Stuttgart. Die Evangelische Württembergische Landessynode und der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl haben sich am ersten Tag der Sommertagung mit Gestaltungsspielräumen in der Kirche befasst. Dazu gehören der Umgang mit Transformations- und Reformprozessen, die Frage nach Vertrauen, die Stärkung von Pfarrdienst und Ehrenamt sowie die Weiterentwicklung der kirchlichen Zusammenarbeit. Auch aktuelle gesellschaftliche Themen wie Künstliche Intelligenz, Demokratie und Menschenrechte sowie die Situation in Israel und im Nahen Osten wurden aufgegriffen.
Spielräume schaffen, Gesetze und Zuordnung von Aufgaben überprüfen
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl warb für mehr Gestaltungsspielräume in Kirche und Verwaltung. Innerhalb verbindlicher Regeln müsse es möglich sein, sich an Sinn und Zweck zu orientieren und verantwortliches Handeln vor Ort zu stärken.
Reformprozesse mit mehr Steuerung in den Kirchenbezirken
Um aber zu einer auftragsorientierten Arbeit der Kirchengemeinden zu kommen, müsse der Prozess gesteuert werden. Diese Steuerung solle auf der Ebene der Kirchenbezirke angesiedelt sein – anders als in der Vergangenheit. Der Oberkirchenrat solle sich künftig stärker als unterstützende Serviceagentur verstehen. Das neue Dienstgebäude des Oberkirchenrats stehe dabei exemplarisch für Innovation und Erneuerung, bleibe aber vor allem ein Ort im Dienst der Menschen in den Kirchengemeinden und Einrichtungen der Landeskirche.
Attraktivität und Anstellungsverhältnis des Pfarrberufs – Stärkung des Ehrenamts
In der aktuellen Debatte um die Anstellungsform von Pfarrerinnen und Pfarrern bekannte sich Gohl klar zum öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis. Gohl hob hervor, dass Haupt- und Ehrenamtliche gemeinsam Verantwortung für den kirchlichen Auftrag hätten. So gehörten in der Leitung einer Kirchengemeinde die theologische Leitung und die wirtschaftlich-organisatorische Leitung untrennbar zusammen.
Auftragsklärung und Entlastung von Berufsgruppen
Eine enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Aufgabenbereiche sei unverzichtbar, zu dessen Beginn einer dienstübergreifenden Kooperation stehe die Auftragsklärung, dessen Rahmen die Verkündigung des Evangeliums sei.
Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz und die Rolle der Kirchen
Die Kirche müsse sich aktiv mit den Chancen und ethischen Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen, sagte Gohl und verwies auf die vom Vatikan veröffentlichte Enzyklika Magnifica humanitas von Papst Leo XIV. Ziel sei es, kompetent und wahrnehmbar an gesellschaftlichen Debatten mitzuwirken und mit der katholischen Kirche Orientierung zu geben.
Zunahme des Antisemitismus in Deutschland und Gewalt in Nahost
Mit Blick auf den Nahost-Konflikt warb Gohl für Differenzierung und Empathie gegenüber den Opfern auf allen Seiten. Zugleich betonte er die besondere Verantwortung, dem stark gestiegenen Antisemitismus in Deutschland entgegenzutreten.
Rolle der Kirche bei Stärkung der Demokratie
Gohl unterstrich die Rolle der Kirche als Ort des Dialogs und des respektvollen Austauschs auch bei kontroversen gesellschaftlichen Fragen. Zugleich bekräftigte er die Verantwortung der Kirche für Schutzsuchende und warnte vor pauschalen Vorurteilen gegenüber Geflüchteten.
Ausblick im Vertrauen auf Gott
Zum Abschluss seines Berichts stellte Landesbischof Gohl die christliche Hoffnung und das Vertrauen auf Gott in den Mittelpunkt. Trotz der vielfältigen Krisen in Gesellschaft, Kirche und persönlichem Leben gebe es Grund zur Zuversicht. Entscheidungen über künftige Schwerpunkte, den Umgang mit Ressourcen und notwendige Veränderungen müssten aus dieser Haltung des Vertrauens heraus getroffen werden. Das verbindende Fundament der Kirche sei und bleibe Jesus Christus als ihr gemeinsamer Grund.
Gesprächskreisvoten zum Bericht des Landesbischofs
Im Gesprächskreisvotum für die Offene Kirche regte Elisabeth Holm an, im Transformationsprozess Fragen zu stellen, bei denen die Kirche vielleicht noch nie war. Beispielsweise, ob die Welt Kirche überhaupt noch brauche. Solange vorausgesetzt würde, dass Kirche um jeden Preis erhalten werden müsse, würde sie zum Selbstzweck. Christus sage: „Siehe, ich mache alles neu.“ Nicht: Ich optimiere alles oder: Ich sichere alles ab. Vielleicht hieße neu nicht Reform, sondern Mut, das Bekannte zu unterbrechen, noch einmal ganz an den Ursprung zu gehen. Kulturen würden nicht durch Mangel an Geld sterben, sondern durch den Mangel an Vorstellungskraft.
Für den Gesprächskreis Lebendige Gemeinde bekräftigte Rainer Köpf: Gottvertrauen sei wichtig. Aber es gäbe auch ein "falsches, faules, fatalistisches Gottvertrauen" nach dem Motto „Dr Herrgott wird’s schon richten.“ Gottvertrauen schaffe Spielräume. Diese müssten aber auch aktiv genutzt werden und mit ganzer Konsequenz. Es gäbe Situationen, in denen es ermöglicht werden solle, mehr Gottesdienste in den Geschäftsordnungen zuzulassen, als Pfarrpersonen diese unmittelbar leisten können. Dies würde eine Stärkung des Ehrenamts bedeuten. Weiter setze sich die Lebendige Gemeinde für einen breiteren Korridor von Zugängen zum Pfarramt ein.
Für den Gesprächskreis Kirche für Morgen betonte Sebastian Bugs, Synode und Oberkirchenrat sollten sich gemeinsam als Kirchenleitung verstehen, dann könnten neue Spielräume und auch neues kirchliches Recht geschaffen werden. Gemeinden bräuchten weniger Auflagen und eine Verteilung der Aufgaben nach Gaben und Interessen. Das Bauprojekt des neuen Oberkirchenrats sei gelungen. Es stehe aber im Kontrast zum Immobilienprozess (OIKOS) in den Gemeinden. Bugs beschreibt ein Grundgefühl der Gemeindeglieder gegenüber der Kirchenleitung und dass es eine Menge verlorenes Vertrauen gäbe, das nicht nur durch Analyse, sondern unter anderem durch Gespräche zurückverdient werden müsse.
Im Gesprächskreisvotum für den Gesprächskreis Evangelium und Kirche sagte Philipp Jägle, die Kirche dürfe öffentliche Fragen nicht den bloßen Logiken von Macht, Markt oder Angst überlassen. Weiterhin sei die Kirche nicht zuerst ein zu optimierender Apparat, sondern der Raum, in dem Gottes Wort Menschen erreiche. Alles, was an Struktur, Leitung und Reform bedacht werde, müsse sich daran messen lassen, ob es dem Evangelium diene. Reformen sollten nicht nur als Notwendigkeit der Reduktion verstanden werden, sondern als theologische Klärung dessen, was Kirche im Kern sei. Dann werde aus Sparen nicht bloß Verlustverwaltung, sondern ein Schritt zur Konzentration auf das Evangelium.
Dan Peter
Sprecher der Landeskirche
HINWEIS:
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