„Wir gehören in der weltweiten Christenheit zusammen“

Zur Wahl des Begriffs „biodeutsch“ als Unwort des Jahres 2024

Als Unwort des Jahres 2024 hat die Jury aus 3172 Einsendungen das Wort „biodeutsch“ ausgewählt. Ausdrücklich betont die Jury, sie kritisiere damit „nicht den ironisch-satirischen, sondern den diskriminierenden Wortgebrauch, weil er gegen die Idee von demokratischer Gleichheit und Inklusion verstößt und eine Privilegierung der imaginären Gemeinschaft der ‚Biodeutschen‘ gegenüber Gruppen darstellt, die aus dem rassistischen Konstrukt der vermeintlichen ‚Biodeutschen‘ ausgeschlossen werden.“ Durch die nicht-ironische Verwendung des Wortes werde ein biologischer Zusammenhang von Nationalität und ‚Deutschsein‘ imaginiert, den es nicht gebe. Im Folgenden finden Sie dazu ein geistliches Wort von Pfarrer Harry Waßmann, das 2017 als SWR2 Wort zum Tag gesendet wurde.

"Biodeutsche“. In Diskussionen um Migranten und Einheimische taucht dieses Wort immer wieder auf. „Biodeutsch“ will Herkunft bezeichnen. Man will damit sagen: die Vorfahren sind Deutsche  –  also Menschen ohne Migrationshintergrund. Die gehören dazu. Die Anderen sind Fremde. „Biodeutsche“ hat für mich einen bitteren Beigeschmack. Es hört sich an wie ein Zertifikat – wie eine Lebensmittelbezeichnung.

Bekannt ist das Sprichwort: „Blut ist dicker als Wasser.“ Will sagen: Familienbande sind enger als Freundschaft oder soziale Verbundenheit.
Nur: Die gegenteilige Erfahrung ist genauso verbreitet: Wer hat das nicht schon erlebt und ist enttäuscht, verletzt und verlassen von Blutsverwandten – von den Nahen wie den Fernen. Wie viel Streit und Zwietracht brechen unter Blutsverwandten auf.

Christen leben aus einer anderen Erfahrung. Die Natur – die Herkunft – die Blutsverwandtschaft – die hat nicht das entscheidende Gewicht – sie stiftet nicht meine Identität als Christ. Das Entscheidende, worauf es im Leben und Sterben ankommt – kommt von woanders her. Ein Christ ist ein Kind seiner Eltern – und ein Kind Gottes – ein Ebenbild Gottes. Egal aus welcher Nation, also aus welcher Geburt und Herkunft ein Mensch kommt.

Das ist eine tiefe Überzeugung im Christentum und kommt auch im Ritual der Taufe zum Ausdruck. Getaufte sind wie von Gott adoptiert. „Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“, schreibt Paulus einmal (Röm 8,14). Getrieben nicht von den nackten Eigeninteressen des eigenen Volkes, sondern vom Geist Gottes.

Jesus sagt es einmal seiner besorgten Mutter und seinen Brüdern so: „Wer den Willen Gottes tut – der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,35)

Will sagen: Herkunft und Verwandtschaft ist nicht nur „bio“ – sondern spirituell, geistig gegründet. Wir gehören in der weltweiten Christenheit zusammen: Familie und Freunde, Inländer und Ausländer, hier Geborene und Eingewanderte – und zwar da, wo wir diese Werte mit Leben erfüllen – ein Leben in Frieden und Freiheit und Gerechtigkeit.

Ich empfinde das als befreiend: nicht nur ein Biodeutscher – sondern mehr als das zu sein. Als Christ bin ich doppelter Abkunft - auf eine Weise ein Mischling. Zumal durch Jesus von Nazareth noch eine ganz andere Kultur – eine ganz andere Dimension in mein Leben tritt. Die Jüdische. Als Christ, werde ich das nicht los. Gott sei Dank.

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