Stuttgart/Reutlingen. Bis zu 20 junge Menschen berät Pfarrer Stefan Schwarzer pro Monat in der Frage der Kriegsdienstverweigerung - zehnmal mehr als noch vor zwei Jahren. Schwarzer ist mit einem 50-prozentigen Stellenanteil Friedenspfarrer der württembergischen Landeskirche, mit weiteren 50 Prozent ist er Pfarrer der Reutlinger City-Kirche. Im folgenden Interview erzählt Schwarzer von seiner Beratungsarbeit mit jungen Menschen.
Wie viele Beratungen führen Sie durch?
Pfarrer Stefan Schwarzer: Die Zahl der Beratungsanfragen ist 2025 stark gestiegen. Ende des Jahres war ich bei gut zehn bis 20 Beratungen im Monat – statt zwei bis drei im Jahr zuvor. 2026 läuft das etwa auf diesem hohen Niveau weiter.
Wer wendet sich an Sie?
Pfarrer Stefan Schwarzer: 2022 mit Ausbruch des Ukrainekrieges baten zunächst vor Allem Reservisten um Beratung, 40, 50, 60 Jahre alt, die als junge Menschen Wehrdienst geleistet hatten und jetzt verweigern wollten. Das ist nicht unkompliziert, denn Sie müssen klar begründen, was sich seit damals verändert hat. Inzwischen melden sich nur noch sehr sporadisch Reservisten oder Soldaten und Soldatinnen, die im Zuge ihrer Berufsausübung Gewissensprobleme bekommen. Dafür haben wir in unserem EKD-Netzwerk jemand, der sich an der Stelle gut auskennt. Bei mir melden sich inzwischen fast nur noch junge Menschen von 17 Jahren bis Ende 20 und bei den Minderjährigen oft auch die Eltern. Etwa die Hälfte kommt aus kirchlichen Kontexten.
Was bewegt die jungen Menschen?
Pfarrer Stefan Schwarzer: In den gesellschaftlichen Debatten nehmen die jungen Menschen wahr: Es kann auch mich betreffen, wenn es hier zum Verteidigungs- oder gar zum Spannungsfall kommt. Wenn ich Wehrdienst leiste, werde ich möglicherweise einen Kampfbefehl bekommen. In der Begründung der Verweigerung kommt dann sehr vieles raus, was mich oft auch persönlich berührt, etwa wenn junge Menschen schreiben: Von früh auf habe ich von meinen Eltern, meinen Großeltern gelernt, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Sie erzählen Familiengeschichten, erzählen von Jugendgruppen, von kirchlicher Arbeit, von Engagement in Rettungsdiensten. Für mich ist völlig klar: Diese Menschen wollen sich nicht drücken, weil sie auf irgendwas keinen Bock haben oder so. In vielen Begründungen steht: Ich kann diesen Wehrdienst und womöglich Kampfhandlungen aus Gewissensgründen nicht leisten. Aber ich bin bereit, etwas anderes zu tun, wie beim klassischen Zivildienst.
Was ist das Ziel Ihrer Beratung?
Pfarrer Stefan Schwarzer: Uns in der EKD ist wichtig, dass wir in der Beratung ergebnisoffen sind. Wir sind kein Anti-Bundeswehr-Verein. Wir sagen den jungen Menschen nicht: Geh da auf keinen Fall hin! Sondern wir erklären, was die Möglichkeit bedeutet, nach Grundgesetz Artikel vier aus Gewissensgründen den Wehrdienst zu verweigern. Viele fragen: Was ist denn das mit dem Gewissen? Woher weiß ich, was mein Gewissen mir sagt? Und dann sind wir mittendrin in der seelsorgerlichen Arbeit, da gebe ich keine fertigen Antworten, sondern versuche, mit den Menschen rauszufinden: Was passt und stimmt für dich? Und dabei kann am Ende auch stehen, dass jemand sagt: Okay, ich leiste den Wehrdienst. Und wer verweigern will, den beraten wir, wie das geht.
Wo liegen die Grenzen Ihrer Beratung?
Pfarrer Stefan Schwarzer: Es gibt Fragen, die ich nicht beantworten kann, etwa wenn jemand fragt, ob er mit einer bestimmten Diagnose ausgemustert wird. Das kann ich als Nicht-Mediziner nicht beurteilen. Auch spezifisch juristischen Beistand kann ich nicht leisten. Wenn ein Antrag abgelehnt wird und es darum geht, Rechtsmittel einzulegen, können wir nicht mehr weiterhelfen, denn wir sind keine Juristen. Wir haben aber als EKD-Netzwerk natürlich Kontakte von Juristen, die an dieser Stelle weitermachen.
Wie vertraulich sind die Beratungsgespräche mit Ihnen?
Pfarrer Stefan Schwarzer: Absolut vertraulich. Viele vertrauen sich mir wirklich an und erzählen mir Dinge, die sie ganz bestimmt noch nicht vielen Menschen gesagt haben. Als Pfarrer habe ich Schweigepflicht. Die Gespräche stehen unter dem juristisch garantierten Seelsorgegeheimnis. In diesem geschützten und deshalb sehr offenen Gespräch können sie sich selber auf die Spur zu kommen: Was ist das, was mich bewegt?
Welche Rolle spielt das spezifisch Christliche in Ihren Beratungsgesprächen?
Pfarrer Stefan Schwarzer: Das ist nicht so, also würde man verabreden: Jetzt unterhalten wir uns mal über den Glauben. Aber im Gespräch scheint dann oft etwas hervor, spezifisch christlich oder in einem weiteren Sinn religiös oder spirituell. Man spricht auch über Ängste vor Krieg, vor Krankheit, vor dem allem, was unsere Welt bedroht. Solche Gespräche kann ich als Christenmensch mir gar nicht anders denken als im Licht des Glaubens.
Welche Rückmeldungen erhalten Sie?
Pfarrer Stefan Schwarzer: Die Rückmeldungen, die ich bekomme, sind immer dankbarer Natur. Es ist mir immer eine besondere Freude, wenn Menschen, die bisher mit Kirche keine positiven oder auch gar keine Erfahrungen gemacht haben, mitnehmen, dass Kirche sie hilfreich begleitet hat.
Dan Peter
Sprecher der Landeskirche
HINWEIS: Eine Kurzfassung dieses Interviews als Youtube-Video finden Sie hier. Ein Bild von Pfarrer Stefan Schwarzer finden Sie im Pressebereich unserer Website. Mehr über die Arbeit des württembergischen Friedenspfarramtes erfahren Sie hier.