| Landeskirche

„Eine Katastrophe in Zeitlupe“ – Corona und das Abschiednehmen

Seelsorger sprechen über Sterbebegleitung unter schweren Bedingungen

Corona war noch kaum bekannt, da stand Dekanin Sabine Waldmann bereits mitten in einem Hotspot. Hohenlohe gehörte im Frühjahr 2020 zu den ersten Regionen, in denen sich das neuartige Virus rasant verbreitet hat. Informationen sickerten anfangs eher tröpfchenweise durch, Masken gab es noch nicht, und an Impfungen war noch lange nicht zu denken. Und so sehr, wie der Schutz vor dem Virus einerseits ihre Arbeit behinderte, so wichtig war gerade jetzt die Arbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer in den Ortsgemeinden und der Seelsorger in den Krankenhäusern. Neben Dekanin Sabine Waldmann berichten Pfarrer Achim Esslinger und Pfarrerin Ingrid Wöhrle-Ziegler von Ihren Erfahrungen bei der Sterbe- und Trauerbegleitung.

Auch unter strengen Hygiene-Auflagen vermitteln Seelsorgerinnen und Seelsorger in Krankenhäusern und Hospizen viel Trost und menschliche NähePexels / Karolina Grabowska

Dekanin Sabine Waldmann, Öhringen

„Corona ging über uns wie eine Welle, hier in Hohenlohe. Damals gab es keine Schutzmasken, nichts - nicht mal die einfachen Alltagsmasken. Der Geschäftsführer der Diakoniestation und ich haben tagelang nach Masken gesucht, dann welche in China bestellt – im März. Bekommen habe wie sie im Juli.

Dekanin Sabine Waldmann ist es wichtig, dass die sterbenden Menschen spüren, dass sie nicht allein sind.Regina Koppenhöfer

Für ein bisschen Schutz hat man aus Stoff oder aus Küchenrolle Masken selbst gebastelt und genäht. Und es war so, dass die einen Schwestern nur in die Corona-Häuser gegangen sind und die anderen nur in die anderen Häuser – um die Krankheit nicht bei Patienten zu streuen. Es war Pionierarbeit. Aber die Schwestern haben gesagt: Die alten und kranken Menschen brauchen uns, wir gehen und pflegen. Die Diakonissen haben Seelsorge am Kranken- und Sterbebett gemacht – da, wo wir anfangs wegen der Quarantäne nicht hindurften.

Der erste Corona-Tote, den wir hatten, durfte im Krankenhaus keinen Besuch bekommen. Da waren ganz viele Gespräche nötig. Wir hatten in Hohenlohe auch eine Gemeinde, in der drei Wochen lang keine Beerdigung stattfinden konnte.

Schnell hatten wir Tablets, mit denen Schwestern dann auch zu Demenzkranken gegangen sind und über Skype Kontakte hergestellt haben. Da hat sich sehr viel entwickelt. 

Nähe in der letzten Phase

Ich mache recht viel Sterbe- und Trauerbegleitung. In der Hospizarbeit war und ist das Ziel, in der letzten Phase Nähe zu leben. Damit der Mensch spürt, dass er nicht allein ist – dass ihn jemand hält, ihm Kraft gibt. Das ist eigentlich sehr ausgerichtet auf körperliche Nähe - nicht nur eine Hand zu halten oder mal zu umarmen, sondern auch gemeinsam mit dem Patienten zu atmen. Selbst das ist im Moment schwierig – unter der Maske.

Wenn ich Besuche mache bei Sterbenden, dann nehme ich die Maske runter. Manchmal nehmen sie meine Hand, umarmen mich auch mal. Das sind Augenblicke, die man dann auch geschehen lassen muss aus meiner Sicht. Bei Menschen, die Corona haben, kann ich das aber nicht machen.

Wichtig ist auch die Stärkung von Angehörigen, die nicht selten mit Sterbenden in Quarantäne gehen und sich hin und wieder auch infizieren. Sie brauchen oft ein Gegenüber, um diese Zeit durchzustehen. Angehörige, die ihren Verwandten nicht vor Ort begleiten können, möchten bisweilen, dass ich am Telefon mit ihnen bete oder einen Segen spreche, den Hörer auch mal an den Sterbenden gebe.

Fast noch schwieriger ist die Situation in der Trauerzeit, weil es einfach kaum noch Möglichkeiten gibt, etwas zu unternehmen, das sie ablenkt und ihnen gut tut - eine Unternehmung mit Freunden, ein Konzert. Da geht es darum, gemeinsam zum Grab zu gehen, Gespräche zu führen. Wir waren am Ewigkeitssonntag auf allen Friedhöfen in unserer Gegend und haben Abschieds- oder Trauergottesdienste gehalten. Wir wollten so Räume eröffnen, wo Angehörige mit ihrer Trauer hinkonnten.

Nähe kann aber auch am Telefon entstehen. Wichtig ist, dass spürbar wird: ‚Da ist jemand, der mich versteht, und ich kann alles erzählen.‘ Ich rufe die Kinder einzeln an. Das ist etwas Kostbares. Sonst verwischt sich das nicht selten, wenn das Gefühl aufkommt, dieses oder jenes sollte ich jetzt nicht sagen.“

Ingrid Wöhrle-Ziegler, Pfarrerin am Diakonie-Klinikum Stuttgart

„Wir sind im Diakonie-Klinikum relativ weit gegangen mit Präsenz, weil wir sagen, in der Seelsorge ist es einfach wichtig, präsent zu sein. Sobald sich zeigte, dass ausreichend Schutzkleidung da ist, war es keine Frage, dass wir Seelsorgerinnen und Seelsorger kommen sollten. Und es gab bei uns auch eine große Einigkeit, dass Angehörige vor dem Sterben kommen dürfen, auch auf die Covid-Station. Das ist etwas ganz Wichtiges und Menschliches. Wir haben viele Gespräche geführt, um das umsetzen zu können.

Pfarrerin Ingrid Wöhrle-Ziegler führt am Diakonie-Klinikum Stuttgart viele Gespräche mit Corona-Patienten und auch mit dem Krankenhaus-Personal.Diakonie-Klinikum Stuttgart / Foto: Volker Schrank

Die meiste Entlastung bringe ich, wenn ich ganz normale Patientengespräche führe und die Angehörigen begleite, die zu Besuch kommen. Ich habe sie anfangs über die ganze Zeit begleitet, damit ihre Präsenz möglich wurde. Später wurde es leichter, es haben sich alle auch dran gewöhnt. Die Hygiene-Vorgaben haben wir konsequent beachtet. Es hat sich niemand angesteckt in der ganzen Zeit.

Ich hatte ein älteres Ehepaar auf der Covid-Station, hochbetagt, keine Kinder. Sie lagen wochenlang zu zweit in dem Zimmer und hatten keine saubere Wäsche mehr. Ich war jede Woche mindestens zweimal bei ihnen und habe dann auch dafür gesorgt, dass sie saubere Wäsche von einem Verwandten bekamen. Der Mann, der zuvor schon schwer pflegebedürftig war, ist verstorben. Die Frau konnte ihn begleiten und durch unseren Beistand für sich eine neue Perspektive entwickeln.

Mit dem Tablet stößt man sehr schnell an Grenzen. Man hat es ja oft mit alten und verwirrten Menschen zu tun, die damit einfach überfordert sind. Ein Besuch ist einfach etwas anderes. Es tut den Patienten so gut, wenn ein Mensch da ist, mit dem sie reden können – über das Wetter, über Politik, eine Bandbreite an Themen. Wir haben es ermöglicht, wo es irgendwie ging – erst recht an der Grenze des Lebens.

Das Gesicht sehen lassen

Ich habe mir angewöhnt, dass ich am Anfang kurz die Maske abnehme, damit die Menschen mal mein Gesicht gesehen haben. Ich trage Handschuhe, wenn ich eine Hand halte. Am häufigsten kommt es bei Sterbenden vor, und sie spüren die Handschuhe nicht. Es fühlt sich einfach warm an, nach Mensch – das ist wichtig.

Anfangs hatte ich durch die Berichterstattung sogar kurz Sorge, die Menschen zu berühren, aber dann dachte ich: Jetzt schalt mal Deinen Kopf ein – die Pflegenden berühren die Kranken doch auch. Ich habe Handschuhe an und desinfiziere sie mehrfach – man muss auch gegen die eigenen irrationalen Seiten angehen.

Was mir klar geworden ist: Wir sind nicht ersetzbar in unserer Rolle als Seelsorger. Es gab auch sehr viele Gespräche mit den Mitarbeitenden - nicht immer Seelsorge, manchmal auch einfach nur ein: Wie geht es heute? Mit diesen kleinen Alltagsgesprächen konnten wir Entlastung bieten.

Das Abschiednehmen haben wir gemacht wie vorher auch, nur halt mit Fiebermessen und jetzt mit einem Schnelltest. Wir haben uns immer an die Vorgaben angepasst, sind aber sonst recht weit gegangen – auch mit den Gottesdiensten. Wir machen sie das ganze Jahr, seit es wieder möglich ist. Das halten wir für sehr wichtig, dass das Leibhaftige und die Gemeinschaft hier stattfindet, genau wie das Abendmahl und Singen am Bett.“

Pfarrer Achim Esslinger, Krankenhausseelsorger in der Klinik am Eichert in Göppingen

„Wir haben mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, den Angehörigen zu ermöglichen, mit ihren Patienten Kontakt aufzunehmen und beim Sterben dabei zu sein. Anfangs haben wir telefoniert – damit die Angehörigen unsere Abschiedsrituale wenigstens hören konnten.

Pfarrer Achim Esslinger spürt viel Wertschätzung für die Arbeit der Krankenhausseelsorge.NWZ / Giacinto Carlucci

Später durften die Angehörigen wieder zu den Sterbenden, Ausnahme war die Intensivstation mit den Covid-Patienten. Da war ich dann die Kontaktperson. Die Angehörigen haben jeden Strohhalm ergriffen – und natürlich auch bei uns angerufen und gefragt, wie es dem Vater, der Mutter, dem Onkel, dem Schwiegervater geht. Einige wollten, dass wir etwas auf die Intensivstation bringen: Amulette, Figuren, Kreuze, sogar Weihwasser.

Und dann wurde gefragt: Wie sieht er aus, wie geht es ihm? Die Einschätzung der Ärzte hat oft nicht gereicht, die Angehörigen wollten mehr wissen. Ich habe immer wieder mit Angehörigen telefoniert. Dann muss ich das sauber markieren und sagen: Ich bin der Pfarrer, ich kann Ihnen nur sagen, was ich gesehen habe. Was das alles bedeutet, medizinisch, kann ich nicht einschätzen. Hinter den Fragen stand ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit

Was anders ist bei Corona, sind die langen ungewissen Verläufe, die wir begleiten. Ich bin bei Patienten, die sind schon mehr als zwei Monate da, das ist völlig ungewöhnlich in einem Krankenhaus. Normal sind 5 bis 6 Tage, bei schweren Krankheiten vereinzelt länger, aber nicht so geballt.

Krankenhauspersonal und auch die Seelsorge begleitet gern Menschen auf dem Weg von der Krankheit zur Gesundheit. Wenn jemand nicht mehr gesund werden kann und sterben muss, begleiten wir das auch. Das sehen wir auch als eine wichtige Aufgabe. Wenn aber Patienten da sind, die weder leben noch sterben können, dann ist das für alle furchtbar belastend. Und das ist in dieser Massivität wirklich ein Thema von Corona.

Alles in Alarmbereitschaft

Beim Segnen und Salben müssen wir Handschuhe tragen. Die körperliche Nähe fällt weg – und das ist ein echtes Manko. Wir haben immer Masken auf. Und auf der Intensivstation oder bei den Covid-Patienten Kittel, Masken und zwei Paar Handschuhe. Jetzt habe ich die zweite Impfung. Es ist trotzdem alles in Alarmbereitschaft, weil die Angst von den Mutationen riesig ist. Wir hoffen, dass die Impfstoffe trotzdem helfen.

Es ist eine Katastrophe in Zeitlupe. Alle Mitarbeiter sind hochkonzentriert und kämpfen, aber lassen sich kaum auf Gespräche ein, die in die Tiefe gehen – vielleicht, weil sie dann nicht mehr weiterarbeiten könnten. Das ist zumindest mein Eindruck. Wenn ich frage, braucht Ihr was, kommt oft: Ja, vielleicht wenn alles vorbei ist. Wenn es sich irgendwann entspannt, müssen wir gut und genau hinsehen, was diese Menschen von uns brauchen.

Was ich mitnehme aus der Zeit ist, dass in solchen Fällen Krankenhausseelsorge, Notfallseelsorge und psychosoziale Berufe besonders gut zusammenarbeiten. Wir werden geschätzt für unsere Arbeit. In der Pandemie ist in einer neuen Weise klargeworden, was wir machen und was wir auch für einen Beitrag leisten. Kirche ist da für Schwache und Kranke – das hat sich gezeigt.“


Dekanin Sabine Waldmann (63) ist seit Oktober 2015 in Öhringen als Dekanin tätig. Davor war sie unter anderem als Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Wernau im Einsatz. Sie absolvierte zahlreiche Fortbildungen in der Seelsorge, eine Ausbildung als Systemische Familientherapeutin und als Traumatherapeutin. Hier bewegt sie unter anderem die Frage, wie Theologie und Lebensschicksale zusammenpassen. In Seelsorge und Beratungen hat Dekanin Waldmann Menschen dabei begleitet, Wege aus hoffnungslosen Situationen zu finden und zu begreifen, wie Worte, Bilder und Träume der Bibel uns alle berühren und bewegen können.

Pfarrerin Ingrid Wöhrle-Ziegler (55) arbeitet seit sieben Jahren als Pfarrerin der Evangelischen Diakonissenanstalt und als Krankenhauspfarrerin im Diakonie-Klinikum Stuttgart. Für die Arbeit im Krankenhaus hat sie unter anderen Ausbildungen zur Ethikberaterin und zur Palliative-Care-Fachkraft absolviert. Zu ihren Aufgaben gehört neben der Seelsorge auf der Palliativstation, der Intensivstation und die Quarantänestation auch die Leitung des Seelsorgeteams. Zuständig ist sie zudem für die geistliche Begleitung der Patienten und Mitarbeitenden durch Gottesdienste und Andachten. Sie ist zudem die Vorsitzende des Ethik-Komitees.

Pfarrer Achim Esslinger (Jahrgang 1965) ist seit 2018 als Krankenhausseelsorger an der Klinik am Eichert in Göppingen sowie als koordinierender Notfallseelsorger für den Landkreis Göppingen tätig. Die Vernetzung der verschiedenen Professionen im Krankenhaus ist ihm ein besonders Anliegen, nicht nur in Corona-Zeiten. Vor seiner derzeitigen Aufgabe war Pfarrer Esslinger von 2010 bis 2018 als Krankenhausseelsorger am Rems-Murr-Klinikum Winnenden beschäftigt. Seit 2008 arbeitet er zudem am Seminar für Seelsorgefortbildung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mit.


Achim Esslinger im Gespräch mit der Radioredaktion des Ev. Medienhauses Stuttgart