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"Wir müssen erst die Oberonkelin holen"

Das Heilbronner Waldheim Gaffenberg im Wandel der Zeit

Die Evangelischen Waldheime haben eine lange Tradition in Württemberg. Allein für den Großraum Stuttgart gibt es 18 Waldheime in der näheren Umgebung. Im ganzen "Ländle" sind es 45. Eines davon ist der Gaffenberg in Heilbronn. Marie-Louise Neumann hat sich dort einmal umgesehen.

Das Waldheim Gaffenberg in der Nähe von Heilbronn liegt auf einer Lichtung, umgeben von Tannen, Fichten und Pappeln. Martin Schneider ist die vier Kilometer von Heilbronn aus mit dem Auto gefahren, um seine Tochter frühzeitig abzuholen. Ein großes Eisentor versperrt den Zutritt zum Gelände. Hinter dem Tor sitzen drei Jugendliche, ein Junge und zwei Mädchen, im Alter von 16 Jahren: „Sie können nicht durch, wir müssen erst die Oberonkelin holen.“ Schneider muss warten: Niemand kommt einfach so an den Gaffenberger Sheriffs vorbei. Eine junge Frau im schwarzen Zylinder kommt auf das Tor zugeeilt, die Jugendpfarrerin und Oberonkelin Stefanie Kress. Nachdem Martin Schneider seine Tochter beschrieben hat, beauftragt Stefanie Kress einen ihrer Sherriffs, das Mädchen zu holen.

Sheriffs, Tanten, Onkel und Oberonkelinnen im Zylinder: Was ein wenig nach Disneyfilm klingt, hat auf dem Gaffenberg eine lange Tradition. 90 Jahre gibt es das größte Waldheim Europas nun schon. Und so alt wie das Waldheim sind auch die Bezeichnungen für die Betreuer. Aber der Reihe nach: 1921 wurde in Stuttgart-Feuerbach das erste Waldheim Baden-Württembergs gegründet. Ziel des von den evangelischen Gemeinden getragenen Heims war es, den Stuttgarter Kindern einen Platz zur Erholung zu geben. Der Erste Weltkrieg war gerade vorüber, und viele Familien lebten in Armut. In den Waldheimen sollte den Kindern ein Platz jenseits der Tristesse der Stadt gegeben werden.

1927 wurde Theodor Zimmermann, ein ehemaliger Stuttgarter Pfarrer, nach Heilbronn versetzt. Er war überzeugt, dass auch die Heilbronner Kinder den Sommer in einem Waldheim verbringen sollten. Innerhalb von fünf Monaten kümmerte er sich um ein Grundstück im Wald, trommelte ein Leitungsteam und Ehrenamtliche zusammen und ernannte sich selbst zum „Oberonkel“, quasi dem „Waldheimhauptorganisator“. Die Organisationsstruktur hat sich seitdem auf dem Gaffenberg nicht verändert.

Leiter des Waldheims ist der Oberonkel. 2014 wurde mit Christine Marschall der Begriff der Oberonkelin eingeführt. Der Rest der Leitung besteht aus der Obertante, die für das Bastelmaterial zuständig ist, der Bürotante, dem Wirtschaftsonkel, der die Lebensmittel verwaltet und die Küche beaufsichtigt, sowie dem Obersheriff. Eine Ebene darunter sind die freiwilligen Helfer, die je nach Geschlecht Onkel oder Tante sind.

Oberonkelin bzw. Oberonkel ist auf dem Gaffenberg automatisch die Jugendpfarrerin oder der Jugendpfarrer. So kam auch Stefanie Kress an diesen Posten, obwohl sie vorher gar keine Beziehung zum Waldheim hatte. „Ich trage nie einen Talar und trotzdem blühe ich hier als Pfarrerin voll auf“, sagt sie. Als Oberonkelin ist sie vor allem für die Betreuung der 120 Onkel und Tanten des Gaffenbergs zuständig. „Ich glaube, dass ich hier mehr seelsorgerische Arbeit leiste als ich das in einer normalen Gemeinde würde“, betont sie.

In diesem Moment kommt die achtjährige Leni vorbei und gibt Kress eine Karte. „Ich hab ein Geschenk für dich“, sagt sie. Auf der Karte steht: „Gaffenberg ist das coolste Erlebnis der Welt.“ Daneben hat das Mädchen den orangefarbenen Bär Melchor, das Maskottchen des Gaffenbergs, gemalt. „Jetzt hast du deinen Hut wieder auf“, sagt sie und deutet auf den Zylinder von Kress. „Den hab ich doch immer auf“, sagt Kress. Der schon leicht abgegriffene Zylinder gilt als Erkennungszeichen der Oberonkelin.

„Die Waldheime sind für die Gemeinden wichtiger denn je, um Kindern einen Zugang zur Religion zu verschaffen“, sagt Jörg Schulze-Gronemeyer, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Evangelische Ferien- und Waldheime in Württemberg. Während bis in die 1950er Jahre hinein ein Großteil der Familien religiös geprägt war, hat der Anteil der Kinder, die zuhause eine christliche Erziehung erhalten, seit den 70er Jahren stark abgenommen. „Viele Eltern sind der Kirche durchaus gewogen, kümmern sich jedoch nicht aktiv um die Vermittlung der evangelischen Werte“, so Schulze-Gronemeyer.

Der Gaffenberg ist den Heilbronnern wichtig. „Oft zahlen gut situierte Eltern den Preis für ihr Kind und den für ein Kind aus ärmeren Verhältnissen gleich mit“, sagt Kress. Eltern, die früher selbst auf dem Gaffenberg Onkel und Tanten waren, verspüren laut Kress den Wunsch, diese Erfahrung auch anderen Kindern zu vermitteln. Der Gaffenberg erhält im Jahr mehrere 10.000 Euro an Spendengeldern von Privatpersonen und von der Stadt. „So können wir gewährleisten, dass der Waldheimgedanke, dass alle Kinder gemeinsam spielen sollen, aufrechterhalten wird“, sagt Kress. Seit den 80er Jahren fördert der Gaffenberg die Inklusion von Kindern mit Behinderung. Seit 2015 gibt es ein Kennenlern-Wochenende für Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Die Oberonkelin fährt dann mit Onkeln und Tanten in einem eigens gemieteten Bus zu den Flüchtlingsunterkünften und nimmt Kinder und Eltern mit zu Kuchen und Spielen auf dem Gaffenberg.

Über 80 Kinder auf dem Gaffenberg stammen aus Flüchtlingsfamilien, insgesamt kommen jedes Jahr über 2.000 Kinder. Die Freizeit wäre bei so vielen Kindern ohne die Hilfe der ehrenamtlichen Onkel und Tanten nicht zu stemmen. „Wir haben nie Probleme, Freiwillige zu finden, ich hatte sogar Angst, dass ich Interessenten absagen muss“, berichtet Kress. Für die Jugendlichen sei es eine wertvolle Erfahrung, Verantwortung zu übernehmen und die Programme für die Kinder weitgehend frei zu gestalten. „Wir sind schon wie eine kleine Familie hier“, meint auch Kress. Ab und An verlieben sich ein Onkel und eine Tante ineinander und heiraten sogar. „Teilweise haben wir hier richtige Familien-Dynastien auf dem Gaffenberg“, sagt Kress. So sind viele Kinder im Waldheim, deren Großeltern bereits dort waren.

Schon die Großeltern? Wie hat das Waldheim das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg überstanden? „Der Gaffenberg stand schon immer für Zivilcourage“, so Kress. Die NSDAP drohte 1935 dem damaligen Oberonkel Werner Reininghaus die Fördergelder zu streichen, sollte der Gaffenberg weiterhin jüdische Kinder aufnehmen. Reininghaus soll daraufhin entgegnet haben: „Dann streicht sie doch!“ Erhalten ist ein Brief von Reininghaus an den Oberkirchenrat, in dem er um finanzielle Unterstützung bittet, da ein Großteil der Finanzen weggebrochen sei. 1945 wird der Gaffenberg durch einen Jagdbomber schwer beschädigt. Der Geist des Leitungsteams ist jedoch ungebrochen: Bereits ein Jahr später findet die nächste Sommerfreizeit statt.

„Dem Gaffenberg wohnt ein Zauber inne“, sagt Kress. Sie ist überzeugt, dass es die Waldheime auch in 20 Jahren noch geben wird. „Wir brauchen hier keine Smartphones oder Fernseher, es geht nicht um Technik, es geht um die Gemeinschaft“, sagt sie. Kress glaubt, dass Kinder in der Zukunft vielleicht mehr denn je den Wunsch verspüren, der Enge der Stadt zu entfliehen, „um sich im Wald mal richtig dreckig zu machen.“