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„Wo wir der Hoffnung Stimme geben, wächst die Zuversicht“

Predigt von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl in Nellmersbach

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl in NellmersbachBild: Alexander Schweiker

„Ich bin überzeugt: Wo wir unsere Hoffnung mit anderen teilen, wo wir der Hoffnung Stimme geben, da wächst die Zuversicht. Auch bei uns selbst. Und da wächst das Vertrauen, dass wir die Mauern angehen können, denn: 'Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen'.“ (Psalm 18). Mit diesen Worten schloss Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl seine Predigt, die er am 21. April im Herzschlaggottesdienst in Nellmersbach gehalten hat. Hier finden Sie den Volltext seiner Predigt.

Liebe Gemeinde,

„Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt?!“ Das Motto unseres Gottesdienstes hat ein Ausrufezeichen und ein Fragezeichen.

Ich fange mit dem Fragezeichen an: Wo finden wir Hoffnung? Ich möchte aber noch einen Schritt weiter zurückgehen und fragen: Ist unsere Welt wirklich hoffnungslos? Leben wir in einer hoffnungslosen Welt?

Nicht erst seit Corona scheint eine Krise die andere nicht nur abzulösen, sondern zu überlagern – Corona, Ukraine, Naher Osten. Und ein junger Mann sagte zu mir: „Den Wettkampf um das Erreichen die Klimaziele haben wir verloren. Die Lage ist hoffnungslos – absolut hoffnungslos“.

„Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“ So steht es auf dem Tor zur Hölle – bei dem Dichter Dante in seiner „Himmlischen Komödie“. Wo keine Hoffnung ist, da ist die Hölle. Aber wir leben nicht in einer Hölle. Wir leben in der Welt, die Gott für uns geschaffen hat. Und die wir alle mitgestalten.

Die Frage an jeden und jede von uns lautet: Wohin blicke ich? Auf welche Stimmen höre ich?

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. So bezeugt es der Beter von Psalm 18.

Dieser Vers war einer der Lieblingskonfirmationssprüche meiner Konfirmandinnen und Konfirmanden und auch heute gehört er noch unter die TOP-12 der meist gewählten Konfirmationssprüche. Dieser Vers passt ja auch gut zu Jugendlichen. In diesem Alter wird man größer und stärker. Keine Hürde erscheint zu hoch. Wenn man größer wird, erlebt man auch Einiges als einengend: „Ich bin doch kein Kind mehr!“, heißt es dann. Die Sehnsucht nach Freiheit ist groß. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

Der erste, der diese Worte betet, ist allerdings schon lange kein Jugendlicher mehr. Als König David diese Worte spricht, hat er schon sein halbes Leben hinter sich. Vordergründig singt David hier von Gottes Hilfe im Kampf gegen Feinde, die ihn töten wollten. Da sind die Mauern erstmal ganz real aus Stein.

Doch wenn ich auf all‘ das schaue, was David erlebt hat, wird klar: Es geht nicht nur um Steinmauern. David hat so viele Mauern im übertragenen Sinn erlebt, die ihm die Hoffnung verstellten, die er aber mit Gott überwunden hat.

David der kleine Hirtenbub. Niemand traut ihm das zu. Dennoch tritt er gegen den riesigen Goliath an und besiegt ihn. Oder wie der junge David dann die Eifersucht des Königs Saul erlebt und dann flieht, weil Saul ihn töten will.

Oder ich denke, wie verzweifelt David über den Tod seines besten Freundes Jonathan ist. Und schließlich die große Schuld, die David mit seinem Ehebruch und Mord auf sich lud. Er muss erleben, wie sein Kind krank wird und stirbt. Und vieles mehr. David stand schon vor vielen Mauern.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

Dieser Satz spricht keiner, der immer ungestreift durch Leben ging. Keiner, der das Leben mit seinen vielen Mauern nicht kennt. Mauern, die sich vor einem unüberwindbar auftürmen und die Hoffnung rauben.

Doch, so lerne ich von David, für Gott ist keine Mauer zu hoch. Wo ich mich Gott anvertraue, verbaut mir keine Mauer dauerhaft den Weg.

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben!“ Paul Gerhardt hat es geschrieben, um seine Frau und sich über den Tod der Tochter trösten. Die Freude am Leben ist offensichtlich nicht einfach da. Mauern verstellen den Blick. Die Freude und Hoffnung müssen immer wieder gesucht und gefunden werden. Das Lied weist uns einen Weg, wie das gehen kann mit dem Mauern-Überwinden.

Paul Gerhardt verweist auf den Schöpfer und die Schöpfung. Und das passt wunderbar in unsere Jahreszeit. Die Tage werden heller. Überall das lebendige Grün. Die Luft duftet nach Blüten. Die Vögel zwitschern. Wir sehen, riechen und hören, wie der Frühling mit Macht die Starre des Winters überwindet. Darin Gottes Lebensmacht spüren. Sich mit allen Sinnen am Erwachen der Schöpfung freuen. Das tut der Seele gut. So keimt Hoffnung auf.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

Die mächtigste Mauer, die der Hoffnung den Weg versperrt, ist der Tod. Der Tod wirft lange Schatten in unser Leben hinein. Er verstellt uns das Licht, oft schon mitten im Leben. Wenn er uns einen lieben Menschen nimmt. Wenn er uns bedroht. Wo soll da noch Hoffnung sein, wenn er am Ende alles zunichtemacht?

Vor drei Wochen haben wir Ostern gefeiert. Jesus hat den Tod besiegt - wie David den Goliath. Dieser Mensch, der da qualvoll am Kreuz gestorben ist, der hat dem Tod die Macht genommen und hat uns frei gemacht. Der Eingang in die Grabhöhle war durch einen riesigen Stein versiegelt. Am Ostermorgen ist der große Stein zur Seite gerollt. Gottes Lebensmacht lässt sich durch keine Mauer einsperren.

„Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden“. So haben Sie es sich vielleicht an Ostern auch in Nellmersbach zugerufen. Das Licht durchbricht die Finsternis. Das ist der Grund meiner Hoffnung.

„Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.“ Dieser Satz stammt von Dietrich Bonhoeffer, der 1945 kurz nach Ostern hingerichtet wurde. „Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.“ Diesen Satz hat uns dieses Jahr unsere Partnerkirche in Georgien als Ostergruß geschickt.

Georgien war das erste Land, das von Putin angegriffen wurde, bereits vor 16 Jahren. Heute ist Georgien wieder unmittelbar von Russland bedroht. Die Menschen dort haben Angst. Und viele leben in Armut. Auch von unseren evangelischen Geschwistern. Und sie, gerade sie schicken uns diesen Ostergruß: „Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.“

Ich erlebe das immer wieder: Gerade Menschen, denen es viel schlechter geht als mir, geben mir Zeugnis von der Hoffnung. Das beschämt mich. Zugleich spüre ich darin die Stärke geschwisterlicher Gemeinschaft. Gottes Geist führt uns über alle Grenzen zusammen und weitet unseren Horizont. 

In vier Wochen feiern wir Pfingsten. Auch in der Pfingstgeschichte geht es ja um Mauern. Verängstigt hatten sich die Jünger in einem Haus in Jerusalem zurückgezogen. Seit der Himmelfahrt ist Jesus nicht mehr unter ihnen. Wie kann es ohne ihn weiter gehen? Und da kommt Gottes Pfingstgeist. Er bläst die Mauern ihrer Angst weg. Die Jünger gehen hinaus in die Welt und geben Zeugnis von ihrer Hoffnung. In der Kraft des Geistes überwindet ihr Zeugnis wiederum die Mauern, zwischen Kulturen, zwischen Nationen und Sprachen.

Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt, die ganz verschiedene Sprachen sprechen. Sie alle hören die Stimme der Hoffnung. Von dieser kleinen, kleinen Jüngerschar in Jerusalem geht die Jesusgeschichte hinaus in die ganze Welt. Über alle Kontinente und durch alle Generationen hindurch. Auch bis zu uns. Hier und heute.

Weil Gottes Geist stark ist und uns stark macht, einander zu hören und einander die Hoffnung weiterzugeben.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. Mein Gott ist unser Schöpfer. Er lässt mich seine Lebensmacht spüren in der Freude des Frühlings und in jedem Atemzug, den ich tue. Mein Gott ist in Jesus an unserer Seite. Er selbst ist das Licht, das jede Finsternis durchbricht.

Mein Gott macht uns stark durch seinen Geist. Jesu Geist führt uns als Geschwister zusammen. Zu einer Gemeinschaft, die der Hoffnungslosigkeit trotzt.

Wir können über Mauern springen. Ja, wir sollen über die Mauern springen, die der Hoffnung den Weg versperren. Denn Jesus beruft uns zu Botschafterinnen und Botschaftern der Hoffnung. Er befähigt uns und will, dass wir von unserer Hoffnung zu erzählen. So, wie wir es z.B. vorhin getan haben. Ohne Scheu und ohne Furcht. Keine Hoffnung ist zu klein, um geteilt zu werden. Keine Worte sind zu ungeschickt, um der Hoffnung Stimme zu verleihen.

Ich bin überzeugt: Wo wir unsere Hoffnung mit anderen teilen, wo wir der Hoffnung Stimme geben, da wächst die Zuversicht. Auch bei uns selbst. Und da wächst das Vertrauen, dass wir die Mauern angehen können, denn: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

Amen.


Hinweis für Kirchengemeinden

Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontakt@elk-wue.de nachzufragen, ob die Nutzungsrechte für den jeweiligen Zweck vorliegen. Gerne können Sie alle Bilder nutzen, die Sie im Pressebereich unserer Webseite finden.


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Grafik: elk-wue.de

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