und Einrichtungen der Landeskirche. Das verbindende Fundament der Kirche sei und bleibe Jesus Christus als ihr gemeinsamer Grund. 

Trotz vieler Krisen, die uns persönlich, unsere Kirche und unser Land bewegen, gibt es genug, was uns zuversichtlich stimmen kann. An erste Stelle ist es unser Vertrauen auf Gott. (...) Vieles ist daher eine Haltungsfrage: Glauben wir dieser Zusage Gottes? Wo setzen wir im Vertrauen darauf Kräfte ein? Wo verabschieden wir uns von Angeboten, Häusern oder gar Arbeitsfeldern? Wo entdecken wir Spielräume? Wo bleiben wir beharrlich in unserem Auftrag? Viele dieser Fragen werden für mich durch die Nutzung des neuen Dienstgebäudes des OKRs beantwortet. (...) Vieles an diesem neuen Dienstgebäude ist neu und innovativ, aber im Kern bleibt dieser Ort doch vor allem eins: Ein Ort, in dem für die Menschen in den Gemeinden und Einrichtungen unserer Landeskirche gearbeitet wird. Das dürfen wir nicht vergessen.

Was uns in Stadt und Land, OKR und Landeskirche verbindet, bleibt auch in Zukunft fest für unsere Kirche verwurzelt: Der gemeinsame Grund. Denn: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus."

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl

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