| Flüchtlinge

Ein Pfarrhaus als Flüchtlingsunterkunft

Es gehört zur Geschichte der Pfarrhäuser, dass sie eine offene Tür für Menschen in Not haben. Einige Gemeinden gehen noch einen Schritt weiter: Sie lassen die hilfesuchenden Menschen sogar in ihren Pfarrhäusern wohnen. Zum Beispiel in Eschenbach. Dort leben syrische Familien in der Pfarrwohnung.

Die Eschenbacher Pfarrerin Karin Lindner hat seit Anfang September in den fünf Räumen im Obergeschoss des Pfarrhauses zwei syrische Familien untergebracht.EPD-Südwest

Göppingen (epd). Es ist ein schönes, 200 Jahre altes Fachwerkhaus - das Pfarrhaus in Eschenbach (Kreis Göppingen). Fast zwei Jahre stand dort die Pfarrwohnung leer. Die Eschenbacher Pfarrerin Karin Lindner hat zwar ihr Büro im Erdgeschoss des Hauses, im Pfarramt, aber wohnt aus privaten Gründen nicht am Ort. Jetzt wohnen seit etwas mehr als einem Monat in den fünf Räumen im Obergeschoss zwei syrische Familien. Wenn Lindner nun an ihrem Schreibtisch sitzt, hört sie über sich Kindergeschrei und Schritte. "Es ist schön, dass im Pfarrhaus endlich wieder Leben ist", sagt die Theologin.

Eschenbach ist nicht die einzige Kirchengemeinde, die in ihrem Pfarrhaus Flüchtlinge wohnen lässt: Laut Kirchensprecher Oliver Hoesch werden in mindestens zehn württembergischen Pfarrhäusern Flüchtlinge beherbergt. Wie eine epd-Umfrage ergab, wurden in den vergangenen Monaten mehr als 2.000 Flüchtlinge in Räumen der evangelischen und katholischen Kirche in Baden-Württemberg untergebracht.

Schon vor einem Jahr hatte die Eschenbacher Kirchengemeinde entschieden, die Wohnung an den Landkreis zu vermieten, der Raum für Flüchtlinge suchte. Seitdem warteten alle gespannt, wer wohl ins Pfarrhaus ziehen wird. Die zehn neuen Hausbewohner haben eine 3.700 Kilometer lange Reise hinter sich: Adnan al Khatib lebte mit seiner Frau und vier Kindern im syrischen Dara, dem Ort, der durch die ersten Proteste im März 2011 gegen die Regierung Assads bekannt wurde. 

Als die Sicherheitskräfte der Regierung gewaltsam gegen die Demonstranten vorgingen und es mehrere Tote und Verletze gab, floh er zusammen mit seiner Familie in den Libanon. Hier trennte sich al-Khatib von seiner Frau und den drei kleinen Kindern. "Die weitere Reise war zu teuer und zu gefährlich für die ganze Familie", meint der 43-Jährige.  

Zusammen mit seinem ältesten Sohn Osama reiste er nach Algerien und anschließend nach Libyen. Dort mussten die beiden 5.000 Dollar für die Überfahrt nach Italien zahlen, berichtet er. "Uns wurde gesagt, dass nur 50 Leute in dem 40 Meter großen Boot transportiert werden, doch dann waren es 350 Menschen." Er zeigt auf seinem Handy ein Foto, auf dem zusammengepfercht Menschen in einem Boot sitzen und Schwimmwesten oder Schwimmringe umklammern. "Wir hatten große Angst, zu ertrinken." Auch al-Khatibs Schwester Yasmeen und ihre eineinhalbjährige Tochter haben es mit ihm nach Eschenbach geschafft, leben nun aber auch getrennt vom Rest ihrer Familie. "Wir hoffen, dass alle nachkommen können", sagt Adnan al Khatib. Seine Stimme bricht, die Sorge steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Auch die sechsköpfige Familie Al Hosin al Naif hat eine dramatische Fluchtgeschichte. Sie wohnte in Damaskus, der Vater Akram hatte dort eine gute Stelle als Beamter im Verkehrsministerium. Ganz in der Nähe ihres Hauses verlief die Kampflinie zwischen Regierungstruppen und Rebellen, wo es regelmäßig zu Schusswechseln kam. Als es zu gefährlich wurde, schlug sich die Familie per Auto in die Türkei durch und von dort nach Bulgarien, wo sie für sieben Wochen in einem Flüchtlingslager in Zelten wohnten und anschließend in einem winzigen Raum unterkamen. 

"Der Raum war höchstens neun Quadratmeter groß, für die ganze Familie", erzählt Akrams Frau Seham, die gerade mit ihrem fünften Kind schwanger ist. Jetzt sind sie froh, nach eineinhalb Jahren Flucht eine Bleibe gefunden zu haben. "Wir danken Deutschland", sagt Akram al Hosin al Naif. Seine Frau bietet einen starken Kaffee an. Alle sitzen auf einfachen Holzstühlen. Noch ist der Raum der Familie kaum eingerichtet. Doch Menschen aus dem Ort haben ihnen alles geschenkt, was sie erst mal brauchen: Betten, Kleidung, Möbel. Auch ein Arbeitskreis Asyl hat sich gegründet, der der Familie helfen will.

Langsam beginnen die ersten Schritte der Integration: Der zwölfjährige Osama freut sich, nach drei Jahren Flucht wieder eine Schule zu besuchen, zwei der Kinder gehen in den Kindergarten vor Ort. Pfarrerin Lindner ist überwältigt von der breiten Unterstützung der Kirchengemeinde. Zwar sei es für einzelne am Anfang gewöhnungsbedürftig gewesen, dass Muslime in dem traditionsreichen Haus wohnen. Doch durch die sympathische Art der neuen Bewohner seien auch die letzten Bedenken verschwunden. "Sie waren sogar schon beim Erntedankfest im Kirchencafé." Wie ist es für die muslimischen Familien, in einem christlichen Pfarrhaus zu wohnen? "Wir haben damit kein Problem", sagt Adnan al Khatib. "Ich kenne schon aus Damaskus einige Christen. Das waren alles sehr nette Leute."

Quelle: Evangelischer Pressedienst (EPD)

Mehr News

  • Datum: 03.03.2024

    100 Jahre Trennung von Staat und Kirche

    Am 3. März 1924 legte der württembergische Landtag die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Beziehungen zwischen dem damaligen „Volksstaat Württemberg“ und der evangelischen Kirche, der römisch-katholischen Kirche und der israelitischen Religionsgemeinschaft neu fest.

    Mehr erfahren
  • Datum: 01.03.2024

    Halbzeit beim Fasten - ein Impuls

    Evangelische Christen müssen nicht fasten, aber viele tun es trotzdem. Der Sonntag Okuli am 3. März ist der dritte Sonntag der Passionszeit, sozusagen die Halbzeit beim Fasten. Dan Peter erklärt, was es im Protestantismus mit dem Fasten auf sich hat.

    Mehr erfahren
  • Datum: 01.03.2024

    Vesperkirche: „Ein wichtiges und gutes Zeichen“

    Am 2. März geht die 30. Stuttgarter Vesperkirche zu Ende. Sie ist die älteste Vesperkirche im Land und hat die Vesperkirchen-Bewegung maßgeblich geprägt. Gerlinde Kretschmann wird als Schirmherrin der Vesperkirchen am Abschlussgottesdienst um 16:00 Uhr teilnehmen.

    Mehr erfahren
  • Datum: 29.02.2024

    Bildungsforum 2024 – Evangelische Bildung stärken

    Wie sieht Bildung in evangelischer Perspektive aus? Wie können wir sie stärken und weiterentwickeln? Das Bildungsforum 2024 widmet sich am 22. März diesen Fragen. Mit Workshops, Impulsen und Raum für Austausch, für Haupt- und Ehrenamtliche. Anmeldung bis 8. März.

    Mehr erfahren
  • Datum: 29.02.2024

    „Dankbarkeit stark machen“

    Die Landeskirchenstiftung hat in ihrer Jahresfeier den aktuellen Stand der Stiftungsarbeit vorgestellt. Im Raum der Landeskirche gibt es 170 Stiftungen. Die Landeskirchenstiftung fördert selbst kirchliche Projekte und verwaltet das Vermögen von 100 Stiftungen.

    Mehr erfahren
  • Datum: 28.02.2024

    Digitalisierungs-Lotsen ausgebildet

    Mit einer Online-Abschlussveranstaltung haben 32 Teilnehmende eine fünfmonatige Weiterbildung der evangelischen Landeskirchen in Baden, Württemberg und Bayern zum Digitalisierungs-Lotsen abgeschlossen. Diese werden nun Gemeinden bei der digitalen Entwicklung unterstützen.

    Mehr erfahren
  • Datum: 27.02.2024

    Landesbischof Gohl würdigt Engagement für Toleranz, Vielfalt und Demokratie

    „Der ländliche Raum ist entscheidend in der Auseinandersetzung mit den Rechtsradikalen.“ Das sagte Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl bei der Preisverleihung des Amos-Preises des Gesprächskreises Offene Kirche an die Evangelische Kirchengemeinde Spremberg in Brandenburg.

    Mehr erfahren
  • Datum: 26.02.2024

    Dr. Jörg Schneider wird theologischer Dezernent

    Kirchenrat Dr. Jörg Schneider wird neuer Dezernent für Theologie, Gemeinde und weltweite Kirche im Oberkirchenrat. Er folgt in seinem neuen Amt auf Prof. Dr. Ulrich Heckel, der im Sommer in den Ruhestand geht. Das genaue Datum des Amtsantritts steht noch nicht fest.

    Mehr erfahren
  • Datum: 25.02.2024

    Sprachfähigkeit als Schritt zum Frieden

    Friedlich über den Nahostkonflikt zu sprechen, fällt bei konträren Meinungen schwer. Ein Leitfaden, der anlässlich des Weltgebetstags erschienen ist, hilft bei solchen schwierigen Themen. Marion Sailer-Spies, Referentin Weltgebetstag EFW, erklärt die Grundsätze.

    Mehr erfahren
  • Datum: 24.02.2024

    Spenden für Menschen in und aus der Ukraine

    Zum zweiten Jahrestag des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ruft die Diakonie Württemberg zur weiteren Unterstützung auf. „Die Not ist nach wie vor groß“ sagt Oberkirchenrätin Dr. Annette Noller, Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg.

    Mehr erfahren
  • Datum: 22.02.2024

    Zum zweiten Jahrestag des Angriffs auf die Ukraine

    Am 24. Februar jährt sich der Angriff Russlands auf die Ukraine zum zweiten Mal. Hier finden Sie ein Fürbitt-Gebet, das Kathinka Korn aus Eislingen aus diesem Anlass verfasst hat. Die Fachstelle Gottesdienst stellt weitere liturgische Materialien zur Verfügung.

    Mehr erfahren
  • Datum: 22.02.2024

    „7 Worte vom Kreuz“ – Chormusical zur Passion

    Was macht mein Leben wertvoll? Ist das hier alles oder kommt da noch was? Jesus hat vor 2.000 Jahren Antworten auf heute aktuelle Fragen gegeben. Im Chormusical „7 Worte vom Kreuz“ ist Albert Frey den Worten Jesu auf den Grund gegangen. Ab 2. März in Ludwigsburg.

    Mehr erfahren
Mehr laden