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Begegnungen wirksamer als Zahlen

Flüchtlingsdiakonin Annette Walter

Sie hat eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskauffrau absolviert, ist in Buchhaltung, Controlling und Verwaltung firm, hat reichlich Berufserfahrung bei einem Automobilzulieferer und in einer Weingärtnergenossenschaft gesammelt und dann noch einmal studiert: Diakoniewissenschaft und soziale Arbeit. Annette Walter, 48, verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern, ist eine von rund 1.200 aktiven Diakoninnen und Diakonen in der württembergischen Landeskirche. Sie wollte schon immer „die Kirche im täglichen Leben repräsentieren und gleichzeitig dafür sorgen, dass Menschen am Rande der Gesellschaft eine Fürsprecherin in der Kirche haben“, sagt sie. „Die christliche Botschaft durch die Tat verkündigen“, nennt sie das. Seit rund eineinhalb Jahren ist sie Flüchtlingsdiakonin in der Prälatur Heilbronn. Seitdem hat sich ihr Aufgabengebiet grundlegend verändert.

EMH/privat

Anfangs ging es ihr noch darum, die Menschen für die Themen Flucht und Vertreibung zu sensibilisieren. „Die meisten kannten Flüchtlinge ja nur aus dem Fernsehen“, erinnert sie sich. Heute sind sie in allen Gemeinden angekommen und im Alltagsbild präsent. Auch im ländlichen Raum. „Das wirft bei manchen Leuten ganz dunkle Fragen und Befürchtungen auf. Etwa ob man die Tochter noch alleine zur Bushaltestelle gehen lassen könne, wenn rund 100 syrische Männer in der Nähe wohnen“, sagt Walter. Sie nehme diese Befürchtungen wahr und ernst, gehe auf die Menschen zu und ermutige sie, Flüchtlinge persönlich kennenzulernen. „Ich halte das für wirksamer als die Argumentation mit Zahlen und Fakten, die aber auch sein muss.“

Die Zahlendiskussion dominiere leider überhaupt die öffentliche Auseinandersetzung in diesem Bereich. Und keine der Zahlen sei wirklich verlässlich. Auch die Zahl derer, die zu einem bestimmten Zeitpunkt Asyl beantragten, sage noch nichts darüber aus, wer aufgrund persönlicher Verfolgung Aussicht auf Asyl habe, wer aufgrund der Genfer Flüchtlingskonvention geduldet würde, bis sich die Situation im Herkunftsland gebessert habe, und wer weiterreise oder gleich ins Herkunftsland zurück müsse. Das sei alles schwer abzuschätzen. „Dennoch müssen wir täglich unsere Entscheidungen treffen und schauen, dass die Leute ein Dach über den Kopf bekommen. Wir reagieren mehr, als dass wir verlässlich planen könnten.“

An einen Acht-Stunden-Tag ist längst nicht mehr zu denken. Einen fest strukturierten Tagesablauf gibt es in ihrem Beruf ohnehin nicht so häufig. „Ich freu mich, wenn ich mal einen ganzen Tag im Büro sein kann, Telefonate führen, Termine vorbereiten und mich in Themen einarbeiten kann“, sagt sie. Das ist in den vergangenen Tagen und Wochen kaum mehr der Fall: „Ich bin noch viel mehr als sonst in der Prälatur unterwegs, habe viele Abendtermine und komme oft spät heim.“ Das Erfreuliche sei, dass die Hilfsbereitschaft vieler Menschen ungebrochen ist. Es gibt immer mehr, die für Flüchtlinge spenden oder helfen wollen. Da fragt ein Theater an, das das Thema aufgreifen will. Schulklassen melden sich bei ihr. Es entstehen immer neue Asyl-Arbeitskreise. „Aber die Leute machen auch die Erfahrung, dass es nicht reicht, den Flüchtlingen ein Fahrrad vor die Tür zu stellen, sondern dass man auch einen Überblick über die Gesetzeslage haben sollte und eine Vorstellung davon, was in den Herkunftsländern geschieht.“ Auch da ist sie als Flüchtlingsdiakonin gefragt. Die Begleitung der Ehrenamtlichen gehört zu ihren Kernaufgaben.

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Der Aufruf des Landesbischofs, Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen, hat gewirkt, da ist sich Annette Walter sicher: „Es werden den Landkreisen tatsächlich Wohnungen zur Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung gestellt und manche Kirchengemeinde überlegt, wohin die Gruppen und Kreise ausweichen könnten, damit sie zumindest für die Winterzeit ihr Gemeindehaus als Flüchtlingsunterkunft anbieten kann.“ Doch die Konkurrenz auf dem leergefegten Wohnungsmarkt bleibt bittere Realität. Das bekommen auch die Klienten aus den anderen Bereichen der Diakonie und der Sozialberatung deutlich zu spüren. Ältere mit geringen Renten oder chronisch Kranke etwa. Eine Situation, die ausgenutzt werden kann von denen, die ein Interesse daran haben. Eigentlich wäre ein groß angelegtes soziales Wohnungsbauprogramm nötig, meint sie. Nicht nur vom Staat, auch von der Kirche und diakonischen Trägern. Gepaart mit einem ordentlichen Quartiersmanagement. 

Annette Walter erinnert an die Anschläge auf Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte. „Früher, da war das auch schlimm, aber räumlich weit weg. Jetzt hat es in Remchingen gebrannt, in Unterweissach und in Wertheim.“ Bedrückend sei das. Und manche der Erfahrungen gebe man am Feierabend auch nicht an der Garderobe ab: „Ich versuche mir dann, manche Freiräume zu schaffen, auch die eine oder andere Sendung zum Thema nicht anzuschauen, mal was Schönes zu kochen.“ Ihre Familie gibt ihr Kraft und dazu ihr Team, das sich gut ergänzt. „Und ganz vieles nehme ich mit ins Gebet“, sagt sie. Aber die Befürchtung, dass die Stimmung in der Bevölkerung kippt, der fragile soziale Friede bricht und etwas ins Wanken gerät, bleibt. „Ich will alles, was mir möglich ist, dafür tun, dass die Bereitschaft zum sozialen Engagement in der Bevölkerung anhalten wird.“ Denn dieses Engagement macht die Situation in den Unterkünften erträglich. Und hilft bei der Integration. Und dennoch wird sie auch immer wieder Nein sagen und die Entscheidung treffen müssen: „Was tue ich und was lasse ich?“ Denn auch die Zeit und die Kräfte einer Flüchtlingsdiakonin sind endlich.

Manchmal denkt Annette Walter an den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart: „Da konnte man erleben, wie sich das anfühlt, wenn man merkt, dass wir ganz viele sind.“ Und sie wünscht sich dann, dass ihre Landeskirche zusammen mit andern jeden Montag zu einer Lichterkette einlädt. „Da könnte man auch zeigen, dass wir viele sind, die sich für eine solidarische Willkommenskultur stark machen und sich gegen Hetze, Hass und Gewalt wehren. Im Osten Deutschlands haben ja schon mal Kerzen und Gebete dazu beigetragen, eine Mauer ins Wanken zu bringen.“

Stephan Braun

Am Mittwoch, 18. November, findet die erste Landesversammlung der von der württembergischen Landeskirche berufenen Diakoninnen und Diakone sowie der Diakonen- und Diakoninnentag in Stuttgart statt.


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