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Lachen hat eine große spirituelle Dimension

Dr. Eckart von Hirschhausen über Humor, Medizin und den Glauben

Am Samstag, den 23. April, stand Dr. Eckart von Hirschhausen beim zweiten Kirchengemeinderatstag der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in der Schwabenlandhalle in Fellbach auf der Bühne. In seinem Vortrag „Humor hilft heilen“ ging es unter anderem um den Zusammenhang von Lachen und Gesundwerden. Was Martin Luther und die Reformation damit zu tun haben, hat er im Interview mit Jens Schmitt erklärt.

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© Frank Eidel

Der zweite Kirchengemeinderatstag dreht sich um Martin Luther und das bevorstehende Reformationsjubiläum 2017. Welche Bedeutung hat für Sie die Reformation?
Martin Luther hat viel in Bewegung gebracht, vielleicht mehr, als er anfangs ahnen konnte. Seine Überzeugung, dass der Mensch in der Beziehung zu Gott keine Zwischenhändler braucht und auch keine Fegefeuer-Fristen-Fritzen, war revolutionär. Ebenso der Gedanke, dass Menschen Texte, die sie angehen, in einer verständlichen Sprache lesen können sollen. Da ist die Medizin bis heute nicht drauf gekommen! Und als ich einmal das Ärztelatein für mein erstes Buch „Arzt-Deutsch“ ins Verständliche übertrug, wurde mir klar, was er da mit der ganzen Bibel geleistet hat. Respekt!

Wo sehen Sie die Verbindung von Medizin und Kirche?
Meiner Meinung nach geht man heute mit vielen Fragen, für die früher der Pfarrer zuständig war, eher zum Coach, Schamanen oder Astrologen. Alternative Ernährungsformen und Medizin sind für manche eine Ersatzreligion geworden, und im Gegenzug hat die Medizin ihre spirituelle Wurzel verraten. „Charité“ kommt ja nicht von Shareholder-Value sondern von Caritas, der Nächstenliebe. Daher ist es für mich auch ein Thema, inwieweit man auch Krankheit, Gemeinschaft und Heilung wieder stärker in den Gottesdienst integrieren kann, ohne unseriöse Versprechen oder neue Abhängigkeiten zu schaffen, wie leider bei einigen sektenartigen Gruppierungen zu beobachten ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich in kirchliche Gefilde wagen. Beispielsweise beim Kirchentag letztes Jahr in Stuttgart waren Sie an mehreren Programmpunkten beteiligt, unter anderem bei einer Bibelarbeit. Humor und Kirche, wie passt das zusammen?
Wir kommen aus Staub, wir werden zu Staub, deshalb meinen so viele Menschen, es muss im Leben darum gehen, viel Staub aufzuwirbeln. Und in dem Punkt sind sich seltsamerweise alle Religionen der Welt im Kern einig: Darum geht es nicht. Ich finde es komisch, dass wir eine Sehnsucht nach Höherem in uns eingebaut haben, aber nicht schlau genug sind, den Sinn auch zu finden. Aber was, wenn der Sinn wäre, darüber gemeinsam nicht zu verzweifeln, sondern zu lachen?

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Darf man Ihrer Meinung nach Witze über den Glauben machen?
Es gibt verschiedene Arten zu lachen. Lachen mit jemandem oder lachen über jemanden. Gruppen bilden sich entweder durch gemeinsame Feinde – genau das hat Jesus ja durchbrochen mit dem Gebot, auch seine Feinde zu lieben – oder aber auch durch gemeinsame Werte und Offenheit, seine eigenen Macken zu zeigen und darüber zu lachen. Warum hat Jesus die Kinder so gemocht? Kinder lachen 400 Mal am Tag, Erwachsene nur noch 20 Mal, Tote gar nicht. Da erkennt auch der statistische Laie die Tendenz. Über sich selbst zu lachen ist nichts Oberflächliches, sondern ein Zeichen tiefer Einsicht in die Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz. Lachen hat eine große spirituelle Dimension und Tradition. Dass einige Kirchenväter das pauschal als Laster empfunden haben, zeigt vielleicht eher die Sorge um die anarchische Kraft des Humors, die auch keine Angst vor falschen Autoritäten hat. Zum Glück gibt es auch das Osterlachen in der christlichen Tradition, die Idee: der Tod und der Schmerz behalten nicht das letzte Wort. Oder frei nach Nietzsche: Mehr Menschen würden sich für Jesus interessieren, wenn diejenigen, die den Erlöser bekennen, auch ein wenig erlöster aussähen.

Ein Witz: Jesus ist unterwegs und kommt in ein Dorf, in dem die Steinigung einer Ehebrecherin vorbereitet wird. Jesus mischt sich ein und sagt: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Ruhe kehrt ein. Es wird mucksmäuschenstill. Auf einmal fliegt von weit hinten ein Stein auf die Angeklagte. Darauf Jesus: „Mutter, hör auf! Du nervst.“ Jetzt Sie!
Moshe und Adam stehen in Amsterdam im Museum vor einem Rembrandt-Bild der Heiligen Familie und betrachten eingehend die Motive. „Nu sag mir, Moshe, warum sind die Herrschaften da in einem Stall?“ „Nu, Adam, sie waren sehr arme Leute.“ „Und warum liegt das Kind bei Ochs und Esel?“ „Sie hatten wirklich keine andere Bleibe.“ „Nu dann sag mir, wenn die waren so arm: Wie konnten sie es sich leisten, von Rembrandt gemalt zu werden?“

Spaß beiseite: Sie engagieren sich unter anderem für das internationale Netzwerk Singende Krankenhäuser e. V. Dessen Vision ist ein Gesundheitswesen, in dem den Menschen die heilsame Kraft des Singens erlebbar gemacht wird. Beim Pop-Oratorium „Luther“ zum Reformationsjubiläum 2017 sind Sie Projektpate. Zufall?
Nein, kein Zufall – Singen und Musizieren nehmen einen zentralen Platz in meinem Leben ein. Bei der Musik geht es für mich nicht um Perfektion, sondern um Freude. Singen ist einer der einfachsten Wege, gemeinsam Freude zu haben. Deswegen singe ich auch in meinem aktuellen Bühnenprogramm „Wunderheiler“ mit dem Publikum. Ich glaube, dass es an öffentlichen Orten fehlt, wo man mal nüchtern singen kann. Frauen gehen dafür zur Karaoke und Männer ins Fußballstadion.

Herr von Hirschhausen, vielen Dank für das Gespräch!