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Zu Gottes Wort auf zwei Rädern

Zehnter Motorradgottesdienst in Esslingen-Berkheim

Esslingen. „Dankbarkeit“ war das zentrale Thema beim Motorradgottesdienst im Esslinger Stadtteil Berkheim. Es war gleichzeitig die zehnte derartige Veranstaltung - und der Termin für die elfte steht bereits fest.

Nicht nur rund 300 Motorradfahrer aus dem Großraum Stuttgart feierten den Gottesdienst in Esslingen-Berkheim: Auch "Leute aus dem Ort, die man sonst das ganze Jahr nicht in der Kirche sieht", nahmen teil. So beschreibt es Organisator Otto Handel.Sabine Kraemer/EMH

Blauer Himmel, angenehme Sommertemperaturen und nur ein paar Wolken am Himmel, die bis auf einige wenige Tropfen dicht halten: Das Wetter ist wie gemacht für einen Ausflug mit dem Motorrad.

Etwa 300 Motorradfahrer aus dem gesamten Großraum Stuttgart - einige auch aus weiter entfernten Orten - machen sich am Sonntag auf. Sie alle haben das gleiche Ziel: den Steinriegelplatz außerhalb des Esslinger Stadtteils Berkheim.

Dort, während des Motorradgottesdienstes im Grünen, wollen sie Gottes Wort hören. Und die Geselligkeit unter Gleichgesinnten erleben. In diesem Jahr übrigens bereits zum zehnten Mal.

Idee in der Klausur

Wie in den neun Jahren zuvor hatten Otto Handel und seine Mitstreiter im Organisationsteam der evangelischen Kirchengemeinde Berkheim zum „Mo-Go“, wie sie den Motorrad-Gottesdienst im Grünen abkürzen, eingeladen.

Vor elf Jahren war die „Mo-Go“-Idee während einer Kirchengemeinderatsklausur geboren worden. Pfarrerin Sabine Nollek hatte damals in die Runde gefragt, welche neuen Aktivitäten sich ihre Kirchengemeinderäte vorstellen können.

„Otto, das machst du!“

Da musste Otto Handel – selbst passionierter Motorradfahrer – erst gar nicht lange überlegen. Mit Freunden aus dem Ort hatte er schon mehrfach an Motorradgottesdiensten auf dem Trautenhof im Hohenlohischen teilgenommen. Seit mittlerweile 40 Jahren gibt es dort diese besonderen Gottesdienste - und zwar an jeweils sechs Sonntagen im Sommer mit stets rund 1.000 Bikern.

In Esslingen-Berkheim sind die Motorradgottesdienste zwar nicht ganz so groß - aber auch sie haben inzwischen einen festen Platz im Gemeindeleben. „Otto, das machst du!“ So lautete damals bei der Klausur des Kirchengemeinderats die prompte Zustimmung der Pfarrerin zum Vorschlag von Otto Handel. Mittlerweile kann er sich auf die Unterstützung von 38 Mitstreitern im Organisationsteam stützen.

Zwischen Kastanien, Nuss- und Obstbäumen

Das kirchliche Gartengelände zwischen Kastanien-, Walnuss- und Obstbäumen auf dem Steinriegelplatz schien Otto Handel und seinen Freunden optimal geeignet für Motorradgottesdienste. Dabei war es ihm von Anfang an wichtig, keineswegs den traditionellen Gottesdienst in der Kirche zu ersetzen, sondern ein zusätzliches Angebot zu machen.

„Vielleicht sollten wir uns jeden Tag aufs Neue fragen, wofür wir heute dankbar sein dürfen.“

Werner Berr, Prädikant der Evangelischen Landeskirche in Bayern

„Leute, die man sonst nicht sieht“

Eines freut Otto Handel dabei besonders: „Zum Motorradgottesdienst machen sich auch Leute aus dem Ort auf den Weg, die man das ganze Jahr nicht in der Kirche sieht.“ Wenn es sonst vielleicht Berührungsängste gegenüber der Kirche gibt - hier bestehen sie nicht.

Kaffee und Hefezopf

Tradition ist, dass die Biker nach ihrer teils langen Anfahrt erst einmal gemeinsam frühstücken. Kaffee und Hefezopf – mit und ohne Rosinen – und ein großes Hallo unter den Zweirad-Fans gehen dem eigentlichen Gottesdienst voraus. Ganz so, wie es nach dem Gottesdienst immer rote Würste vom Grill gibt.

„Die Väter“ treten auf

Ebenso wenig wegzudenken ist seit Jahren die Musikgruppe „Die Väter“ – bestehend aus sieben Musikerinnen und Musikern aus dem Landkreis Esslingen – mit ihrer populären christlichen Musik. Auch beim Gottesdienst am Sonntag sind sie wieder mit dabei.

Unterstützung für Südamerika-Projekt

An vorderster Stelle steht für die Organisatoren die Motivation, die biblische Botschaft weiterzugeben und gleichzeitig ein Missionsprojekt in Südamerika zu unterstützen. Bisher kamen bei den Kollekten der Motorrad-Gottesdienste auf dem Steinriegelplatz rund 9.000 Euro für die Deutsche Indianer Pionier Mission zusammen.

Mit dem Geld wurden und werden Reparatur beziehungsweise Neubeschaffung von Motorrädern finanziert, mit denen Mitarbeiter bei indigenen Völkern in Südamerika unterwegs sind. Aber es geht auch darum, den Gemeindeaufbau zu stärken oder Anleitung in Fragen von Landwirtschaft, Ernährung und Gesundheitsfürsorge zu geben.

Otto Berr, Prädikant der bayerischen Landeskirche, predigte während des Motorradgottesdienstes in Esslingen und rief zu Dankbarkeit auf.Sabine Kraemer/EMH

Dankbarkeit

Auf dem Trautenhof, wo sich Otto Handel einst die Idee für den „Mo-Go“ in Berkheim abgeschaut hat, heißt der Initiator Werner Berr; er kommt aus dem fränkischen Kaubernheim.

Berr ist Prädikant  der Evangelischen Landeskirche in Bayern, fährt seit 53 Jahren Motorrad und ist am Sontag aus Franken angereist, um Fürbitten und Predigt beim Jubiläumsgottesdienst zu halten. Sein großes Thema: Dankbarkeit - und die Versuchung, zu vieles als selbstverständlich zu erachten.

„Vielleicht sollten wir uns jeden Tag aufs Neue fragen, wofür wir heute dankbar sein dürfen“, motiviert er die „Mo-Go“-Besucher, häufiger dankbar zu sein - auch für „Halbheiten“. Dies sei besser, als immer nur nach Perfektion zu streben.

Zurückmelden bei Jesus

Und noch eine Bitte gibt Berr seiner vornehmlich in Leder gekleideten Gemeinde mit auf den Weg: „Was hindert uns, uns bei Jesus zurückzumelden, den Faden wieder aufzunehmen wie zu einem alten Freund, zu dem man lange keinen Kontakt mehr hatte?“

Er selbst zeigt sich gegenüber elk-wue.de dankbar dafür, dass er in seiner 53-jährigen „Motorradfahrer-Karriere“ bislang keine größere Unfälle hatte - und Stürze weitgehend folgenlos geblieben sind.

Wie viele Schutzengel seine 800er BMW begleiten? „Keine Ahnung, das überlasse ich dem lieben Gott.“

Planungen für 2020

Der Termin für den nächsten Motorradgottesdienst in Esslingen-Berkheim steht übrigens schon fest: Er soll am Sonntag, 19. Juli 2020, gefeiert werden.


Sabine Kraemer