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Kirchengemeinderatstag in Fellbach

Begegnung, Kabarett, Talks, Workshops und mehr

Am Samstag, 6. April, hat der dritte Kirchengemeinderatstag der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in der Fellbacher Schwabenlandhalle stattgefunden. Auf Einladung von Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July haben Hunderte Kirchengemeinderätinnen und -räte ein abwechslungsreiches Programm erlebt, sich über ihre Arbeit ausgetauscht und in Workshops Themen vertieft.

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Rund 1.000 Kirchengemeinderätinnen und -räte sind Landesbischof Julys Einladung in die Fellbacher Schwabenlandhalle gefolgt. © EMH/Gottfried Stoppel

July: „Sie machen unsere Kirche erst zur Volkskirche“

„Sie zeigen, dass Glaube und Kirche es Ihnen wert ist, einen wichtigen Platz in Ihrem Leben einzunehmen. Sie machen ernst mit unserer Kirche und machen unsere Kirche erst zur Volkskirche – zusammen mit den 150.000 Ehrenamtlichen“, dankte Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July den rund 1.000 Kirchengemeinderätinnen und -räten in der Fellbacher Schwabenlandhalle. Kirchengemeinderäte seien bereit, ganz alltägliche und praktische Dinge zu regeln. Sie stellten sich aber auch ganz großen Fragen wie Pfarrplan, Kirchenfusion und Bauprojekten. „Sie setzen sich mit komplexen Fragestellungen auseinander und arbeiten gemeinsam für die beste Lösung. „Vielen Dank dafür, dass Sie das tun und wie Sie das tun“, so der Landesbischof.

In den kirchlichen Gremien kämen Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und Erfahrungen, unterschiedlicher Frömmigkeit und unterschiedlichen biblischen Ansichten zusammen, um gemeinsam Gemeinde zu gestalten. Er sehe diese Vielfalt als Bereicherung, aber auch aus Herausforderung. Christliche Gemeinschaft lasse den Glauben wachsen und sei kein Selbstzweck – weder im Kirchengemeinderat noch in der Kirchengemeinde, betonte July. Priorität habe der Glaube, alles andere leite sich davon ab. Die kleinen und die großen Entscheidungen hätten das Ziel, Gott und den Menschen zu dienen. Das helfe auch im Umgang miteinander. Die christliche  Gemeinschaft sei ein Geschenk. „Es ist schön, wenn wir uns das heute wieder einmal bewusst machen und sehen: wir sind viele“, so July. „Seien Sie Gesegnete – Sie sind ein Segen.“

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Synodalpräsidentin Inge Schneider im Gespräch mit Moderatorin Jenny Winkler. © EMH/Gottfried Stoppel

Inge Schneider: Kirchengemeinderäte sind geistliche Leitungsgremien

Die Präsidentin der württembergischen Landessynode Inge Schneider nahm Bezug auf die bevorstehenden Kirchenwahlen am 1. Dezember. „Kandidieren Sie wieder, wir brauchen Menschen mit Ihren Erfahrungen in den Kirchengemeinderäten. Wir brauchen aber auch junge Menschen, die ihre Sicht der Dinge einbringen. Sie werden auch gewählt“, sagte sie. Wer Menschen für die Kirchengemeinderatsarbeit motivieren möchte solle sich nicht von der Frage leiten lassen: wer passt zu uns? Vielmehr gelte es zu fragen: „Wer fehlt, damit wir andere erreichen?“

Kirchengemeinderäte hätten nicht nur mit Pfarrplänen, Gemeindefusionen und anderen Verwaltungsfragen zu tun. Sie seien vielmehr ein „geistliches Leitungsgremium“. Deshalb habe die Landesynode zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit Kirchengemeinderäte auch auf Freizeiten gehen können, um sich mit ihren geistlichen Grundlagen zu befassen.

Umfrage unter den Gästen


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Sabine Kurtz, Vizepräsidentin des Landtags © EMH/Gottfried Stoppel

Landtagsvizepräsidentin dankt Kirchengemeinderäten

„Der interreligiöse Kontakt und Austausch wird für das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft immer bedeutsamer. Ich sehe eine große Aufgabe für unsere christlichen Kirchen und für uns in der Politik darin, hier das Gespräch und die Kommunikation zu befördern“, betonte die Landtagsvizepräsidentin Sabine Kurtz. Sie beobachte eine starke Zersplitterung in den Kirchen und der Politik. Es gelte, die Menschen über verschiedene Kulturen, Religionen und soziale Strukturen hinweg zusammenzuhalten. Den Kirchengemeinderäten komme dabei eine wichtige Rolle zu: sie seien hochengagiert, sie förderten den Austausch und das Werteverständnis im religiösen, sozialen und schulischen Bereich - und das alles ehrenamtlich. „Ich danke den Kirchengemeinderäten herzlich dafür, was Sie diesbezüglich für uns alle, für unser Miteinander und damit für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft leisten“, so die Parlamentarierin. Und ich wünsche Ihnen eine hohe Wahlbeteiligung bei den Kirchenwahlen am 1. Dezember.

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Oberbürgermeisterin von Fellbach Gabriele Zull © EMH/Gottfried Stoppel

Oberbürgermeisterin Gabriele Zull 

Die Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull kontrastierte die kirchliche Geschichte Fellbachs mit der Gegenwart. Ende des 18. Jahrhunderts habe der Ort noch als eine der Hochburgen des Pietismus im Königreich Württemberg gegolten. Der Alltag der Menschen war von tiefem Glauben durchdrungen, aus dem sich ein besonderes soziales Engagement entwickelte, so Zull. Heute lebten in Fellbach Gläubige aller Weltreligionen. Die Zahl evangelischer Christen habe sich innerhalb von 25 Jahren halbiert, die Bindungskraft der Amtskirche lasse nach, die selbstverständliche  Verankerung der Kirchen im Alltagsleben sei vielerorts aufgehoben. „Aber wir erleben auch, dass für Menschen, selbst wenn sie nicht Mitglied einer Kirche sind, Sinn- und Glaubensfragen eine wachsende Bedeutung bekommen.“ Die Amtskirchen hätten dann Chancen, wenn es ihnen gelinge deutlich zu machen, dass Kirche mit ihrer Botschaft von Hoffnung und Nächstenliebe Antworten auf diese Fragen des Lebens anzubieten hat“, sagte Zull. 

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Fernsehmoderatorin Yvonne Willicks © EMH/Gottfried Stoppel

Yvonne Willicks: Glaube ganz einfach

„Die Putzuschi – jetzt glaubt die auch noch.“ Mit viel Selbstironie und Augenzwinkern berichtete die TV-Moderatorin Yvonne Willicks von ihrem christlichen Glauben. Er habe schon immer zu ihrem Leben gehört. Sie habe nur selten öffentlich darüber gesprochen. Zu groß die Scheu, doch belächelt zu werden oder sich mit „Stammtischparolen“ auseinandersetzen zu müssen. „Es hat mich Mut gekostet, meine Glaubensgeschichte zu teilen“, bekannte Willicks, die als Haushaltsexpertin vor allem im WDR-Fernsehen auftritt. 

Umso schöner, seien die durchweg positiven Rückmeldung auf ihr kürzlich erschienenes Buch „Glaube ganz einfach: Eine persönliche Spurensuche“ gewesen, in dem sie berichtet, „wie Gott uns überall begegnet“. Für Willicks ist es ein Geschenk, wenn sie frohen Mutes durchs Leben gehen kann und sich getragen und behütet fühlt. „Unser Leben braucht Vertrauen und Mut, sprich Glaube“, betonte 48-Jährige. Die Bibel sei ein wichtiger Schatz an Lebensweisheiten, die durch das Leben tragen. 

Besonders wichtig ist der dreifachen Mutter die Teilnahme am Gemeindeleben. Sie berichtete von ihrer Kindheit und Jugend in ihrer katholischen Heimatgemeinde am Niederrhein, wo sie sich als Messdienerin und später als Lektorin engagierte. Es sei nicht schlimm für sie, wenn nicht jeder Gottesdienst Eventcharakter habe. Sie fühle sich gehalten von den alten Texten und Liedern. „Ich brauche den Austausch“, erklärte Willicks, die sich selbst als „rheinische Katholikin“ bezeichnet. 

Ihr persönliches Auferstehungserlebnis sei der Anblick des an Krebs gestorbenen Vaters gewesen, dessen Gesichtszüge nach längerem Todeskampf verkrampft waren, sich dann aber entspannt habe in ein Schmunzeln. „Das war wie eine Auferstehung für mich“, bekannte Willicks. Glaubenskrisen habe sie danach kaum mehr erlebt. „Ich kann nur Mut machen, dem Glauben eine Tür zu öffnen.“

Umfrage: Warum hat die Kirche Zukunft?


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Dr. Petra Bahr, Landessuperintendentin aus Hannover © EMH/Gottfried Stoppel

Dr. Petra Bahr: „Bange machen gilt nicht“

„Ich wünsche mir eine Kirche, die sich traut, traurig zu sein“, sagte Dr. Petra Bahr, Landessuperintendentin aus Hannover mit Blick auf den Traditionsabbruch und zurückgehenden Mitgliederzahlen. Es brauche Räume der Trauer über das, was verloren geht. Aber Bange machen gelte nicht. Es sei unevangelisch, pessimistisch auf die Welt zu blicken. „Christen sind eine Erinnerungs-, Hoffnungs- und Erzählgemeinschaft. Trauen Sie sich, ihre Lebens- und Glaubensgeschichten zu erzählen“, forderte  Bahr. Das gelte auch für die digitalen Räume.

Die Kirche verändere sich und werde vielfältiger auch in den Frömmigkeitsstilen, betonte die Theologin und mahnte: „Nur wer in Bewegung bleibt, erstarrt nicht.“ Die Kirche brauche mehr Platz für Experimente und mehr Freiräume. Dennoch sei blinder Aktivismus zu oft nur ein Ablenkungsmanöver. Es brauche auch den Mut, Dinge zu lassen.  Bahr trat ein für „eine Theologie des Instabilen und einen neuen Sinn für Evangelisation“ und sagte, sie wünsche ich mehr Dankbarkeit. „Ich bin dankbar für das Setting, in dem wir in Deutschland mit seinem Grundgesetz Kirche sein dürfen“, so Bahr. Durch eine Haltung der Dankbarkeit, gelinge es vielleicht auch, an der einen oder andren Stelle „ein wenig weniger staatsanalog zu sein“, aber auch, eine andere Sicht auf die kommenden Reformen zu bekommen.

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© EMH/Gottfried Stoppel

Podiumsdiskussion: „Besitzstandwahrung ist nicht im Evangelium niedergelegt“

Umbrüche zu gestalten und Neues zu entwickeln in Kirchengemeinden, obwohl sie an Mitgliedern verlieren: Das sieht Landesbischof Frank Otfried July als große Herausforderung in den nächsten Jahren an. Bei der Podiumsdiskussion beim Kirchengemeinderatstag sagte er: „Wir müssen unsere Gaben zusammenlegen.“ Petra Bahr wies darauf hin, dass man auch Dinge lassen müsse. Sie werbe dafür, sich als Kirchengemeinderat in geistliche Räume zu begegnen, um eine Antwort auf die Frage zu finden: „Wofür machen wir das?“. „Gehen Sie pilgern oder verbringen Sie ein Einkehrwochenende“, sagte die Landessuperintendentin des Sprengels Hannover. 

Yvonne Willicks appellierte dafür, anstehende Veränderungen als Chance zu begreifen. „Es hilft nicht zu lamentieren, dass so viele Menschen wegbleiben“, sagte sie. „Es sind ja immer noch viele da, die sich engagieren. Lassen wir doch neue Lösungen zu, damit das so bleibt.“ Als Beispiel nannte sie veränderte Sitzungszeiten. Die Bloggerin Jana Highholder wünschte sich mehr Reibung in der Kirche. Ihrer Erfahrung nach behindere der „Stolz der älteren Generation“ viele Veränderungen. „Besitzstandwahrung ist nicht im Evangelium niedergelegt“, pflichtete Bahr Highholder bei. „Ich wünsche mir, dass wir mit dem Generationenkonflikt offener umgehen.“ 

Kirchengemeinderäte im Gespräch mit dem Bischof


Workshops und „Markt der Ideen“

Auf dem „Marktplatz der Ideen“ informierten sich die Besucherinnen und Besucher etwa über neue Impulse für die Arbeit mit Älteren, die Kirchenwahl 2019 oder den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund. In insgesamt 22 Workshops diskutierten sie u. a. über zukunftsfähige Immobilienkonzepte für Kirchengemeinden, die Nutzung von Neuen Medien für Verkündigung und Gemeindeaufbau oder die Kandidatengewinnung für die Kirchengemeinderatswahl. 

Pfarrer Cornelius Kuttler und Antje Metzger vom Evangelischen Jugendwerk in Württemberg (EJW) wiesen in ihrem Workshop „Auf dem Weg zu Seniorenkirche? – von wegen!“ auf die Bedeutung älterer Menschen in der Kinder- und Jugendarbeit hin. „Die Arbeit mit Kindern ist anspruchsvoll, lasst die jungen Mitarbeitenden nicht allein“, so Metzger und wies auf die Bedeutung regelmäßiger Schulungen und Begleitung sowie der nötigen Wertschätzung hin. Für Cornelius Kuttler, Leiter des EJW, gehe es hier auch um eine Frage der Haltung. „Niemand müsse mit 60 noch eine Jungschar leiten. Aber er könne beispielsweise einmal im Monat Jugendleiter einladen, mit ihnen Pizza essen, ihnen zuhören, sie begleiten. „Wenn die spüren, dass mein Herz bei ihnen ist, muss ich auch nicht ihre Sprache sprechen.“

Der Asylpfarrer der Landeskirche, Joachim Schlecht, informierte in seinem Workshop über die derzeitige rechtliche Lage beim Kirchenasyl. Das Kirchenasyl sei eine Möglichkeit in besonderen Härtefällen Zeit zu gewinnen, wenn aufgrund einer drohenden Abschiebung ein Menschenleben in Gefahr ist. Dann könnte der Fall noch einmal vorgelegt und überprüft werden. Generell stellt Schlecht fest, dass sich der Ton von Seiten der Politik in der Asylpolitik verschärft hat. Härtefälle würden zunehmend weniger anerkannt. Auch Kirchenasyle werden nicht gern gesehen. Um ein Kirchenasyl einzurichten, sei der Beschluss des Kirchengemeinderats nötig. Pfarrer Schlecht steht im Vorfeld gerne zur Beratung zur Verfügung und hilft bei der Abwägung aller Argumente.

Umfrage: Fazit der Besucher


Weiteres Programm

Für Unterhaltung sorgten der Kabarettist Christoph Sonntag, die Hanke Brothers sowie der Stuttgarter Bezirksbläserkreis. Am Nachmittag stellte das Lux Kollektiv den Song zur Kirchenwahl vor. 


Der Kirchengemeinderatstag steht im Zeichen der Kirchenwahl, die am 1. Advent 2019 stattfindet. Dann sind die Evangelischen in den rund 1.300 Kirchengemeinden in Württemberg aufgerufen, ihre Kirchengemeinderäte neu zu wählen, außerdem die 90 Landessynodalen. Derzeit engagieren sich rund 10.000 Menschen in Württemberg in diesem ehrenamtlichen Leitungsamt.