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„Ihr seid gesegnet!“

Pfingstbrief des Landesbischofs

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July wendet sich in einem Pfingstbrief an die Pfarrer, Kirchengemeinderäte und Gemeindeglieder der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. In seinem Brief macht er Mut, hoffnungsvoll auf die Zukunft zu schauen und das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen und bezeugen.

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Landesbischof Frank Otfried July © EMH/Gottfried Stoppel

 

Liebe Pfarrerinnen und Pfarrer,

liebe Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte,

liebe Gemeindeglieder,

„Ihr seid gesegnet!“ – Mit diesen Worten verabschiedete sich Mayanga Pangu am Ende seines Besuchs in Württemberg.

Anfang Mai fand in unserer Landeskirche die erste ökumenische Visite statt. Christinnen und Christen aus Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika haben miteinander Kirchengemeinden und Einrichtungen unserer Landeskirche besucht. Bereits jetzt ist deutlich, was sie unserer Landeskirche mitgeben wollen.

Mayanga Pangu aus unserer Partnerkirche in Montbeliard sagt: „Ihr seid gesegnet!“ Und er meint damit: Vieles, was ihr tut, kann euch glücklich und dankbar machen. Die vielen Menschen, die sich engagiert für ihre Kirche und diese Welt einsetzen. Die großartigen Ideen, mit denen ihr das Evangelium anschaulich und zeitgemäß verkündet. Die Hingabe, mit der ihr euch der Gesellschaft diakonisch zuwendet und die Gemeinschaft, die dabei immer wieder neu entsteht.

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Gäste der ersten ökumenischen Visite in Württemberg zusammen mit Landesbischof July und Kirchenrat Klaus Rieth © Michael Schneider / EMH

Die Gruppe der ökumenischen Gäste hat noch eine zweite Botschaft für unsere Kirche: „Habt keine Angst vor Veränderungen!“ Die das sagen, leben in ihren eigenen Ländern oft unter schwierigen Verhältnissen. Wer Kirche so erlebt wie die Menschen in unseren Partnerkirchen, dem kommen viele unserer Fragen und Sorgen hier in Württemberg wie Sorgen aus einer anderen Welt vor. Dieser Blick von außen ist heilsam, weil er uns hilft, unsere Kirche immer wieder in einem neuen Licht zu sehen.

Für solche Perspektivwechsel ist das Pfingstfest eine gute Gelegenheit. Angesichts unserer Herausforderungen lassen wir uns durch die Impulse der weltweiten Gemeinschaft der Christinnen und Christen inspirieren. Eine pfingstliche Kirche kann sich durch den Geist Gottes aus der Selbstfixierung lösen lassen und offen werden für ungewohnte und ungewöhnliche Wege in die Zukunft.

Pfingstmut macht uns gelassen und tatkräftig zugleich. Und neugierig: Wohin wird uns Gottes Geist bewegen? Zu welchen Neuanfängen macht uns der pfingstliche Geist Mut?

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,

sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

2. Timotheus 1,7

Kraft, Liebe und Besonnenheit sind Gaben des Geistes, die uns frei machen, das Wichtige vom weniger Wichtigen unterscheiden zu lernen. Besonnen zu handeln, das heißt: konzentriert zu handeln. 

Das ermutigt Menschen, die sich leidenschaftlich für die Kirche einsetzen. Viele von ihnen empfinden den Segen, von dem die ökumenischen Gäste sprechen – das, was uns anvertraut ist – zuweilen als Last. Als Last, weil es die Erwartung weckt, dass dieser Segen auch unmittelbar sichtbar wird in dem, was in der Gemeinde „läuft“. Viele Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte, Pfarrerinnen und Pfarrer melden in den Visitationen zurück, dass sie sich überfordert fühlen: Zu viel liegt auf den Schultern von zu wenigen. Und dazu wird oft wahrgenommen, dass die vielen Anstrengungen zu wenig Widerhall finden. „Wenn gut vorbereitete Gottesdienste und Veranstaltungen zu wenig Menschen ansprechen, kann das schon frustrieren“, sagte mir ein Kirchengemeinderat erst vor einigen Wochen.

Aus dem Satz des Timotheusbriefs können wir Kraft zur Konzentration schöpfen. Wir im Oberkirchenrat versuchen, diese Konzentration durch die Strategische Planung der Landeskirche umzusetzen: „weniger ist mehr“. Wir verabschieden uns damit von der Vorstellung, den „Erfolg“ in unserer Kirche durch immer mehr Aktivität „produzieren“ zu können. 

In der Konzentration auf das Wesentliche liegt ein Segen. Wir halten inne und fragen: Was soll unsere Kirche in Zukunft ausmachen? Wofür stehen wir im Kern, wenn angesichts schwindender äußerer Mittel notwendige Abschiede von liebgewordenen Angeboten bevorstehen? 

Wenn wir Menschen fragen, was sie von ihrer Kirche vor Ort erwarten, dann hören wir: Sie soll erkennbar „Kirche“ sein. Das bedeutet, dass wir das Evangelium von Jesus Christus, das uns zur Kirche macht, in die Mitte stellen und in Wort und Tat verkündigen und bezeugen. 

Ich wünsche uns den Mut, den Menschen in einer sich verändernden Welt das Evangelium von Jesus Christus ausdauernd und beharrlich weiterzugeben.

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July

Ich wünsche uns den Mut, den Menschen in einer sich verändernden Welt das Evangelium von Jesus Christus ausdauernd und beharrlich weiterzugeben. Ich wünsche uns die Geisteskraft, als Volkskirche unsere missionarische Existenz weiterzuentwickeln zum Segen aller. Dies zeigen wir in unserem vielfältigen Frömmigkeitsverhalten, immer getragen durch die tiefe Glaubensüberzeugung, dass wir Worte weitergeben dürfen, die sich Menschen nicht selbst sagen können, und Taten der Liebe, die ihnen Gottes Gegenwart zeigen.

Dabei vergleichen wir uns nicht mit früheren Zeiten, anderen Umständen, anderen Möglichkeiten; wir schauen auch nicht gebannt auf düstere Prognosen. Der Geist schenkt uns den Mut zum Beharren im Glauben – der uns gleichzeitig die Bereitschaft für Veränderung ermöglicht. Ich wünsche und bete, dass wir spüren, wie der Geist Gottes selbst unser Tröster ist. 

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Pfingstzeit und immer neue Erfahrungen mit einer Kirche, die sich ermutigen lässt, ihren Segen wahrnimmt und weitergeben kann. Teilen Sie diese Erfahrungen mit anderen und schreiben Sie mir, wenn Sie eine solche Erfahrung mit mir teilen möchten.

Ein gesegnetes Pfingstfest

Dr. h. c. Frank Otfried July


Pfingstbrief des Landesbischofs

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07.06.2019

Pfingstbrief 2019